Roman Tina, Urwald und Inzest

Wie ein göttlicher Plan vor der Erschaffung der Welt: Gregor Hens’ Roman »In diesem neuen Licht«.

Schade, dass es nicht so weitergeht. In einem Schlosshotel in Thüringen fährt der Erzähler wie mit einer Kamera durch eine ganze Reihe von Räumen und gibt uns winzige Ausschnitte aus Geschichten, Biografien und Lebensdramen: einen masturbierenden Jugendlichen, eine paranoide Inderin, einen irren Erfinder, einen begabungsfreien Innenarchitekten beim Geschäftemachen, und selbst der tropfende Wasserhahn im leeren Zimmer ist auf seine triste Weise noch beredt. Es hätte sich so schön entfalten können. Die längste Zeit verweilt der Erzähler bei einem Fremdsprachenlehrer, der auf seine gebildete Art ebenso überambitioniert wirkt wie die Einkaufsmanagerin, die ihn zu PowerPoint-Präsentationen überreden will. Tobias heißt der schöngeistige Trainer. Seine Freundin Tina, mit der zusammen er die Sprachseminare lange Zeit glücklich hinbekommen hat, ist ihm abhanden gekommen, irgendwo im Urwald von Panama. Jetzt steht er da, um ihn bewegt sich die Geschichte wie aufgewühltes Wasser – und der Leser wartet, was für eine Schaumgeburt nun folgt. Es kommt aber etwas anders, leider.

Wir bleiben dreihundertdreißig Seiten lang in ein und demselben Raum der unterkühlten Figuren und Gefühle. Tina ist als Abwesende so wichtig, dass sie sich als Sehnsuchtsfigur durch den ganzen Roman zieht, ohne leibhaftig aufzutauchen. Der Schritt ins Ungeordnete, nach Panama zum Beispiel, ins wüste Grün von Baumriesen, Giftschlangen und Geschwisterinzest, unterbleibt. Was stattdessen geschieht: Sprachlehrer Tobias, als genialer Übersetzer des Tristram Shandy in ganz anderen Sprachmysterien zu Hause, ist Teil einer kultivierten Kleingruppe, die sich in Düsseldorf, in einem luxuriösen Appartement mit Blick auf den Rhein, vor allem mit sich selbst beschäftigt. Dazu gehören Tess, die supererfolgreiche Controllerin einer globalen Unternehmensberatung, ihr Partner David, ein Lyriker mit einem Faible für Extremschach, und schließlich Nabila, eine marokkanische Schönheit, die dem Kernteam mittels einer unglaubwürdigen Räuberpistole zugeführt wird.

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Die Probleme beginnen, wenn Gregor Hens seinem etwas lifestylig stilisierten Roman, der bis dahin an die Figurenanordnung seines gelungenen Erstlings Himmelssturz erinnert, Tiefe und Schwere und fremde weite Welt einfügen will. Er tut dies mit einem konventionellen postmodernen Verfahren: indem er seiner etwas blutleeren Konstruktion ein literaturhistorisches Unterfutter einzieht. Und dazu muss ausgerechnet der Blut beschwörende, Sex als Erlösung denkende englische Erzähler D. H. Lawrence herhalten. Dieser Gegensatz ist nun zu pointiert witzig, um nicht bewusst inszeniert zu sein.

Unsere allen materiellen Sorgen enthobene, kühl räsonierende und vor allem vollkommen sexfreie Selbsterfahrungsgruppe wird immer stärker an die vitalistische, kampf-, affekt- und pathosgeprägte Hormonausschüttungswelt des Berserkers Lawrence verwiesen: David, der Vorsitzende der internationalen D. H. Lawrence-Gesellschaft, überredet Tobias, Lawrence’ Mexiko-Roman Quetzalcoatl zu übersetzen. Ausschnitte dieses Romans, vor allem die Schilderung eines blutigen Stierkampfs, sind unter die knapp hundert Kurzkapitel des Romans gemischt. Die Gruppe bricht irgendwann nach Amerika auf, zunächst ins wüstenheiße New Mexiko, um ihre Schach- und Beziehungsspiele auf einer ehemaligen Lawrence-Ranch fortzusetzen. Schließlich, wir sind bereits in der mexikanischen Provinz, spielen die Gestalten aus dem Lawrence-Roman eine direkte Rolle. Es kommt zwar zu einer Art psychologischen und handlungsbezogenen Verschmelzung, aber eben zu keiner literarisch-künstlerischen.

Tatsächlich führt kein direkter Weg von Lawrence zu Hens. Die eindrucksvollen Szenen der Rückeroberung christlicher Kolonialkirchen in Mexiko durch die wilden präkolumbianischen Götter bleiben Fremdkörper im Roman. Und auch die verwandtschaftslogisch genau aufgedröselte Beziehung der im Urwald verschwundenen Tina zu ihrem doppelten Cousin (und vererbungslogischen Bruder) als Liebhaber bleibt eine Inzestbehauptung ohne Abgründigkeit.

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