Ioan Popa ist einer von der zweiten Stufe.Ziemlich kräftig, dieser Mann, der aus der Mercedes-S-Klasse steigt.Auf seinem beigefarbenen Wollpullover steht vorn Hugo Boss, kein Hemd darunter, nur eine Goldkette.Popa raucht, wie eigentlich dauernd.Rein äußerlich bestätigt er ziemlich gut das Bild des etwas windigen, mit allen Wasser gewaschenen Ostunternehmers. Schätzungsweise 970000 Kleinstunternehmen gibt es in Rumänien, hat die deutsch-rumänische Handelskammer in Bukarest ermittelt.Das ist aber nur die erste Stufe, gemeint sind damit Firmen bis zu fünf Millionen Euro Jahresumsatz.Die zweite Stufe bilden Unternehmen bis 50 Millionen Umsatz - 25000 Rumänen haben es so weit gebracht überwiegend gut ausgebildet, sagt die Kammer, Diplomingenieure und Akademiker.Die dritte Stufe der rumänischen Unternehmenslandschaft sei überwiegend in ausländischer Hand.Das sind die Top 5000. Bei den Top 5000, so die deutsch-rumänische Kammer, würden viele denken, dass man mit Schmiergeld in Rumänien etwas erreichen kann. Ioan Popa denkt das nicht, schon lange nicht mehr.Popa ist 38 Jahre alt und stammt aus Südwestrumänien.Vor zwölf Jahren entschied er gemeinsam mit zwei Freunden, die Pastafirma Montebanato aufzubauen. Mit 18 Millionen Euro Umsatz ist sie heute die stärkste Pasta-Marke in Rumänien.Und weil Montebanato ein Distributionsnetzwerk vorweist, welches jeden ihrer 11000 Kunden überall im Land binnen 48 Stunden beliefern kann, werfen manch ausländische Konzerne schon begehrliche Blicke auf Popas Schöpfung.Italienische und polnische Großunternehmer sind an seiner Firma interessiert. Im Westen ist das Urteil überwiegend eindeutig: Rumänien, das ist ein Sumpf von Korruption, ein rückständiges Land, das längst nicht reif ist für die Mitgliedschaft im europäischen Club, dem es seit ein paar Tagen jedoch angehört.Und trotzdem hat Rumänien in 16 Jahren eine Million neue Unternehmer hervorgebracht.Seit dem Ende des Kommunismus schrumpfte mit ihrer Hilfe die Staatsquote von 80 auf unter 30 Prozent.Und nicht wenige dieser Unternehmer sind mit ehrlichem Geld groß geworden. Er reist nach Berlin und übernachtet in den Parks.Ein Jahr lang hält er das aus Einer von ihnen, sagt Ioan Popa, ist Ioan Popa.Also ist seine Geschichte auch die Geschichte eines Rumänen, der die Arroganz und die Vorurteile der Westler inzwischen leid ist.Sie schmerzen ihn.Und sie treiben ihn an. » Wir sind doch alle Europäer«, findet der Mann, der neben seiner Muttersprache fließend Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch spricht und sich mit Italien, wie so viele seiner Landsleute, auch kulturell stark verbunden fühlt. Popa wird 1968 in der kleinen westrumänischen Stadt Lugoj geboren. Sein Vater und seine Mutter arbeiten beide in Stahlfabriken, sie lassen sich allerdings kurz nach der Geburt ihres Sohnes scheiden. » Eine ältere Frau deutscher Abstammung« habe ihn großgezogen, berichtet Popa. » Von ihr habe ich Disziplin und Durchhaltevermögen gelernt«, ergänzt er.Diese Eigenschaften, so Popa, seien eher untypisch für Rumänen.Auch Rumäniens Ministerpräsident Calin Popescu Tariceanu meint, dass die Rumänen das harte Arbeiten von Westeuropa noch lernen müssten. Ende der 1980er Jahre studiert Popa Ingenieurwissenschaften im westrumänischen Recita, 70 Kilometer von der 500000 Einwohner großen Studentenstadt Timisoara entfernt. 