Die Geschichte der Familie Perez* ist konserviert in den Mauern des Hauses, in dem sie seit den dreißiger Jahren wohnt. Sie steckt in den abgenutzten Sofas der Wohnung im Erdgeschoss, in den Kronleuchtern, im Steinfußboden, den die Haushälterin jeden Tag fegt. In den Flügeltüren, den Schwarzweißfotos, den vergilbten Urkunden an der Wand. Verblichen sind auch die Tapeten, die Bücher in den Regalen tragen Flecken, die Möbel knarren, wenn sich jemand setzt. Der junge Castro auf einer Versammlung in Havanna im Jahr 1963 BILD

Das ganze Haus liegt in einem Dämmerzustand, als warte es. Vielleicht darauf, dass jene Bewohner zurückkehren, die vor vielen Jahren fortgegangen sind. Dass die Zeiten wieder so werden wie damals, als Maria Perez jung und voller Hoffnungen war. Es ist ein Tag in diesem Winter, an dem Maria Perez sich daran erinnert, dass sie einmal mehr ersehnt hat als dieses Leben. Mehr materiellen Besitz als die Einrichtung dieses Hauses in Havanna, in dem die bürgerliche Vergangenheit ihrer Familie langsam zerfällt. Ihr Traum aber lebt, ein Traum von Wohlstand und Freiheit – auch heute noch, mit 76 Jahren.

Maria hat sich mehr Rente gewünscht als jene 220 Pesos, die der kubanische Staat ihr als pensionierter Lehrerin zugesteht: ganze acht Euro. Sie hat sich ein Leben gewünscht ohne Verdruss und Überlebenskampf, ohne ständigen Streit mit ihrem Mann Carlos. Sie lebt mit ihm in der Wohnung voller Antiquitäten, mit einem Enkel und dessen Freundin.

Ihre Kinder sind fort. Fast alle sind nach Miami geflohen, Maria vermisst sie sehr; das ist der Grund, warum sie nie zur Ruhe kommt. In fast jeder kubanischen Familie fehlt jemand, der in die USA gegangen ist. Elf Millionen Kubaner leben auf der Insel, mehr als zwei Millionen in Miami im Exil. Die Geschichte der Familie Perez ist tief verwoben mit der Geschichte ihres Landes.

Maria Perez kommt gerade vom Einkaufen, sie trägt eine schwere Tasche. Nie würde sie die Wohnung verlassen ohne ihre blaue Stofftasche – man weiß ja nie, was es heute gerade in den Läden gibt. Waren sind knapp auf Kuba, neben Nordkorea der letzte Staat des ehemaligen Ostblocks, der sich abschottet von der Welt. Maria besorgt für die Familie sämtliche Einkäufe, während die Haushälterin nur putzt. Maria liebt diese Jagd. Sie beweist sich, dass sie noch Kraft hat, mehr Kraft als ihr Mann Carlos. Mit ihm streitet sie sich ständig über Nichtigkeiten, auch über Politik. Sie verwaltet den Mangel, in der Küche wie in der Ehe. Dieser Tag wird ihren Zweifeln noch mehr Nahrung geben. Er wird eine Prüfung sein für Marias Loyalität.

Carlos verlässt kaum noch das Haus, seit Kubas Staatspräsident Fidel Castro krank ist. Todkrank, will der amerikanische Geheimdienst erfahren haben, aber das wissen Carlos und Maria nicht. Auf Kuba heißt es, der 80-jährige Castro gesunde nach einer Darmoperation. Seit Juli 2006 regiert sein fünf Jahre jüngerer Bruder Raúl, angeblich vorübergehend, der Alte ist nur noch ab und zu im Fernsehen zu sehen, im Krankenbett. Er hat die Macht aufgegeben, zum ersten Mal seit 47 Jahren. So lange schon bestimmt er über die Geschicke der Kubaner und der Familie Perez. So lange ist er der ewige Revolutionär im Drillich, der einst einen Diktator stürzte. So lange unterwarf er Kuba der Losung »Sozialismus oder Tod«. Was passiert, wenn er stirbt?

Maria hat Angst davor, wie viele Kubaner, aber weniger Angst als Carlos. Vielleicht bricht das System zusammen ohne Castro. Es könnte einen Bürgerkrieg geben. Oder der Sozialismus überlebt, und das Land öffnet sich, wie China. Manche hier wünschen sich einen Kapitalismus wie in den USA. Doch niemand weiß, was das Volk wirklich denkt. Es gibt keine freie Presse, keine Meinungsumfragen, und der Druck des Staates auf Andersdenkende ist groß. Er hält sogar geheim, in welchem Krankenhaus Castro liegt. Außerhalb des eigenen Hauses spricht Maria nicht einmal seinen Namen aus.

