DIE ZEIT: »Afrika, mon amour« reiht sich ein in eine Menge von Filmen und Büchern, die in den vergangenen Jahren zum Kontinent herausgekommen sind.Wie erklären Sie sich diese Faszination? Iris Berben: Afrika gilt noch immer als fremd und exotisch.Vielleicht hat seine Beliebtheit etwas mit Sehnsucht zu tun, mit der Sehnsucht nach den Wurzeln.Als wir in Kenia auf einem kleinen Hügel gedreht haben, ging es mir bei dem Blick über die Steppe plötzlich durch Kopf und Seele und Herz: Wahrscheinlich ist das hier die Wiege von uns allen.Gleichzeitig wissen wir um die Probleme: Nairobi ist ein unruhiges und gefährliches Pflaster geworden, überall herrscht Korruption, es mangelt an Bildung.Möglicherweise ziehen uns gerade diese Gegensätze an: die ungewöhnliche Verbindung von Schönheit und Härte. ZEIT: Besonders schwierig sollen die Dreharbeiten gewesen sein. Berben: Einfach waren sie nicht.Zu Beginn habe ich mir in Kenia beim Sturz vom Pferd die Bänder und den Meniskus gerissen und musste auf Krücken weiterspielen.Einmal hat starker Regen eine unserer Kulissen weggeschwemmt, sodass ganze Drehtage ins Wasser fielen.Die Kamera hielt der Luftfeuchtigkeit nicht stand so kam die ganze Produktion immer wieder mal zum Stillstand. ZEIT: Als Katharina von Strahlberg schlüpfen Sie in die Rolle einer früh emanzipierten Frau.Welche Bedeutung hat das Drehbuch für Sie? Berben: Die Geschichte spielt während des Ersten Weltkriegs vornehmlich im damaligen Deutsch-Ostafrika.Dorthin flüchtet Frau von Strahlberg aus Berlin nach der Trennung von ihrem Ehemann.Sie arbeitet als Reisekrankenschwester, begleitet ihre Kollegen, die Suaheli sind, durch das ganze Land und wird sogar in einem britischen Hospital tätig.Es ist die Geschichte einer Frau, die immer auslotet: Wie weit kann ich als Alleinstehende gehen?Wie schaffe ich es, mich als Frau in einem feindlichen, nichtemanzipierten Umfeld zu behaupten? ZEIT: Ihr Team hat auch auf Lamu gedreht, einer Insel vor der Küste Kenias, die überwiegend von Muslimen bewohnt ist.Auf dem Marktplatz wurde eine christliche Kirche als Kulisse installiert, die Dreharbeiten mussten aus Termingründen im Fastenmonat Ramadan beginnen.Wurde das als Provokation empfunden? Berben: Es gab viele Diskussionen: Darf man während dieser Zeit überhaupt arbeiten?Wie schafft man es, die Ruhe möglichst wenig zu stören?Glücklicherweise hat uns der Imam geholfen.Im Freitagsgebet rief er die Gläubigen auf, uns zu unterstützen.Ein Grund dafür war sicherlich, dass 1200 Menschen einen Job fanden, wenn sie beispielsweise als Komparsen engagiert wurden.Insgesamt ließen wir zwischen 300000 und 400000 Dollar auf der Insel. ZEIT: Welchen Einschränkungen war die Arbeit im Ramadan unterworfen ? Berben: Grundsätzlich bewegt man sich sehr umsichtig in dieser Zeit, man möchte niemanden stören oder Glaubensregeln missachten.Wir haben uns daran gehalten, in der Öffentlichkeit weder zu essen noch zu rauchen.Die Frauen müssen Arme und Dekolleté bedecken, die Männer dürfen nur in langen Hosen herumlaufen.Auch das haben wir natürlich respektiert. ZEIT: Lamu galt in den siebziger und achtziger Jahren als ein Traumziel der internationalen Hippiebewegung ähnlich wie Kathmandu oder Goa.Sind noch Spuren davon da? Berben: Ich war im Peponi untergebracht, in einem Hotel, das einem schon das Gefühl gibt, die Zeit sei stehen geblieben.Nach 40 Jahren kommen die Hippies wieder dorthin zurück, immer noch mit einer gewissen Lässigkeit, aber jetzt etabliert.Inzwischen können sie sich auch die Klimaanlage leisten und den Hummer am Abend. ZEIT: Seit 2001 ist die Altstadt von Lamu mit ihren engen Gassen Unesco-Weltkulturerbe.Wie idyllisch ist dieser Ort wirklich? Berben: Das Leben läuft sehr geruhsam ab.Es gibt nur ein einziges Auto, Baumaterialien und Lebensmittel werden mit Eseln transportiert. Gleichzeitig verfallen viele Häuser.Der Müll türmt sich.Aus europäischer Perspektive würden wir sagen: Was könnte man aus so einem Ort machen?Aber viele Menschen verweigern sich dem Tempo, der globalen Vereinheitlichung, den Erwartungen einer Tourismusindustrie. Und ich finde, dass das auch etwas mit Würde zu tun hat. ZEIT: Reden Sie sich den Schlendrian schön? Berben: Überhaupt nicht.Denn natürlich macht es auch wütend, wenn man durch den Dreck watet und sieht: 100 Meter weiter geht es doch auch, da räumen die Leute ihren Müll weg.Ein Teil der Bevölkerung von Lamu drängt nach vorn, will Geld machen, sein Leben verbessern, und der andere bremst, sorgt sich um seine Kultur, will bewahren.Diesen Gegensatz zu beobachten ist spannend. ZEIT: Stießen Sie auch während der Dreharbeiten auf den Gegensatz von europäischem Leistungsdenken und afrikanischer Gelassenheit? Berben: Wir mussten uns auf eine andere Arbeitsweise und auf eine geringere Geschwindigkeit im Alltagsleben einstellen.Ein Großteil der Leute, die wir als Komparsen anstellten, waren keine Profis.Und das tat uns allen ganz gut.Jeder guckte sich vom anderen ein bisschen was ab.Wir lernten, trotz des Zeitdrucks gelassener zu sein, die Leute dort wurden vom Tempo der Dreharbeiten angetrieben. ZEIT: Glauben Sie, dass Sie Afrika etwas besser kennengelernt haben? Berben: Oh ja.Ich habe viel intensivere Erfahrungen gemacht als beispielsweise während einer Safari, auf der man in diesen traumhaften Lodges übernachtet.Als wir mit einem einheimischen Team zusammenarbeiteten, hat mir eine junge Krankenschwester erzählt, wie schwierig es heute noch ist, sich gegen die Traditionen aufzulehnen und ein eigenes Leben aufzubauen.Eine Tochter, die sich nicht einfach verheiraten lässt, sondern einen Beruf ergreift, eventuell sogar studieren und eine eigene Weltsicht entwickeln will das empfinden viele Eltern gerade außerhalb von Nairobi immer noch als Provokation. Weil ich von den wahren Lebensgeschichten der Leute hörte, habe ich ein bodenständiges, realistisches Bild von diesem Land bekommen. Interview: Franz Lerchenmüller