Wie fing es an? » Vor vier Jahren schneite ein junger Mann aus Moskau in meinen Laden, unsicher, mit blondem Pferdeschwanz«, erinnert sich Marina Sandmann, die Inhaberin einer Galerie für moderne russische Kunst in Berlin. » Nichts schien ihm zu gefallen.«Der Mann hieß Igor Markin.Heute ist er 39 Jahre alt und ein guter Kunde der Galerie Sandmann.Erst kürzlich erwarb er hier das Tryptichon Krieg und Frieden der beiden bekannten Sozart-Erfinder Komar &amp - Melamid.Die Galeristin, die selbst aus Moskau stammt, freut das natürlich: »Dass ich jetzt Bilder nach Hause zurückverkaufe, überrascht auch mich.« Russische Geschäftsleute wie Igor Markin suchen heute nicht nur in Berlin nach Werken aus der eigenen Heimat. Das Auktionshaus Sothebys erzielte auf seiner jüngsten Auktion russischer Gemälde im vergangenen November einen Umsatz von gut 30 Millionen Euro.In den Jahren 2003 bis 2005 rückten die Verkaufszahlen der Abteilung für russische Kunst und russisches Kunsthandwerk aller Epochen im Haus vom 26. auf den 6.Platz. 80 Prozent der Bieter dafür waren russische und ukrainische Privatsammler.Meist im Zuge des Rohstoffbooms zu Geld gekommen, versuchen sie, sich die eigene Geschiche anzueignen. Jo Vickery, die Direktorin der russischen Abteilung bei Sothebys, bezweifelt, dass Käufer die Preise gezielt in die Höhe treiben: »Dafür ist die Konkurrenz zu groß.« » Doch«, verrät Igor Markin, »unlängst habe ich gezielt den Preis für ein Gemälde von Krasnopewzew bei Sothebys in die Höhe getrieben.Warum?Ich hatte schon zehn Bilder von ihm, die profitieren davon.« In seinen moosfarbenen Augen blitzen Lachfünkchen.Der Vater dreier kleiner Söhne, gelernter Elektroingenieur, ist Fabrikant, wie der vorrevolutionäre Sammler Tretjakow.Sein Grundkapital machte er in den chaotischen Jahren 1990/91 mit dem Handel von Kühlschränken.Im hügeligen Bezirk Krasnaja Presnja an der Moskwa hat er jetzt für seine große Baumaterialienproduktion ein lichtes Verwaltungsgebäude errichtet.Doch die vielen hier versammelten Gemälde leuchten kaum gegen den grauen Moskauer Wintertag an.Deshalb fiebert der Sammler der Eröffnung seines für die Öffentlichkeit bestimmten Privatmuseums im Zentrum entgegen.Im Mai wird es so weit sein. Er berichtet vom »Sammler-Gen« seiner Familie: »Wir waren arm, aber mein Vater sammelte ständig irgendetwas.Ich fing mit Briefmarken an.« Seit 2001 habe er 700 Objekte erworben, alle »wichtigen« russischen Künstler der vergangenen 50 Jahre, Sozart, Konzeptualisten, Abstrakte. » Heute wäre es schon unmöglich, sie zusammenzubekommen«, meint er. » Ich will, dass meine Sammlung aus dieser Epoche die beste wird, in aller Welt ernst genommen.«Im Gang zu seinem Büro steht eine Installation von Ilja Kabakow: Auf der Spitze eines wahnwitzigen, kranähnlichen Gebildes balanciert ein unsicherer Ikarus über ihm ein sehr russischer, pummeliger Schutzengel. Absichern muss Markin sich vor jedem Kauf.Jüngst erschütterte eine Reihe von Fälschungsskandalen die Fans russischer Kunst.Allein der Glaube, ein Werk stamme von einem russischen Meister, steigert dessen Wert oft um bis zu 500 Prozent.Der Boom ist trotzdem ungebrochen.Jo Vickerey von Sothebys prophezeit eine wachsende Nachfrage für nach 1960 entstandene Kunstwerke.Sie wecken Kindheitserinnerungen bei der nachrückenden Käufergeneration. » Ich liebe meine Heimat, aber ich sammle nicht aus Patriotismus, sondern weil ich Spaß daran habe und dabei viel lerne«, sagt Markin schmunzelnd. » Aber wenn ich als seniler Siebzigjähriger merken sollte, dass ich nichts für die Menschheit getan habe, dann kann ich ja immer noch sagen: Das hier habe ich für Russland gemacht.«