Lebenszeichen Reaktionär

Harald Martenstein hadert mit der modernen Kunst

Bei dem Abendessen ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich saß neben einem Kollegen. Dieser Kollege war in Berlin in der Oper gewesen und hatte Idomeneo gesehen, die Oper mit dem geköpften Mohammed. Er schimpfte auf die Schlussszene, die der Regisseur zu der offenbar schönen Oper einfach dazuerfunden hat, die zu der restlichen Handlung passt wie die Faust aufs Auge und für die es nicht einmal Musik gibt, stumme Oper oder wieder mal ein Fall von Regietheater. Wir stellten fest, dass wir beide dieses ganze moderne Theater, in dem dummdreiste Regisseure mit bis ins Detail durchdachten Stücken tun dürfen, was immer sie wollen, zutiefst verabscheuen. Regietheater ist so, als ob eine bis ins Detail durchdachte Kolumne von einem unintelligenten Redakteur redigiert werden dürfte. Niemals! Wir stellten fest, dass wir den Nouveau Roman, die experimentelle Literatur und das dekonstruktivistische Erzählen, überkandideltes, seelenloses Zeug, bei dem keiner durchblickt, langweilig und ausgelutscht finden, übrigens auch die moderne bildende Kunst, bei der ein Künstler nur einen einzigen Einfall braucht, zum Beispiel tote Tiere in Plastik einzugießen, und von diesem einen bescheidenen, meinetwegen halbwegs originellen Einfall, den man aber nach fünf Minuten kapiert, interpretiert und durchschaut hat, lebt er dann glücklich bis ans Ende seiner Tage, wir stellten weiterhin fest, dass die Architekturkritik von Prinz Charles, welcher die Baukunst der letzten Jahre komplett ablehnt, nicht ganz falsch ist, und plötzlich merkte ich, dass ich in ästhetischen Fragen ein Reaktionär bin, besser gesagt, im Laufe der letzten Jahre einer wurde, dass mir dieses Eingeständnis aber schwerfällt, denn der Satz »Ich bin ein Reaktionär« kommt unsereins schwer über die Lippen.

Das Grundproblem besteht meiner Ansicht nach darin, dass man das Prinzip »Fortschritt«, welches das Prinzip unserer Gesellschaft ist und vielerorts seinen Sinn hat, einfach auf die Kunst übertragen hat. Die Wissenschaft erfindet segensreiche neue Medikamente, gut, die Wirtschaft entwickelt neue Rasierapparate, welche besser sind als die alten, auch gut, die Mode wirft neue, angeblich schönere Kleider auf den Markt, um sie zu verkaufen, soll sie. Aber die Kunst kann man eben nicht so weiterentwickeln wie einen Rasierapparat, da ist das Neue nicht automatisch das Bessere, und da gibt es auch ein paar ewige handwerkliche Wahrheiten, zum Beispiel, wie man eine Geschichte erzählen muss, damit andere ihr folgen können und sie interessant finden. Wenn ein neues Hustenmittel auf den Markt kommt, muss es die Leute vom Husten besser kurieren als die anderen, alten. Ein neuer Kunststil dagegen beruft sich oft lediglich auf die Tatsache, anders zu sein, und das ist genauso ein Schwachsinn, als ob man die Geranien mit der Blüte nach unten einpflanzt und dies zum Fortschritt im Gartenbau erklärt.

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Ich bin Reaktionär, dachte ich, vor zwanzig Jahren war ich fortschrittlich, was ich aber in wieder zwanzig Jahren denke, wissen die Götter, und das ist das Dumme bei der Sache.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »

 
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sehr geehrter Herr Martenstein,

    Seit Jahren schon eine treue Leserin Ihrer Kolumne, fühl ich mich nun endlich bemüßigt, ein Kommentar abzugeben (das, genaugenommen, für viele Ihrer Beiträge gilt) –
    Ich möchte mich endlich bei Ihnen bedanken, dass das Lesen Ihrer Kolumne meine seelische Gesundheit und Ausgeglichenheit maßgeblich beeinflusst. Es ist nämlich so: da nesten sich so über die Jahre bei mir, von meinem Über-Ich nicht tolerierte Gedanken ein, die sich zu Meinungen festigen und bestimmte agitierte Zustände hervorrufen könnten (wie dieses Mal zum Thema Regie-Theater), auf jedem Fall aber innere Konflikte - und plötzlich gibt es wieder einen wöchentlichen Martenstein, und bereits im Lesen wird es einem leichter und lichter, und man schließt die Lektüre in der Gewißheit: ja, wenn´s der Martenstein sich zu schreiben traut, dann kann ich kein böser Mensch sein.