1989, während die Studenten in Timisoara auf die Straße gehen und damit das Ende der Ära des kommunistischen Diktators Ceauescu auslösen, denkt Popa nicht an Revolution.Er denkt darüber nach, in welches Land er als Erstes reisen will, um möglichst schnell Kapitalismus zu lernen. » Wir waren 1990 der erste Abschlussjahrgang, der keine Jobgarantie hatte.«Das ist ein Satz, der wohl nur für einen Menschen, der unter den vorgeschriebenen Wegen der Planwirtschaft litt, so befreiend klingen kann. Also fährt der damals 22-Jährige mit einem Freund nach Berlin.Um Geld zu sparen, schlafen sie mitunter in den Parks der deutschen Metropole. Ein Jahr lang hält er das aus. » Damals begriff ich, dass wir den Westen zu Hause kopieren müssen.«Samt seinen ersten Geschäftskontakten kehrt Popa nach Rumänien zurück.Er importierte Turnschuhe, Nescafé, später Autos und verdient damit sein erstes Geld. Dann macht Popa einen Lebensmittelladen auf, denn auch in den kleineren Städten und auf dem Land verlangen die Rumänen nach besserem Essen.Um an frische Ware zu gelanden, fährt er einmal in der Woche mit seinem Transporter in das 520 Kilometer entfernte Bukarest.Eine vollständig ausgebaute Autobahn fehlt bis heute.Am Ziel angekommen, kauft er Obst und Gemüse, Schokolade und Wein und bringt alles wieder in die Heimat. » Das gab es hier noch nicht«, sagt er. » Hier« ist immer noch seine Unistadt Recita.Hier ist er noch heute zu Hause, hier produziert er seine Pasta.Montebanato heißt seine Marke auch deshalb, weil Recita in der Banater Bergregion liegt, den westlichen Ausläufern der Karpaten, die sich durch ganz Rumänien ziehen.Das sind auch jene Berge, denen sein nächstes Projekt gilt. Ein modernes Ski-Eldorado will er bauen, das in ganz Europa bekannt werden soll, »ein zweites Tirol«, wie er sagt. 60 Hektar habe er sich schon gesichert.Wieder einmal will er es dem Westen beweisen. Popa mag die Globalisierung nicht.Die großen Supermarktketten, an sich seine Hauptkunden, seien ihm zu anonym.Auf seinem Pullover stehe Hugo Boss, im Herzen aber sei er ein romantischer Patriot.Er träumt von einer Burg in seinen Banater Bergen, hält sein Privatleben für »ein Desaster« und denkt über Familie nach. Andererseits: Popa ist auch ein Lebemensch.Er liebt gutes Essen, schnelle Autos, die Berge das Skifahren, Italien.Er reist gern und viel und wenn er zurückkehrt, spielt er den kleinen Fürsten von Recita.Wer mit Popa ein Restaurant betritt, wird bestaunt und bedient.Die Kellner wissen von seinen neuen Projekten in den Bergen. Ein Restaurant am See und ein Hotel stehen schon da oben.Und sie kennen seine Fabrik. 320 Leute arbeiten heute für Popas Pasta-Unternehmen.Unter den Teigwaren-Produzenten ist er der stärkste in Rumänien.Nach Umsatz ist Montebanato Marktführer, gemessen am Absatz die Nummer zwei.Der Konkurrent Pambac verkauft zwar mehr, ist aber billiger. » Ioan Popa hat mit einer kleinen Firma angefangen, aber er wusste, wie man einen Markt erobert«, sagt der Lokalpolitiker Horia Irimia aus Recita. » Er verstand, das beides wichtig ist: die Produktqualität und das Marketing.