Film Die Schnörkellose

Bekannt geworden ist Maren Kroymann als Kabarettistin. Jetzt brilliert sie in Angelina Maccarones Film "Verfolgt" als reife Geliebte in einer Sadomaso-Beziehung

Da hat man den halben Vormittag mit ihr über ihren neuen Film geredet, über Frauen und Frauenkarrieren, und könnte am Ende einiges darüber sagen. Nichts aber oder fast nichts über ihr Äußeres, das doch in ihrem Beruf so wichtig ist. Wie sie das Haar trug, welchen Pullover sie anhatte, welchen Rock, welche Schuhe, nichts über all die Kleinigkeiten, die sonst nebenbei abgespeichert werden.

"Ich strahle wohl so etwas Durchschnittliches aus", sagt Maren Kroymann. Die Regisseurin Angelina Maccarone wollte für ihren Film Verfolgt genau das. Eine Frau wie sie. Eine Schnörkellose. Beim heiteren Beruferaten würde Maren Kroymann wohl nicht zu den Schauspielerinnen gerechnet. Schon gar nicht zur Kategorie derer, die als ausnehmend "erotisch" gelten. Nach den Regeln des Geschäfts wäre sie damit für die Rolle der Elsa in Verfolgt eine glatte Fehlbesetzung. Beim vergangenen Filmfest in Locarno bekam der Film den Goldenen Leoparden , und die Zuschauer nahmen den Film an. Es hätte auch Ablehnung geben können.

"Achten Sie mal auf die Reaktionen, wenn Sie den Plot erzählen", sagt Kroymann. "Da kommen irgendwann diese Steilfalte und ein sehr konzentrierter Blick.Und dann die Frage: Musste sie DAS jetzt auch noch spielen?" Sie musste nicht, sie wollte. Ein Film über eine Sadomaso-Beziehung: Eine Frau, Anfang fünfzig, verheiratet, mit erwachsener Tochter, Bewährungshelferin, bekommt von einem gerade 16-jährigen Straftäter das ziemlich unverhohlene Angebot, sich ihr sexuell zu unterwerfen. Nach anfänglich heftiger Abwehr nimmt sie es an, unsicher, amateurhaft, fast schüchtern, bis sie sich in ihr Begehren fallen lässt.

Elsa und Jan (Kostja Ullmann) haben eine SM-Affäre, ohne Lack und Leder, doch mit einer Spannung, die sich in jeder Geste, jedem Schritt, jedem Blick überträgt. SM, das klingt nach kalkuliertem Tabubruch. Tatsächlich überschreitet der Film Grenzen. Da ist die ältere Frau mit dem sehr viel jüngeren Mann, die Sozialarbeiterin mit dem Schutzbefohlenen und nebenbei die bekennende Lesbe Maren Kroyman mit dem bildschönen Kostja Ullmann.

"Hilft es dir, wenn du weißt, dass ich lesbisch bin?", hat sie ihn gefragt, als es um eine sehr intime Szene ging. "Mir hätte das geholfen, wenn ich gewusst hätte, der andere hat nicht so einen Jieper auf mich." Kostja Ullmann habe darauf nur gelächelt.

Doch der eigentliche Tabubruch liegt ganz woanders. "Da ist eine Frau zu sehen, die nicht die von Kino, Fernsehen, Werbung suggerierten Vorgaben der Geilheit erfüllt." Eine, die normal aussieht, eben altersgemäß, und die dennoch erotisch begehrt wird. Das ist das Verstörende. Das weckt Aggressionen, auch bei Frauen.

Drehbuch, Regie, Kamera üben sich in maximaler Zurückhaltung. In Schwarz-Weiß gedreht, werden die Nacktszenen - er ist nackt, nicht sie - nie voyeuristisch. Man sieht wenig Fleisch, es hätte sogar noch weniger sein können. Die Erotik spielt sich in den Blicken der beiden ab und in den Köpfen der Zuschauer. Es gibt nur ein bisschen Puder, kein Make-up. Und die Kamera kommt sehr nahe. Man sieht die Mundfalten der Frau, gnadenlos. Und dennoch bleibt trotz der Nähe eine Distanz, etwa wenn Elsa schildert, was sie fühlt, wenn Jan sich ihr unterwirft. "Es ist wie in einem blauen Raum. Und etwas in mir geht weit auf. Ich habe so etwas noch nie erlebt."