  2. 2.

    Sehr geehrter Herr Martenstein,

    Seit Jahren schon eine treue Leserin Ihrer Kolumne, fühl ich mich nun endlich bemüßigt, ein Kommentar abzugeben (das, genaugenommen, für viele Ihrer Beiträge gilt) –
    Ich möchte mich endlich bei Ihnen bedanken, dass das Lesen Ihrer Kolumne meine seelische Gesundheit und Ausgeglichenheit maßgeblich beeinflusst. Es ist nämlich so: da nesten sich so über die Jahre bei mir, von meinem Über-Ich nicht tolerierte Gedanken ein, die sich zu Meinungen festigen und bestimmte agitierte Zustände hervorrufen könnten (wie dieses Mal zum Thema Regie-Theater), auf jedem Fall aber innere Konflikte - und plötzlich gibt es wieder einen wöchentlichen Martenstein, und bereits im Lesen wird es einem leichter und lichter, und man schließt die Lektüre in der Gewißheit: ja, wenn´s der Martenstein sich zu schreiben traut, dann kann ich kein böser Mensch sein.

    • ibm
    • 06.01.2007 um 21:54 Uhr

    was die armen Künstler denn sonst tun sollen.
    Es ist schließlich auf die Dauer auch ziemlich langweilig, wenn zum Beispiel die Berliner Philharmoniker die tausendste Plattenaufnahme von Beethovens nuenter einspielen ode wenn bei einer Wagner-Oper die Sänger in irgendeinem albernen pseudo-Germanen-Outfit über die Bühne hopsen.
    Wer etwas neues probiert, geht eben auch das Risiko ein, zu scheitern. Wenn man allerdings prinzipiell jedem Experimtent die Berechtigung abspricht mit der Begründung, dass irgendwelche großen Künstler der Vergangenheit alles, was künstlerisch möglich ist, schon viel besser gemacht hätten, der ist der Totengräber der Kultur.
    Insofern, lieber ein paar gescheiterte Experimente als das ewige Widerkäuen des angeblich Wahren, Schönen und Guten.

    • Colon
    • 08.01.2007 um 17:25 Uhr

    Neulich, bei einem Glas Fiez, mit mir selbst im inneren Dialog, dünkte es mir, als sei der Martenstein ganz schön reaktionär geworden. Jetzt möchte er schon die Klassiker klassisch, wie unser Bundespräsident, und die Künstler handwerklich wie Maler Menzel, und die Baumeister, frei von jener elenden Leidenschaft, die Öffentlichkeit mit gebauten Karbunkeln zu verstören.

    Schlussendlich in zwanzig Jahren, so manche Kolumne von ihm dahin geschrieben, so manche Reaktion erfahren, könnt´ es auch wieder anders sein, erklärte Herr von Martenstein.

    Den Mann, den lob ich mir, der revoltiert bei Wein und Bier zu fortgeschritt´ner Stunde, schleppt sich nach Haus´ und schreibt es nieder. Dann liegt er in der Falle und träumt, so hoffe ich, Aurora möcht´ ihn kitzeln. Am Tag danach, das Blut nun rein von geistigen Substanzen, schaut er wie neu den Fels vor seiner Türe an: Da müssen nun Damiensfratzen
    d´ran, so heilsam will es Cosmas und Asam.

  3. Das Grundproblem ist nicht nur die Übertragung des Fortschrittsglaubens auf die Kunst. Ganz grundsätzlich wird das Neue für besser gehalten, was zum Beispiel in der unkritisch positiven Bewertung des Begriffes 'Reform' deutlich wird. Das eigentliche Problem entsteht, wenn nicht mehr überprüft wird, ob das Neue wirklich besser ist als das Alte, ob die Reform Fortschritte gebracht hat oder nicht oder womöglich das Problem sogar verschlimmert, das sie heilen soll.

    Um eine solche Überprüfung vornehmen zu können, bedarf es freilich gesicherter Werte, in Bezug auf die man testen kann, und kontrollierbarer Bedingungen. In der Wissenschaft ist dies die unabdingbare Voraussetzung für fruchtbare Arbeit. In der Kunst, in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik fehlt es fast immer sowohl an gesicherten Werten als auch an kontrollierbaren Bedingungen. Insofern ist es fraglich, ob man hier überhaupt von Fortschritt reden darf.