Vom kleinen Gemüsemarkt ist sie drei Blocks gelaufen, an verfallenden Villen vorbei; sie wohnt nicht weit von der Innenstadt entfernt. Fünf Läden gibt es in der Umgebung, den Markt, einen kleinen privaten Kiosk und ein paar Geschäfte, in denen man mit konvertiblen Pesos bezahlen muss, der Zweitwährung für Touristen. Dieser Peso ist so viel wert wie der US-Dollar, weshalb sich die meisten Kubaner diese Waren nicht leisten können. Zum Glück bekommt Maria Geld von ihren Kindern in Miami, aber das Einkaufen ist eine Tortur. Viele Lebensmittel sind seit über 40 Jahren rationiert, auf Kuba herrscht bittere Armut.

Trotzdem behauptet ihr Mann Carlos, der Sozialismus sei gut. Plötzlich tut er so, als habe er Castro immer geliebt. Maria kann das nicht glauben. Das einzig Gute an diesem Land sind die Krankenhäuser, die Schulen und Universitäten, in die der Staat sein Geld steckt – aber die Bevölkerung leidet. Maria kann sich erinnern, dass es einmal anders war. Sie ist ein Bürgerkind, und auch Carlos stammt aus einer bürgerlichen Familie. Nie ist er zu einem der Treffen des Komitees zur Verteidigung der Revolution gegangen, die es in jedem Viertel gibt und die auch der Überwachung dienen. Wie kann er sich auf einmal als Kommunist geben? Carlos hat nicht gelernt, selbstständig zu sein, wie die meisten Kubaner, deshalb fürchtet er die Zukunft. Diese Insel ist ein Gefängnis, in dem Denken verboten ist. Es gibt nur eine kleine politische Opposition, die unterdrückt wird und im Ausland bekannter ist als hier. Das Leben steht still, wie Marias Ehe.

»Glücklich«, sagt Maria, »bin ich nur im Flugzeug nach Miami«

Das Haus, in dem sie und Carlos gemeinsam leben, hat zwei Stockwerke und ist umgeben von einem Eisenzaun. Im Vorgarten stehen Palmen und andere tropische Gewächse, die üppig wuchern. Die Veranda wird überdacht von einem Vorbau, der auf Säulen ruht. In den Türbogen hat ein Stukkateur »1924« gesetzt. Das herrschaftliche Gebäude war einmal weiß gestrichen, heute hat es eine altersfleckig-gelbliche Farbe, aber es ist immer noch schön.

Maria sperrt die Gittertür der Wohnung auf, dann die Tür. Sie geht in die Küche, aufrecht, wie sie immer geht, ein wenig schleppend; eine Frau mit rot gefärbten Haaren und müden Augen. Manchmal zwingt sie sich ein Lächeln auf, dann sieht sie aus, als versuche sie sich selbst zu täuschen. Sie holt Reinigungsmittel aus ihrer Stofftasche. Acht Plastikflaschen stellt sie auf den Küchentisch; wer weiß, wann es wieder Reinigungsmittel gibt? Maria hat auch Salat besorgt und Obst und Tomaten. Die kann man nur im Winter kaufen, Avocados gibt es dagegen nur im Sommer, kein Mensch versteht so recht, warum. Reis und Öl und Bohnen gibt es nur auf Lebensmittelkarte.

Als sich die Neuigkeit von Castros Krankheit verbreitete, am 31. Juli 2006, war Maria gerade auf dem Weg zu ihren Kindern in Miami. Ihr einziger Sohn und zwei Töchter leben dort, die meisten schon seit vielen Jahren; nur die vierte Tochter ist in Havanna geblieben. Maria darf reisen, sie hat einen spanischen Pass, wie ihre Mutter. Auch Carlos darf Kuba verlassen, das Regime hindert Rentner nicht daran.

Maria nahm ein Flugzeug in die Dominikanische Republik – wegen des US-Embargos gibt es kaum Direktflüge nach Miami – und besuchte noch kurz Verwandte in Santo Domingo. Gerade dort angekommen, klingelte das Telefon. Es war Blanca, ihre jüngste Tochter, aus Miami.