So klingt der Bericht einer erwachsenen Frau, die ihrem Mann von ihrer sado-masochistischen Beziehung mit einem 16-Jährigen erzählt. Nüchtern bleibt der Ton des Films, selbst in Momenten großer Seligkeit. Nur einmal, als Elsa in einer Bluse posiert, die Jan ihr gekauft hat, scheint ganz kurz die andere Maren Kroymann auf. In einer knappen Hüftdrehung, in Worten, die wie Pointen gesetzt sind, wird die Kabarettistin wach.

Schon als Kind, als das zum Hochdeutschsprechen erzogene Mädchen in der Schule lieber doch Schwäbisch lernte, um keine Außenseiterin zu bleiben, lernte sie diesen Blick von außen. Das war bei den schwäbischen Kollegen Matthias Richling und Harald Schmidt nicht anders. Beide hatten Hochdeutsch sprechende Eltern. "Eine gute Voraussetzung fürs Kabarett" sei dieser ethnologische Blick auf einen Dialekt, eine Sprache, eine Denkungsart.

Kroymanns erste große Fernsehrolle wird dann ausgerechnet eine schwäbische Pfarrersfrau an der Seite von Robert Atzorn in Oh Gott, Herr Pfarrer! Sie liebe das Schwäbische, sagt Maren Kroymann, das als grobschlächtig gelte und doch so schöne Begriffe wie "Hennedeppele" (kleine Schritte) habe, oder "Trottwar", noch aus napoleonischer Zeit.

"Wollen Sie die Nachfolgerin meiner Frau werden?", hatte Kay Lorentz sie gefragt, als die seit den fünfziger Jahren legendäre Lore Lorentz von der Kabarettbühne abtrat. "Falsche Frage", sagt Kroymann. "Er wollte ja nicht, dass ich der Kopf des Ganzen werde." Sie lehnte ab, obwohl sie gerade ihr erstes eigenes Bühnenprogramm spielte, und das Angebot der Münchner Lach- und Schießgesellschaft schlug sie ebenfalls aus.

Eine Frau, die den Inhalt bestimmt, die intellektuell ist, politisch, feministisch gar, die selber die Witze macht, gibt es im deutschen Fernsehen nicht.Genauer gesagt, nicht mehr. Seit ihre eigene Satiresendung Nachtschwester Kroymann 1997 nach vier Jahren von den Bildschirmen verschwand. Nur noch Harald Schmidt gibt es, papstähnlich, der über den richtigen Papst bekanntlich nie witzelt.

Dabei hatte die Kroymann eine gute Quote, aber eben keinen regelmäßigen Sendetermin. So macht man das wohl, wenn eine abgesetzt werden soll. Bis irgendwann irgendwem auffällt, dass etwas fehlt, sind schon zwei Jahre vergangen. Als sich die Kroymann über lesbische Winzerinnen lustig machte, die angeblich lesbischen Wein produzieren, fanden die Lesben das nicht so toll.

Frauen und derbe Witze? Geht gar nicht. Kabarett sei die letzte Männerdomäne, sagt Kroymann. Wann hat eigentlich das letzte Mal eine Frau im Scheibenwischer mitgespielt? Auf RTL macht Maren Kroymann inzwischen Comedy mit Mein Leben und ich . An Satire bei den Öffentlich-Rechtlichen hapert es. Verfolgt entstand ohne Beteiligung des deutschen Fernsehens. Man ahnt die Vorgeschichte, die abweisenden Reaktionen auf Geschichte und Drehbuch. Allerdings blieb dem Film auf diese Weise womöglich mancher Eingriff ins Drehbuch erspart.

Nach einer Weile hat Angelina Maccarones Film all die kleinen, spießigen Ängste des Zuschauers wegerzählt: dass sie peinlich werden könnte, diese Sadomaso-Geschichte. Dass Elsa zu weit gehen, dass alles dramatisch werden könnte. Als Jan die beiden Flugtickets nach Brasilien vor Elsas Augen schwenkt, denkt man ein letztes Mal, das kann sie doch nicht tun!Und schämt sich gleich dafür.

Am Ende ist Elsa verändert. Man sieht es, wenn Kroymann in die Kamera schaut. In ihrem Blick stecken Sehnsucht und Erfahrung, Glück, Unsicherheit, Hoffnung. Und man ahnt: Dieser Frau ist alles zuzutrauen.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.02 vom 04.01.2007, S.32
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