    Vielleicht handelt es sich nämlich gar nicht um Fortschritt, sondern lediglich um mehr oder weniger blinde Betriebsamkeit - Hauptsache, es passiert etwas, dann kann man schon zufrieden sein. Die Mode ist ein gutes Beispiel dafür, und die Kunst vielleicht auch. In der bildenden Kunst verändert sich die Wertschätzung allerdings bekanntlich im Laufe der Zeit, und zwar mit der Tendenz, langfristig stabil zu werden.

    Rembrandt war beispielsweise nach seinem Tode für etwa 200 Jahre überhaupt nicht geschätzt, was heute als Modeeffekt gewertet werden kann, aber mittlerweile kann man ziemlich sicher sein, daß die derzeitige Wertschätzung nie wieder in Frage gestellt werden wird. Mit zunehmender Distanz wird das Urteil offenbar sicherer. Dabei müssen diejenigen, die urteilen, noch nicht einmal in der Lage sein, ihre Kriterien verbal formulieren zu können, um dennoch weitestgehende Übereinstimmung zu erzielen.

    Wie will man denn auch in Worte fassen, was nur mit den Augen zu sehen, mit den Ohren zu hören oder mit dem Herz zu erfühlen ist. Diejenigen, die urteilen - und letzten Endes ist das jeder einzelne von uns - sind gezwungen, auszuwählen. Niemand hat die Zeit, alle jemals gespielte Musik zu hören, alle Bilder zu sehen, alle Bücher zu lesen. Jegliche Auswahl wird selbstverständlich nach Qualitätsgesichtspunkten vorgenommen, wobei der Urteilende diese weder begründen noch sich ihrer bewußt sein muß.

    Auf diese Weise kommt also auch in der Kunst die Wertung ganz selbstverständlich und unvermeidlich ins Spiel. Die wie bei jedem Erleben grundsätzlich nicht herstellbaren kontrollierbaren Bedingungen werden durch die Zeit und die Anzahl der Entscheidungen gewissermaßen statistisch kompensiert. Bei unwesentlicher Kunst oder Musik entscheiden sich immer weniger Menschen dafür, sich damit zu beschäftigen, und umgekehrt. Es sind insbesondere die modischen, also zeitgebundenen Effekte, die an Relevanz verlieren.

    Eine zeitgenössische Überbewertung kann dabei, wie schon das Beispiel Rembrandt zeigt, durchaus zu einer vorübergehenden oder aber auch permanenten Vernachlässigung führen. Das heißt: das Werk muß sich bewähren. Alle möglichen 'Störfaktoren', die die zeitgenössische Bewertung beeinflußt haben, verlieren an Bedeutung, sowohl in positivem als auch in negativem Sinn. Deshalb kann sich auch ein Werk, das zu seiner Zeit keinerlei Wirkung entfalten konnte, später als bedeutsam herausstellen. Bestes Beispiel wäre vielleicht van Gogh.

    In diesem Sinne war die Schlußbemerkung besonders klug, weil sie diesen Zeitfaktor ausdrücklich angesprochen und gewürdigt hat. Wir können davon ausgehen, daß der Zeitfaktor auch über kürzere Distanzen durchaus läuternd wirkt. Auch in dieser Hinsicht war der Artikel einleuchtend. Die Lebenserfahrung bringt es nämlich einfach mit sich, daß man sich nicht mehr so leicht bluffen läßt und die Ansprüche wachsen.

    In einer Hinsicht bin ich allerdings anderer Meinung: Nicht der Autor ist reaktionär, sondern die ach so progressiven Künstler. Eine tiefgehende Erläuterung des bemerkenswerten Phänomens, daß einst fortschrittliche Menschengruppen sich zu wirklich reaktionären wandeln, findet man unter dem Stichwort 'Sokal-Affäre' bei der Wikipedia - womit ein geisteswissenschaftliches Experiment eines politisch links engagierten Physikers bezeichnet wird, der einige modernen Philosophen aufs Kreuz gelegt und sie damit als reaktionär entlarvt hat.

    Seine subversive Methode war ausschließlich politisch motiviert. Er war über die Entwicklung der modernen Philosophie bestürzt und im höchsten Grade alarmiert. Sollten wir nicht alle angesichts der von Martenstein so trefflich charakterisierten Misere in der Kunst ebenso reagieren?

    Es sind natürlich nicht nur die Künstler, die anzuprangern sind, sondern das gesamte Umfeld: Konsumenten, Käufer, Vermittler, Kritiker, Medien. Sie alle sind kritiklos und reaktionär geworden. Warum wohl? Fortschrittlich ist jetzt der, der ruft: 'Aber er hat ja gar nichts an!'

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