Anlagestrategie »Kurse gehorchen dem Zufall«
Börsenprognosen hält der Wirtschaftsprofessor Martin Weber für Scharlatanerie. Anlegern rät er, bloß keinen pseudowissenschaftlichen Theorien zu folgen. Ein Gespräch
DIE ZEIT: Herr Weber, was haben die Deutschen aus dem Aktiencrash zur Jahrtausendwende gelernt?
Martin Weber: Auf jeden Fall nicht genug. Sie haben zwar gelernt, dass Aktienkurse nicht beliebig steigen können und riskante Papiere sind. Doch sie ziehen daraus die falsche Schlussfolgerung: Die Deutschen investieren nicht mehr in Aktien, sie ziehen Mittel ab.
ZEIT: Was hätten sie denn lernen müssen?
Weber: Am Kapitalmarkt ist der Preis für eine höhere Rendite ein höheres Risiko. Und Risiko heißt nun mal, dass die Kurse steigen oder fallen können. Viele Anleger aber machen einen kardinalen Denkfehler: Bei der Anlageentscheidung muss man die Vergangenheit völlig außer Acht lassen. Es geht nur um die Zukunft. Wenn die Kurse in der Vergangenheit gefallen sind, heißt das nichts für die Zukunft. Dasselbe gilt natürlich auch, wenn sie in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Das alles zählt nicht. Wichtig ist nur die eigene Einstellung zum Risiko. Wie viel Gewicht sollen Aktien im Portefeuille haben, wie viel Rentenpapiere oder Immobilien? Das sind die entscheidenden Fragen, die jeder Anleger für sich beantworten muss.
ZEIT: Das hört sich ja sehr fatalistisch an.
Weber: Die Wissenschaft zeigt doch ganz deutlich, dass Kurse dem Zufall gehorchen und nicht irgendwelchen schlauen Bewertungsmodellen. Deshalb sind auch Prognosen Scharlatanerie. Jeder Anleger sollte je nach Risikoneigung einen gewissen Prozentsatz Aktien halten. Läuft es ein Jahr gut und erhöht sich so der Anteil der Aktien im Portefeuille, dann muss der Anleger Gewinne mitnehmen und den alten Anteil wieder herstellen.
ZEIT: Das klingt stark nach naiver Allokation.
Weber: Das ist naive Allokation. Ich lege fest, welchen Anteil meines Geldes ich in welchen Anlageklassen anlegen möchte – und halte mich ganz naiv daran. Die Zukunft kennt doch sowieso niemand.
ZEIT: Aber Aktien gehören schon in jedes Portfolio?
Weber: Auf jeden Fall! Aktien sind eine absolut fantastische Sache. Vor 300 Jahren hatten Sie als normaler Bürger keine Chance, sich am Produktivkapital zu beteiligen. Dafür musste man Unternehmer sein. Heute hat man mit der Aktie diese Möglichkeit - ohne spezifische Kenntnisse der einzelnen Unternehmen und ohne groß hinters Licht geführt zu werden. Diese Chance muss man nutzen.
ZEIT: Sprich jetzt noch in den Deutschen Aktienindex Dax einsteigen, obwohl er sich in vier Jahren verdreifacht hat?
- Datum 04.01.2007 - 07:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.01.2007 Nr. 02
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Köstlich, das Interview :-)
Professor Weber hat sich hier wohl über das Phänomen des 'Mental Accounting' ausgelassen. Die Menschen neigen dazu mentale Konten zu führen, die getrennt voneinander optimiert werden. Richtig wäre es aber das alle Konten zusammen zu betrachten. Ist die Rendite eines Kontos durchweg höher als die eines anderen, sollte man in dieses investieren: Stichwort Sprachkurs:
'Groß denken und sich nicht in Details verheddern. Die meisten Menschen verschwenden viel Zeit auf die Frage, ob sie lieber Aktien von Bayer oder BASF kaufen sollen. Dabei ist die Frage, wie ich ein möglichst hohes Lebenseinkommen erreichen kann, viel wichtiger. Die Menschen sollten sich beispielsweise überlegen, ob sie ihr Geld nicht besser in einen Fremdsprachenkurs investieren sollten. Denn das Ziel eines jeden muss doch lauten, ein maximales Einkommen aus Arbeit und Vermögen zu erzielen. Wahrscheinlich ist der Fremdsprachenkurs viel einträglicher, weil er später über ein höheres Gehalt eine viel bessere Rendite abwirft als die Bayer-Aktie.'
Aber eines dürfte mich dennoch interessieren. Warum sind Prognosen allgemein Scharlatanerie? Existiert nicht die Möglichkeit durch ein besseres Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge für sehr viele Fälle exaktere Vorhersagen zu treffen?
Ich auch kein Freund der Ermittlung der Varianzen und Korrelationskoeffizienten der Vergangenheit. Aber ist es denn nicht möglich auch solche zu prognostizieren und sein Portfolio danach auszurichten? Beispiel Edeka und Aldi: Unter der Hypothese, dass die Menschen in 'guten Zeiten' relativ mehr bei EDEKA einkaufen: Weist dies nicht auf einen Korrelationskoeffizienten, der kleiner als üblicherweise ist, hin? Oder wird hier unter Börsenprognosen eher das große Ganze betrachtet, wie immer man das definieren mag?
