Graf hält den Protestantismus für »die anstrengendere, intellektuell forderndere Gestalt des Christentums« gegenüber dem mehr von machtvollen und sinnlichen Inszenierungen lebenden Katholizismus. Aber die Wirkung Martin Luthers, den Graf so nachdrücklich als immer noch wichtigsten Lehrer des Protestantismus ansieht, erklärt sich nicht nur damit, dass seine Lehren intellektuell einleuchteten - er war auch ein Meister der Sprache, einer ästhetisch eindrucksvoll kreativen Inszenierung des Wortes.

Wenn Graf auch die Frage nach der ästhetischen Wirkung aufnimmt und den »kirchentäglichen Kuschelgott« des heutigen Protestantismus mit Recht kritisiert, kommt ihre theologische Tragweite bei ihm doch zu kurz. Man bekommt in Luthers Sprache zu spüren, wie er von Gott nicht anders reden kann als von seinem Wort ergriffen.

Dem soll die Sprache der Predigt als »lebendiges Wort Gottes« entsprechen, wie Luther sie gegenüber der Schrift definiert.

Die primär ästhetische Wirkung gilt ursprünglich übrigens auch für den Koran mit der poetischen Gestalt der Suren, wie der Religionswissenschaftler Navid Kermani in seinem Buch Gott ist schön.

Das ästhetische Erleben des Koran zeigt: Ihre Schönheit galt als Erweis ihrer göttlichen Herkunft!

Der als Humanist und Zeitgenosse Luther anregende und nahestehende Erasmus von Rotterdam kritisierte schon als junger Student an der Sorbonne, wie die traditionelle Scholastik, die dort gelehrt wurde, mit der Sprache umging. Er fand deren Stil voller Flecken, eine spitzfindige Verunstaltung der Sprache, und damit deren Theologie unästhetisch - damit könne man nicht weise werden, sondern nur kalt, arrogant, streitsüchtig (nach J. Huizinga, Erasmus - Basel 1951)! Was dies für die Gestalt der Sprache der Theologen bedeutet, wird im Studium der Theologie bis heute offenbar nicht oder jedenfalls viel zu wenig berücksichtigt.

Hans Joachim v. Homeyer, Husum