Es ist halb acht Uhr abends in Piräus, dem Hafen bei Athen, ein paar wesentliche Grad wärmer als in Deutschland, und im Wartesaal des Zollgebäudes ist nichts los, griechische Winterstarre.Ein Afrikaner telefoniert, ein alter Mann sitzt da, als ob er immer da sitzen würde, ein Beamter stempelt einem die Bordpapiere.Hinter dem Zollgebäude liegt die Hanse Explorer, ein nur 48 Meter langes nagelneues Forschungs- und Ausbildungsschiff, das angeblich kein Wasser und Wetter dieser Erde fürchten muss.Sie ist üppiger beleuchtet als die riesige M.S.Costa auf der anderen Seite des Quais. Auf den ersten Blick wirkt die Hanse wie eine Mischung aus der Yacht eines Individualisten, Cousteaus Calypso und dem Kutter eines größenwahnsinnigen Fischers.Ihr Rumpf ist oberhalb der Wasserlinie mit einem roten Streifen versehen, darüber ist er blau.Zwölf Auszubildende , sechs erfahrene Crewmitglieder und sechs Passagiere werden sich die Hanse in den nächsten zehn Tage teilen.Die Gäste haben eine Kreuzfahrt mit Expeditionscharakter gebucht.Sie sollen am Schiffsalltag »teilnehmen« und dürfen anders als etwa auf der M.S. Costa überall hin und mit allen reden.Und: Sie können abends, meist vor dem Dinner, mit Kapitän Heiko Volz zusammen die Route für den nächsten Tag festlegen.Nur die grobe Richtung steht fest: Von Piräus bis Rhodos wird es gehen. Die anderen Passagiere und der Kapitän im marineblauen Pulli warten schon auf dem Achterdeck, Champagnerglas in der Hand, man sieht sie, wenn man die enge Gangway hochkraxelt, ein bisschen schick gemacht, aber nicht zu sehr.In den Gläsern ist kein Champagner, sondern Riesling-Sekt.Dies liegt daran, dass der Eigner Peter Harren ein großer Liebhaber deutscher Weine ist.Ein Freund guten Essens ist er auch, denn, wenn man so will, wir sind wegen des Essens hier.Harren, der in seinem ersten Leben selbst Kapitän war und heute 39 Frachter auf allen Weltmeeren besitzt, ärgerte sich so sehr über den Mangel an guten Schiffsköchen, dass er deren Ausbildung selbst in die Hand nehmen wollte. Nirgendwo sind die Mahlzeiten so wichtig wie auf See, weil sie für die Crew die einzige Abwechslung an Bord sind und weil die Seeleute schlechte Laune kriegen, wenn das Essen zum Fischefüttern ist. Andererseits fragte sich Harren, der Unternehmer, »was ich auf einem Frachtschiff mit zwei oder drei auszubildenden Hilfsköchen soll bei einer Crew von nur zehn Mann«.Wer sollte das alles essen?So kam die Idee mit dem Ausbildungsschiff, auf dem Passagiere mitreisen.Das ist die eine Version.Die andere geht so: Harren wollte ein Boot, um exklusiv Pinguine angucken zu können oder die Karibik.Er wollte aber auch, dass das Boot die laufenden Kosten einfährt, vielleicht auch mehr. Das Dinner wird an einem großen Teakholztisch serviert.Zwei Vorspeisen zur Auswahl, eine Suppe, zwei Salate zur Auswahl, als Hauptgericht Fisch oder Fleisch und ein Dessert.Zusätzlich gibt es die »Wer-macht-was-Gespräche«, erste Witze und Applaus, als Jér'me, der Koch, sich zeigt.Er ist Deutscher, bald 40, einer, so erfährt man im Laufe der Reise, der an Land Gefahr lief, am Scheidungskrieg mit seiner Frau zu zerbrechen.Nach fünf Gerichtsverfahren hat er alle Brücken hinter sich niedergerissen und versucht nun auf See, sich ins Lot zu bringen.Das ist nicht leicht, obwohl er der Chef ist und ihm in seinem Küchenreich keiner widersprechen darf.Unter ihm arbeiten vier Trainees von den Philippinen, die zwar ordentlich eine Dorade grillen können, doch wenig Ahnung von »Stubenküken auf Rosmarin gebraten mit karamellisierten Zwiebeln und Kartoffelpüree« haben.Und manchmal verzweifelt Jér'me auch hier.Das klingt dann so: »Mr. Johnston Mr.Johnston?MR.JOHNSTON COME HERE.NOW.AND LOOK.THEN COOK.PLEASE.