« » Mir ist die EU egal.Ich selbst brauche die Union nicht« Auf die Idee mit der Pasta war Popa gekommen, als er nach der ersten Westreise durch seinen Laden ging und überlegte, welches Produkt man wohl am einfachsten selbst herstellen könnte.Für Pasta braucht man nur Mehl, Wasser und je nach Präferenz Eier.Pasta kann man lange lagern.Pasta, die Kartoffel der Italiener.Es würde, dachte sich Popa, nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die Rumänen die Pasta wiederentdecken würden. 1994 ging es los.Der erste große Kredit, die erste Pastamaschine, gebraucht gekauft in Bukarest.Aufgebaut in Recita auf dem Gelände eines staatlichen Gemüsehandelsunternehmens, zunächst als Mieter, heute als Besitzer. 100 Tonnen Pasta produzierte das Unternehmen im ersten Jahr, 12 Jahre später sind es 10000 Tonnen hundertmal so viel. Und all das wirklich ohne Schmiergelder? » Wirklich ohne«, hat eine unabhängige Unternehmensprüfung vor Kurzem ergeben.Popas Montebanato sei allein mit Bankkrediten gewachsen. In der Schweiz und in Deutschland kaufte er nach und nach vier weitere Maschinen.Immer holte er sie selbst ab und besuchte dabei stets so viele Pasta- und Logistikunternehmen wie möglich, um zu lernen. » Wir müssen nur den Westen kopieren«, sagt er immer wieder. » Wenn ich Vorlesungen an der Universität von Recita halte«, sagt Lokalpolitiker Irima, »verwende ich Popa und sein Unternehmen immer als best practice-Beispiel.« Popa kaufte alte Maschinen, immerhin von der Schweizer Qualitätsmarke Bühler, aber aus den Baujahren 1955, 1965 und 1985.Einen seiner Partner hatte Popa während seines Ingenieurstudiums in Recita kennen gelernt.Alexandru Burza ist bis heute sein technischer Direktor. Nebenher lehrt der mittlerweile promovierte Ingenieur natürlich an ihrer alten Alma Mater von Recita. Wenn es um Geldfragen geht, schüttelt Burza den Kopf und zeigt auf den »Boss«.Wenn es allerdings um technische Frage geht, holt der im Gegensatz zu Popa ruhige und nur schlecht Englisch sprechende Professor einen seiner mit Zeichnungen prall gefüllten Ordner aus dem Regal.Die Büroräume stehen neben der Fabrikanlage in Recita.Es sind helle, moderne Büroräume. Dank Burza konnte Popa ruhigen Gewissens die alten Maschinen kaufen. Alexandru Burza hat sie dann selbst aufgerüstet und dem Unternehmen damit hohe Anlagekosten erspart. Ob er Angst vor der Europäischen Union habe?Popa lacht. » Mir ist die EU egal.Ich selbst brauche die Union nicht.«Bereits vor zwei Jahren hat er sich deutsche ISO-Zertifikate für Sicherheit und Hygienestandards geholt. » Das war zwar mühsam«, aber dafür werde ihm Brüssel jetzt nichts mehr anhaben können.Sorgen bereitet ihm eher der heimische Markt für rumänische Produkte.Bisher war rumänischer Wein oder rumänische Schokolade durch Einfuhrzölle geschützt. » Die Konkurrenz, die Brüsseler Auflagen es wird härter werden.« Andererseits ist Rumänien auf dem Weg nach Europa schon ein gutes Stück vorangekommen.Im reicheren Westteil des Landes, in den Städten Timisoara, Arad oder Sibiu, tendiert die Arbeitslosigkeit gegen null. Ausländische Firmen wie Siemens oder SAP haben Mühe, genügend Fachkräfte zu bekommen.Der private Konsum läuft prächtig, die Menschen kaufen.Pasta sowieso. » Wir haben hier in Rumänien noch immer ein enorm starkes Nachholbedürfnis«, sagt Popa.Nächste Woche fährt der rumänische Nudelkönig nach Hannover.Dort wird er sich seinen neuen Mercedes abholen.