Die deutsche Wiedervereinigung?Eine einzige Erfolgsgeschichte.Im Osten materielle Wohlstandsschübe für fast alle Haushalte, höhere durchschnittliche gesetzliche Renten als im Westen, ein rapider Anstieg der Lebenserwartung, eine regenerierte Umwelt, sorgfältig sanierte Städte, modernste Infrastruktur, eine Halbierung der Selbstmordraten, im Westen die Bereitschaft zu immensen Transferleistungen, etwa 1,5 Billionen Euro bis heute, vor allem über Sozialsysteme und staatliche Zuweisungen.Und doch fällt die Zwischenbilanz, die der Berliner Politikwissenschaftler und Mitbegründer des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schröder, in seiner ebenso material- wie umfangreichen, stets lesbaren und mit zahlreichen Schaubildern bestückten Studie zieht, nicht allein wegen der enormen Staatsverschuldung zwiespältig, ja bisweilen bedrückend aus. Denn die Deutschen sind sich noch immer partiell fremd, die Mentalitätsunterschiede beträchtlich, die wechselseitigen Vorurteile zäh.Zugleich habe der Vereinigungsprozess zu einer Erosion der demokratischen Substanz geführt, gebe es im Osten so Schröder, der eine Fülle von Meinungsumfragen der letzten Jahre differenziert auswertet keine Bevölkerungsgruppe, die »mehrheitlich mit der realen Demokratie zufrieden ist«, schrumpfe die Zahl der Demokratie-Befürworter auch im Westen.In Ostdeutschland wird vielfach unzureichend wahrgenommen, wie sich die eigene Lebenssituation verbessert hat, wächst angesichts der bedrohlichen Arbeitslosigkeit der Eindruck, Marktwirtschaft führe automatisch zu sozialer Ungerechtigkeit, steigt der Wunsch nach mehr staatlicher Umverteilung, mehr »Gleichheit«, wird überdies die versunkene DDR mit ihren Nischen, ihrer (scheinbaren) Stabilität zunehmend verklärt nicht allein von der SED-Tochter PDS oder der raffinierten NPD, die die Ausgrenzung von Ausländern und die Arbeitsplatzsicherheit zu DDR-Zeiten als vorbildlich hervorhebt. Schröder, der die deutsch-deutsche Teilungsgeschichte, die freiwillige Amerikanisierung hüben, die erzwungene Sowjetisierung drüben, ebenso knapp resümiert wie die geschickte Verhandlungsführung der ostdeutschen Seite 1989/90, wodurch erhebliche Bonner Konzessionen beim Umtauschkurs, der Eigentumsregelung, der Herstellung der Sozialunion erreicht werden konnten, rückt auch die vielfältige Vereinigungskritik zurecht, nennt das Gerede von »Ko(h)lonialisierung«, von »Siegerjustiz« und »Anschluss« verleumderisch.Er rät, das regional unterschiedliche Wohlstandsniveau in Deutschland stärker ins Blickfeld zu rücken, liegt doch inzwischen in manchen Regionen der neuen Bundesländer die Kaufkraft höher als in den alten.Er rät, die »Gleichheitskeule« nicht länger zu verwenden, könne doch von einer stärkeren Kluft zwischen Arm und Reich im europäischen Vergleich keine Rede sein, sei im Unterschied zum restlichen Osteuropa die ehemalige DDR klar bessergestellt.An diese DDR müsse als totalitäre Diktatur erinnert werden, als Einparteienstaat, dessen privilegierte Führer über Leben und Lebenschancen bestimmten, denn die Verharmlosung des bankrotten Systems erschwere den Prozess deutsch-deutschen Zusammenwachsens. Selbstverständlich macht Schröder die Hypotheken dieses Prozesses sichtbar, bei dem Ostdeutschen eine viel höhere Anpassungs- und Umstellungsleistung abverlangt worden ist, sie deutlich stärker mit Arbeitslosigkeit konfrontiert wurden und werden.Dennoch fordert er dazu auf, statt der Risiken die Chancen stärker ins Blickfeld zu rücken, Abschied von der Subventionsmentalität zu nehmen.Nur so in Verbindung mit einem »aufgeklärten gesamtdeutschen Patriotismus« könnten wir einen durch Überdehnung geschwächten Sozialstaat erfolgreich umbauen, die Zivilgesellschaft stärken.Stolz auf die »historisch beispiellose Leistung« der friedlichen Vereinigung sei dabei trotz vorhandener Fehlentwicklungen durchaus angebracht, erlaubt und hilfreich. Klaus Schröder: Die veränderte Republik Deutschland nach der Wiedervereinigung - Verlag Ernst Vögel, München 2006 - 767 S., 68,