Brüssel wird in den nächsten Monaten Frank-Walter Steinmeiers zweiter Arbeitsplatz sein.Kürzlich war er schon mal da, um den Journalisten aus den 27 Mitgliedsstaaten das Programm der deutschen EU-Präsidentschaft vorzustellen.Die Pressekonferenz im Ratsgebäude war gut besucht, die Fragen waren global (erstaunlich viele davon auf Deutsch gestellt): Welthandel und Waffenembargo gegen China, EU-Verfassung und Beziehungen zu Russland.Danach, bei einem Empfang, sollte der deutsche Außenminister die Brüsseler Korrespondenten ein bisschen kennenlernen und die Brüsseler Korrespondenten den Minister. Doch es war mehr Belagerung als Small Talk, immer wurde irgendwo ein Mikrofon vorgestreckt oder ein Notizblock herausgezogen, auf der Jagd nach Zitaten.Steinmeier hielt sich wacker, verweigerte den Zudringlichen freundlich ihre Interviews und hörte sich von den Versponnenen ihre Europa-Betrachtungen an, aber früher als geplant trat er den Rückzug an, gescheitert mit dem Versuch eines entspannten Gesprächs. Die Berliner Regierung wird nicht müde, vor »überzogenen Erwartungen« an ihre Ratspräsidentschaft zu warnen.Aber es hilft nicht recht, es bleibt eine Art politischer Gier, ein Hoffnungs- und Ereignishunger auf diesen deutschen Vorsitz.Steinmeier nannte in Brüssel die Schwerpunkte für das kommende Halbjahr: den notleidenden EU-Verfassungsvertrag, die europäische Einigkeit in der Weltpolitik, die Zukunftsaufgaben Klimaschutz und Energieversorgung. » Wir wissen, was planbar ist«, erklärte der Außenminister, bevor er ins Detail der deutschen Planungen ging. » Als prägend erwiesen« habe sich in den letzten Jahren jedoch das Unplanbare der Libanonkrieg im vergangenen Sommer oder davor der Aufruhr über die dänischen Mohammed-Karikaturen waren in keinem EU-Präsidentschaftskonzept vorgesehen.Beinahe hätte auch 2007 mit einer bösen Überraschung begonnen, wenn der Gas-Streit zwischen Russland und Weißrussland sich zugespitzt und die Versorgung Europas in Gefahr gebracht hätte. Das Unplanbare spielt eine erstaunliche Rolle in der Außenministerkarriere dieses als ordentlich geltenden Politikers.Als er im Herbst 2005 ins Amt kam, sah es so aus, als würde Europa sein Thema werden.Es lag am Schnittpunkt von Innen- und Außenpolitik, es war ihm vertraut: Als Kanzleramtschef unter Schröder hatte Steinmeier die unterschiedlichen EU-Interessen im Kabinett zu koordinieren gehabt Wirtschaft gegen Umwelt, Wettbewerb gegen Soziales , damit am Ende eine gemeinsame deutsche Position in Brüssel herauskam.Einen der gewieftesten Europa-Diplomaten überhaupt, Reinhard Silberberg, nahm er aus dem Kanzleramt ins Außenministerium mit und machte ihn zu seinem Staatssekretär.Der Vorgänger Joschka Fischer hatte sich nach der Verfassungsvision seiner »Humboldt-Rede« vom Mai 2000 nicht mehr besonders für die EU interessiert und zwischen Irak und Nahost die großen Fragen von Krieg und Frieden traktiert.Steinmeier dagegen, der Jurist und Pragmatiker, wirkte wie geschaffen für die undramatische Brüsseler Konferenz- und Kompromiss-Welt. Es ist anders gekommen.Steinmeier ist kein europäischer Binnen-Politiker geworden, sondern ein Außen-Außenminister, beschäftigt mit den akuten Krisen jenseits der EU-Grenzen: Israel und die Palästinenser, Libanon, Iran.Die »Energie-Außenpolitik«, sein besonderes Steckenpferd, hat ihn in abenteuerliche Gegenden getrieben, reich an Öl, Gas, Konfliktstoff und Diktatoren.Weiter weg von der Brüsseler Normalität als in den Monsterpalast des jüngst verstorbenen Turkmenen-Führers Nijasow, den Steinmeier als bizarren Höhepunkt seiner Zentralasien-Reise aufsuchte, kann man nicht kommen.Der Hauptbeitrag des Auswärtigen Amts zur deutschen Präsidentschaftsplanung ist der Entwurf einer »neuen Ostpolitik« gegenüber den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, von der Ukraine über Russland bis an die Grenzen Chinas. Nicht dass für Steinmeier das EU-Innenleben unwichtig geworden ist im Gegenteil, meint er, die Verfassung brauche man doch gerade, damit Europa international sprach- und handlungsfähig werde.Aber noch vor wenigen Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, wie »außenpolitisch« die EU geworden ist, zunehmend angefordert (und gleich überfordert) als Ordnungsfaktor in ihrer unruhigen, von Amerika nicht mehr kontrollierbaren Nachbarschaft. » Wir haben nicht die Wahl«, beschreibt Steinmeier am Beispiel Nahost das EUZwangsengagement: »Wenn der Konflikt eskaliert, sind wir Europäer ebenso in der Pflicht wie im Fall einer Rückkehr in einen Verhandlungsprozess.