Weimar war nicht Rom, das wusste Wieland natürlich, und dass er selber nicht Horaz war, das war ihm klar. Aber er hatte Horaz doch wunderbar übersetzt und kommentiert; nicht die Oden, große Lyrik war nicht sein Fall; aber doch die fast ebenso berühmten Briefe und die Satiren, diese gewissermaßen privateren Äußerungen des römischen Dichters – man kann wohl überhaupt sagen, dass Wieland weit mehr Interesse am Privatleben der Antike hatte als an ihrer Größe. Und dann versah Wieland seine Übertragungen noch mit einem betörenden Rankenwerk von vorgeschickten Einleitungen, untergeschobenen Fußnoten, nachgelieferten Erläuterungen, und man kann ruhig sagen: alles das zu dem Zweck, dem Leser klarzumachen, dass Horaz, in etwas andern Umständen, unter etwas andern Bedingungen, im Grund doch einer war wie eben er selber, Wieland.

Man kann Horaz kaum verstehen ohne sein Landgut in den Sabiner Bergen. Das war nichts Prunkvolles, Wieland wird nicht müde in der Schilderung der Bescheidenheit dieses Gütchens, das man dem Dichter geschenkt hatte und das er liebte: karges Land in den Bergen, eigentlich nur ein Bauernhof, vor allem wenn man’s verglich mit den Landsitzen reicher Römer. Aber für sich selber und natürlich auch für Wieland war Horaz nicht Horaz ohne sein Sabinum.

Wieland hatte die besagten Werke von Horaz in den achtziger Jahren übersetzt, das muss ganz schön rumort haben in ihm, vielleicht lag es auch am Geld, das erst fehlte, jedenfalls war das Jahrhundert (man möchte sagen: sein, Wielands Jahrhundert) beinahe zu Ende, als er sich endlich im Jahre 1797 auch ein Gut auf dem Lande zulegen konnte: Oßmannstedt, ein Dutzend Kilometer von Weimar weg an derselben Ilm, die, aus dem Thüringer Wald kommend und später in die Saale mündend, schon durch den hübschen Park in Weimar geflossen war, an Goethes Gartenhaus vorbei, dann durch den herrschaftlich schönen und anmutigen Tiefurter Park, und nun eben an Wielands kleinem Gut entlanggluckste, entlangrieselte und dies noch heute tut.

Räume sollte man sagen, nicht Zimmer

Ein Minister Bünau hatte dort vierzig Jahre vorher groß bauen wollen, fertig geworden war aber nur, was da dann stand und heute noch steht, vorläufigere Häuser sozusagen, der Minister war ohne Schloss gestorben, nur von großartigen Gartenanlagen umgeben; dann hatte Anna Amalia dort einmal Sommerwochen verbracht, dann hatte der Herzog (jener Freund und Gönner Goethes) aus Geldgründen aus den barocken Gartenanlagen kurzerhand Futterwiesen gemacht, und so weiter, und dann eben hatte Wieland es erworben, mit den maßvollen und zweckmäßig-schönen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Nach sechs Jahren verkaufte Wieland das Ganze wieder, so ganz fürs agrarische Leben war er doch nicht geschaffen.

Der letzte Besitzer wurde 1947 enteignet, die noch bestehenden Gärten wurden eingeebnet zu einem Sportplatz (er ist noch da), ins Haus wurde eine Schule gesetzt, der Rosengarten wurde zum Pausenhof; 1953 übernahmen die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der DDR das Gut, es wurde restauriert, ein zweiräumiges kleines Wieland-Museum entstand, bald nach der Wende trat die Stiftung Weimarer Klassik das Erbe an, das Ganze wurde eine Jugendbegegnungsstätte. Von 2000 an setzte sich Jan Philip Reemtsma massiv für eine grundlegende Renovierung ein, ab 2003 kamen öffentliche Mittel dazu, die Räume im ersten Stockwerk des Wohnhauses wurden wiederhergestellt, draußen entstand der Rosengarten wieder.

Ockergelb mit rotem Dach stehen da nun die schönen Gebäude, mit diesen Museumsstuben in der Beletage, einem gelben, einem grünen, einem blauen Zimmer, eines immer schöner als das andere. Im gelben Zimmer steht ein Hammerklavier, im grünen stehen, wie damals, als Kleist dort aus seinem Robert Guiscard vortrug (so hatte Wieland fünfzig Jahre vorher bei Bodmer in Zürich auftreten dürfen), ein Sofa und Stühle um den Kamin, am Fenster steht eine Zylinderschreibkommode aus Wielands Besitz. Das blaue Zimmer, das alte Bibliothekszimmer, ist das aparteste, mit einem sehr schönen Schreibtisch Wielands, er arbeitete in diesem Zimmer, mit Büsten antiker Größen, mit Stichen, etwa auch einem des Landguts von Horaz, und mit lauter fast ganz leeren Bücherregalen – Wieland besaß eine sehr große Bibliothek, sie ist weg, wir wissen nichts Genaues.