Köstlich, das Interview :-)
Professor Weber hat sich hier wohl über das Phänomen des 'Mental Accounting' ausgelassen. Die Menschen neigen dazu mentale Konten zu führen, die getrennt voneinander optimiert werden. Richtig wäre es aber das alle Konten zusammen zu betrachten. Ist die Rendite eines Kontos durchweg höher als die eines anderen, sollte man in dieses investieren: Stichwort Sprachkurs:
'Groß denken und sich nicht in Details verheddern. Die meisten Menschen verschwenden viel Zeit auf die Frage, ob sie lieber Aktien von Bayer oder BASF kaufen sollen. Dabei ist die Frage, wie ich ein möglichst hohes Lebenseinkommen erreichen kann, viel wichtiger. Die Menschen sollten sich beispielsweise überlegen, ob sie ihr Geld nicht besser in einen Fremdsprachenkurs investieren sollten. Denn das Ziel eines jeden muss doch lauten, ein maximales Einkommen aus Arbeit und Vermögen zu erzielen. Wahrscheinlich ist der Fremdsprachenkurs viel einträglicher, weil er später über ein höheres Gehalt eine viel bessere Rendite abwirft als die Bayer-Aktie.'
Aber eines dürfte mich dennoch interessieren. Warum sind Prognosen allgemein Scharlatanerie? Existiert nicht die Möglichkeit durch ein besseres Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge für sehr viele Fälle exaktere Vorhersagen zu treffen?
Ich auch kein Freund der Ermittlung der Varianzen und Korrelationskoeffizienten der Vergangenheit. Aber ist es denn nicht möglich auch solche zu prognostizieren und sein Portfolio danach auszurichten? Beispiel Edeka und Aldi: Unter der Hypothese, dass die Menschen in 'guten Zeiten' relativ mehr bei EDEKA einkaufen: Weist dies nicht auf einen Korrelationskoeffizienten, der kleiner als üblicherweise ist, hin? Oder wird hier unter Börsenprognosen eher das große Ganze betrachtet, wie immer man das definieren mag?
Ich gratuliere der 'Zeit' zu diesem famosen Gedankenaustausch. Prognosen sind immer nur Prognosen, ob's nun um Wetter oder Börsen geht. Aber es gibt schon gewisse Anhaltspunkte. Der Ereignisse der Vergangenheit wiederholen sich nicht, oder jedenfalls nicht haargenau. Dennoch kann man aus Erfahrungen doch gewisse Warnungszeichen erkennen lernen. Auch wiederholen sich bestimmte Trends. Im Sommer wird nun mal mehr Benzin verbraucht, im Winter wird mehr Heizöl verbraucht. Derartige Trends wiederholen sich Jahr für Jahr, und ein geschickter Investor kann davon profitieren. Die Prognosen der 'Experten' hingegen hängen oft von ihrer Firma ab. Sitzt man auf einem Posten unverkäuflicher Ware, so wirbt man dafür -- das gilt für Unterwäsche wie für Aktien.
Ich wage es zu behaupten, dass einfach erkennbare Trends bereits in den Kursen enthalten sind. Treten sie für die meisten Anleger identifizierbar auf, so schlagen sie sich nicht erst in der Zukunft, sondern sofort im Kurs nieder, weil das jeder schon mit einkalkuliert hat.
Ich denke aber, dass z.B. bei der Beurteilung von Strategien eher was zu reißen ist, da das nicht so eindeutig ist. Mfg
Es mag ja zutreffend sein, dass die genaue Prognose eines Aktienkurses nicht gelingen kann, dennoch halte ich es für eine viel zu weit reichende Behauptung, dass z.B. die Vergangenheit eines Aktienkurses keine Aussagen über die Zukunft zulässt. Dies würde ja bedeuten, dass auch die Volatilität einer Aktie für eine Kaufentscheidung keine Rolle spielen sollte, da auch die Kursvarianz ein Maß der Vergangenheit ist. Der Ansatz von Weber ignoriert m.E. dass es im Bereich der Kapitalanlage so etwas wie Entscheidungsqualität gibt. Deshalb muss man sich m.E. mit den makro- und mikroökonomischen Zusammenhängen eines Wertpapiers beschäftigen. Die Empfehlung, dann doch besser einen Sprachkurs zu machen und damit mein Kapital in Bildung zu investieren, mag zwar eine interessante Anregung sein, aber wieso rät mir das ein Finanzexperte? Hier geht es um die Frage der Allokation persönlicher Ressourcen. Offensichtlich steckt dahinter die These: Der Privatanleger sollte sich am Finanmarkt eigentlich nicht so sehr engagieren und stattdessen eher sein Kapital anderweitig investieren. Einen Ratschlag für meine persönliche Ressourcenallokation brauche ich allerdings nicht von einem Finanzmann. Hier hätten mich eher einige konkretere Aussagen zur Portfolio-Theorie, Asset-Allokation und zu realistischen Renditeerwartungen interessiert. Die von ihm genannten 2,5 % nach Steuern und Inflation sollen den Privatanleger wohl eher demotivieren, Energie in Börsenaktivität zu investieren. So gesehen erscheinen mir viele Aussagen Webers eher von einem pädagogischen Interesse geleitet ('Kümmert Euch nicht soviel um die Börse - macht lieber etwas in Eurem beruflichen Bereich'), an vielen Stellen undifferenziert und pseudowissenschaftlich.
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