«Es ist kein Projekt mehr, kein abstrakter Integrationswille, der die Europäer zusammenzwingt und auf die Weltbühne treibt, es ist die chaotische, gefahrenträchtige Realität. Dieses Europa, der mühsam entstehende globale Akteur, wird zunehmend die Domäne der Außenministerien und Außenminister für das regelnde und deregulierende Wirtschafts- und Alltags-Europa ist Steinmeier weniger zuständig.Er ist weder Vizekanzler noch SPD-Parteichef - das Soziale und Sozialdemokratische in der Europapolitik, die Verteidigung des europäischen Gesellschaftsmodells gegen den puren Markt, fällt eher Franz Müntefering und Kurt Beck zu.Als im November die Kanzlerin nach einer EU-Klausur des Kabinetts vor die Presse trat, stand als Hüter des sozialen Gleichgewichts Müntefering an ihrer Seite. Womöglich ist die Entlastung auf diesem Gebiet dem Außenminister ganz recht - mit seinem Blick für Einzelheiten wird ihm klar sein, dass es »das« europäische Gesellschaftsmodell nicht gibt, sondern eine Menge verschiedene, und dass es sich als ideologischer Sammelpunkt schlecht eignet.Wenn Steinmeier SPD-Positionen vertritt, potenziell im Konflikt mit der Kanzlerin und dem Koalitionspartner, dann ist es die EU-Perspektive der Türkei oder ein enges Verhältnis zu Russland strategische Grundentscheidungen der Schröder-Fischer-Regierung, nichts im sozialpolitischen Sinne Sozialdemokratisches. Ob die Strategie Bestand haben wird, ist ungewiss.Über den EU-Beitritt der Türkei und über neue Erweiterungen der Union, das weiß der Außenminister, werden am Ende weniger irgendwelche Kriterienkataloge befinden als Volksabstimmungen in Frankreich und anderswo mit aller Emotionalität, die dabei ins Spiel kommt. Und Russland?Steinmeiers jüngster Moskau-Besuch kurz vor Weihnachten war eine mühsame Sache.Tapfer beteuerte er, dass Europa der bevorzugte »Modernisierungspartner« Russlands bleibe, aber die Morde an der kremlkritischen Journalistin Politkowskaja und dem dissidenten Exgeheimdienstler Litwinenko haben das Putin-Bild im Westen endgültig eingedunkelt. Zudem verhindert ein russisch-polnischer Streit die Aufnahme von Verhandlungen über ein neues »Partnerschafts- und Kooperationsabkommen«, die Steinmeier eigentlich in Moskau starten wollte.Aber dann stand nach dem Gespräch sein russischer Amtskollege Lawrow neben ihm, erwähnte das »Partnerschafts- und Kooperationsabkommen« gar nicht, zeigte überhaupt kein gesteigertes Interesse an der EU und ihrer multilateralen Verständigungspolitik und führte mit ungerührter Miene vor, was eine klassische Großmacht ist. Steinmeier war eingeklemmt zwischen den schwierigen Polen und den auftrumpfenden Russen, ein Vernunftmensch im Einzugsbereich des Irrationalen da ist er dann doch sehr »europäisch«, im alten Brüsseler Sinne. Frank-Walter Steinmeier redet ziemlich offen von den Schwierigkeiten, in denen die EU steckt.Als »Symbol für die Selbstblockade Europas« hat er das Festhängen des Verfassungsvertrags bezeichnet, als »Menetekel für Europas Lähmung«, er hat von einer europäischen »Glaubenskrise« gesprochen.Braucht es in dieser Lage etwas Fundamentales und Programmatisches, eine Art Neubegründung der EU? » Ich verweigere mich dem gar nicht«, sagt er, »aber was wir noch dringender brauchen, sind Erfolge.«Steinmeier mag keine großen Worte. » Die EU«, bemerkt er, »hat sich nicht von Anfang an auf Pathos gegründet, sie hat mit der Montanunion begonnen«, mit dem Verbund der Kohle- und Stahlindustrie in den Gründerländern um Frankreich und die Bundesrepublik.Ob auch das neue, große, weltpolitisch strapazierte Europa sich noch einmal so nüchtern und praktisch begründen lässt, ist die offene Frage für die deutsche EU-Präsidentschaft und für die nächsten Jahre.