Löhne Das Jahr der Arbeitnehmer?

Die IG Metall will mehr Geld - für alle. Vielerorts können die Löhne tatsächlich steigen. Aber nicht überall, kommentiert

Der Kapitalismus fährt Achterbahn. Auch Arbeitnehmer müssen mit

Der Kapitalismus fährt Achterbahn. Auch Arbeitnehmer müssen mit

Am Verhandlungstisch waren die Gewerkschaften in diesem Jahrzehnt erfolgreich. Die IG Metall etwa erzielte stets Lohnsteigerungen von mehr als zwei Prozent, oft drei, einmal sogar vier Prozent. Bloß auf den Lohnzetteln vieler Arbeitnehmer kam davon wenig an. Insgesamt haben sie seit dem Jahr 2000 kaum Kaufkraft hinzugewonnen, und selbst viele Metallarbeiter sahen sich trotz der Erfolgsmeldungen aus ihrer Gewerkschaftszentrale im Minus.

Schlicht gesagt, saßen die Arbeitgeber am längeren Hebel. Die Wirtschaft lief nicht, im Ausland winkten niedrigere Kosten. Legionen von Firmen schmolzen übertarifliche Zusatzleistungen ab, andere vereinbarten mit ihrem Betriebsrat, jenseits des Tarifs mehr zu arbeiten oder das Gehalt zu senken, um Jobs im Land zu halten. Klugerweise zogen die Gewerkschaften mit. Der tausendfache Kraftakt ließ die Lohnkosten in Deutschland – gemessen an der Produktivität – sinken, und die hiesige Wirtschaft wurde gegenüber den allermeisten Industrieländern wieder deutlich konkurrenzfähiger. Selbst Topmanager setzen sie laut einer neuen Umfrage an die Spitze der großen europäischen Volkswirtschaften.

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Also ändert sich die Machtlage erstmals wieder, in einigen Branchen fehlen schon die Fachkräfte, und die Gewerkschaften treten entsprechend selbstbewusst auf. Was sie jetzt herausholen, wird sich im Durchschnitt der Arbeitnehmer eher niederschlagen als in den Jahren zuvor. Bald schon wird in der Chemieindustrie neu verhandelt. Die Metaller, Einzelhändler und Bauleute folgen schnell darauf. Man muss gar nicht mit der volkswirtschaftlichen Kaufkraft argumentieren, um nun einen echten Zugewinn für Arbeitnehmer zu fordern – dieses Argument ist schwach, weil wegen aller möglichen Abgaben 100 Euro Mehrkosten für die Unternehmen nur 25 Euro mehr inländischen Konsum erzeugen. Nein, viele Arbeitnehmer haben ihren Teil zur Restrukturierung der Wirtschaft beigetragen, jetzt sollten sie am Erfolg beteiligt werden.

Doch ein zweifaches »Aber« ist auch dabei. Erstens bleibt Deutschlands verbesserte Wettbewerbsposition nur erhalten, wenn die Löhne nicht der Produktivität davonrennen. Zweitens zählt der heutige Achterbahn-Kapitalismus neben vielen Erfolgsfirmen auch weiterhin eine ganze Reihe darbender Unternehmen. Die brauchen Ventile, um den Druck der Lohnkosten gemeinsam mit ihren Mitarbeitern abzumildern. Deswegen erzeugt es Unbehagen, wenn der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, nun vor allem auf hohe dauerhafte Steigerungen für alle aus ist. Die Wirtschaft braucht mehr denn je Löhne, die mit dem Erfolg variieren. Das bedeutet derzeit vielerorts ein echtes Plus – aber eben nicht überall.

 
Leser-Kommentare
    • lemar
    • 04.01.2007 um 10:34 Uhr
    1.

    Trotzdem liegt Deutschland in diesem Ranking immernoch nur an Platz 5. Und zwar genau hinter den Ländern, die bereits mit Erfolg Gesundheitssystem, Rentensystem, Arbeitsmarkt und Bildungssystem reformiert haben.
    Deshalb kann es nicht sein, das man jetzt die Hände in den Schoß legen will. Es muss weiter reformiert werden, aber auch nicht auf Teufel komm raus, sondern auch handwerklich gut. Dazu muss man nicht das Rad neu erfinden, es reicht ein Blick in die 4 EU-Länder die vor Deutschland liegen. Nicht mehr und nicht weniger.

  1. Uwe Jean Heuser schreibt:'Selbst Topmanager setzen [die deutsche Wirtschaft] laut einer Umfrage an die Spitze der grossen europaeischen Volkswirtschaften.'

    Ganz richtig! Das renommierte World Economic Forum (WEF) setzt Deutschland in seinem juengsten Bericht ueber die Wettbewerbsfaehigkeit einzelner europaeischer Staaten sogar unter den 5 wettbewerbsfaehigsten Volkswirtschaften in der EU - nach Daenemark, Finland, Schweden und den Niederlanden. Siehe den BBC-Bericht:

    [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

    Und waehrend franzoesische Politiker ueber den starken Euro jammern, und gar die Unabhaengigkeit der Europaeischen Zentralbank in Frage stellen, hoert man in Deutschland solche Klagen kaum. Aus gutem Grund: 2006 war Deutschland wieder einmal zum vierten Mal in Folge Exportweltmeister - trotz starkem Euro!

    Die Deutschen sollten gut aufpassen, ihre neugewonnene Wettbewerbsfaehigkeit nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen - beispielweise durch ueberzogene Lohnerhoehungen.

  2. Die Forderungen der Gewerkschaften auf Lohnerhöhungen sind wie immer ein Schlag ins Gesicht für die vielen Branchen, die außerhalb von Tarifverträgen liegen und wo die Mitarbeiter seit einem Jahrzehnt nicht mehr Geld gesehen haben.
    Es kann nicht sein, dass eine Supermarkt-Kassiererin in Teilzeit in Westdeutschland mehr Lohn bekommt als ein Vollzeit arbeitender Ingenieur in Ostdeutschland.

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