Wohl keine andere Hinrichtung der vergangenen Jahrzehnte hat so viel Zustimmung erfahren wie jene von Saddam Hussein.Selbst Gegner der Todesstrafe zeigen Verständnis - daran ändern auch die mit einem Handy dokumentierten makabren Umstände nichts.Und wer wollte es den Verfolgten des Regimes verdenken, dass sie nach der Exekution des Despoten Genugtuung empfinden. Husseins Tod durch den Strang ist in der Tat ein schwieriger Fall nicht nur, weil der Westen den Diktator lange gestützt hat.Saddam Hussein war kein »gewöhnlicher« Totschläger.Er war ein Massenmörder, der Hunderttausende Menschen einsperren, foltern und töten ließ.Der Nachbarländer überfiel und Tausende Kurden mit Giftgas umbrachte.Mit Hussein wurde dem Bösen schlechthin der Prozess gemacht. Angesichts dieser Grausamkeit und der erdrückenden Beweislast verblassen die üblichen Einwände gegen die Todesstrafe: Sie sei grausam, weil der Hinzurichtende über ein erträgliches Maß hinaus leide.Sie sei archaisch, weil dem primitiven Gedanken der Rache verhaftet.Sie schrecke potenzielle Täter nicht ab.Und sie sei unumkehrbar, weil die Justiz einen Irrtum nicht mehr korrigieren könne. Überdies herrscht im Irak immer noch Krieg, werden jeden Tag Dutzende Menschen ermordet.Lag es da nicht nahe, jenen zu beseitigen, der das Land ins Unglück gestürzt hat?Viele wollten unter die furchtbare Ära Saddam Husseins endlich einen Schlussstrich ziehen, das Todesurteil stand von Anfang an fest. Gleichwohl war es falsch, den Despoten zu töten.Nicht nur wegen der Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens und an der Unabhängigkeit der Justiz.Der Tod durch den Strang war auch ein Fehler, weil er die tragische Gewalt im Irak fortsetzt und beschleunigt.Zudem hatte das Gericht nur einen kleinen Teil von Husseins Untaten angeklagt.Seine großen Menschheitsverbrechen, wie das Kurdenmassaker von Halabdscha, kamen gar nicht zur Sprache und harren weiter der rechtlichen Bewältigung. Es sind allerdings nicht nur solche Zweckmäßigkeitserwägungen, die der Exekution entgegenstanden.Der eigentliche Skandal ist die Todesstrafe selbst.Kein Staat hat das Recht, einen Menschen, der sich wehrlos in seiner Hand befindet und ein im Gefängnis einsitzender Verbrecher ist ein solcher , zu vernichten.Er stellt damit seine eigene Legitimation infrage: Leben zu schützen. Es war ein großer Schritt der menschlichen Zivilisation, dass sich der Staat zwischen die privaten Rächer stellte.Ein weiterer Schritt war, dass er sich bei der Ausübung seiner Macht selbst Fesseln anlegte. Dazu gehören die Achtung des Lebens und die unbedingte Achtung der Menschenwürde.Letztere ist unantastbar und aller staatlichen Gewalt vorgeordnet.Wer einen Menschen zum Tode verurteilt, nimmt ihm sein Leben und raubt ihm damit seine Würde. Im Irak wurde die Menschenwürde jahrzehntelang mit den Füßen getreten. Es wäre deshalb segensreich gewesen, der noch junge, allenfalls halb fertige neue Staat hätte sich von dieser schlimmen Vergangenheit eindeutig abgewendet und auf die Erhängung Husseins verzichtet.Es war natürlich viel verlangt von den Irakern, dass sie, die von ihrem Staat nur Barbarei erfahren hatten, einen Schritt vor einem barbarischen Akt haltmachten aber es wäre ihnen zu wünschen gewesen, sie hätten diese fast übermenschliche Kraft gefunden. Weltweit ist die Ächtung der Todesstrafe auf dem Vormarsch auch wenn China und Iran jährlich Tausende von Menschen hinrichten und sogar freiheitliche Staaten wie die USA und Japan eisern exekutieren.In der EU gehört das Nein zur Todesstrafe zum Grundgesetz, wer beitreten will, muss sich zu ihrer Abschaffung verpflichten. Für europäisches Selbstlob besteht allerdings kein Anlass.Deutschland hat die Todesstrafe erst 1949, nach der Barbarei des »Dritten Reiches« und nach den Nürnberger Prozessen, aus dem Gesetz verbannt. Großbritannien folgte 20 Jahre später, Frankreich erst 1981.Zudem ist der Konsens in der EU oft brüchig.So nannte Tschechiens Premier Mirek Topolánek das Todesurteil gegen Hussein »einen Akt der Gerechtigkeit«, und Polens Präsident Lech Kaczyski hat wiederholt öffentlich mit der Wiedereinführung der Todesstrafe sympathisiert. Deren Ächtung aber bleibt ein großer zivilisatorischer Fortschritt. Sie erlaubt, wie das Verbot der Folter, keine Ausnahme.Nicht einmal bei Saddam Hussein. + + Audio www.zeit.de/audio