« Die Routenbesprechung nach dem Abendessen im Salon bei einem Schwarzriesling vom Weingut Göttelmann, Jahrgang 2004, ist kurz. Morgen um halb neun gehts los in Richtung Hydra, 38 Seemeilen, um 13 Uhr werden wir dort sein.Vor Hydra müsse man sich entscheiden, ob man auf Reede gehe oder weiterfahre, weil ein starker Wind im Gebiet der Kykladen die Wellen zwei, drei Meter hoch treibe.Sei die See um Hydra zu aufgewühlt, würden wir einen Abstecher in die Gebiete auf der windgeschützten Leeseite machen, nach Ermioni im Norden des Peloponnes, bevor die Reise weiter nach Mykonos, Paros, Naxos, Santorini, Astipalea und schließlich nach Rhodos gehe. Der Himmel ist von famosem Blau am nächsten Morgen.Auf den sonnenbeschienenen und windgeschützten Teilen des Schiffes ist T-Shirt-Wetter.Das Meer ist noch ruhig, erst um Hydra sind die Wellen einen guten Meter hoch, hämmern fies ans Boot, machen aus der Spazierfahrt eine abenteuerliche Expedition, wenigstens für Landratten.Dann, bei einer spontanen Lagebesprechung auf der Brücke, die Nachricht des Kapitäns: Man könne nicht anlegen in Hydra, der einzige Platz im Hafen sei belegt.Das wars dann mit Hydra.Also rüber in Richtung Peloponnes, die vorsichtige Variante, nach Ermioni. Definitiv nicht das Kykladen-Abenteuer, wo die See ein Männermeer ist. Die Männer unter den Passagieren fragen sich bei einem Becks Bier an der Bordbar, ob Volz nun ein Schönwetterkapitän sei oder ob man Rücksicht nehme auf die 84-jährige Dame, die reizend, aber nicht mehr gut zu Fuß ist.Man einigt sich auf Rücksicht.Nach dem Bier liegt Ermioni vor einem, hübsch, weiß, lang gezogen.Die Hanse ankert etwa 700 Meter vom Hafen entfernt, dann eine weitere Frage unter Jungs: »Kann man nicht näher ran?«Das Ganze erinnert an Fußball, wo jeder besser Bescheid weiß als der Trainer. Landgang.Ein Kran hebt das schwarze James-Bond-mäßige Zodiac ins Wasser, Panther heißt es.Die Passagiere ziehen Schwimmwesten an und setzen sich auf den Gummirand des Schlauchbootes.So tuckern wir in Richtung Ermioni, den Wind im Gesicht, auf den sanften Wellen hopsend, manchmal spritzt ein wenig Wasser ins Boot.Im Hafen gucken nur ein paar Fischer, und man ertappt sich bei dem Gedanken, dass ein richtiges Publikum für das eigene Ego nicht schlecht wäre. An Land sieht man ein offenes Café und ansonsten nur geschlossene Fensterläden.Also rauf auf den Hügel, dort steht eine große Kirche. Ein Auto kommt vorbei, zehn Minuten später ein zweites, man hört es von weitem.Zwei Jungs im getunten Pick-up donnern mit 90 Sachen vorbei.Die Kirche ist auch geschlossen, also auf der andern Seite wieder runter, durch verwinkelte Gässchen, vorbei an dösenden Katzen. Es ist so ruhig, dass man das Schlagen der eigenen Hosenbeine hört. Beate, die Marketingexpertin, philosophiert über den Verlust von Spiritualität.Stefan, der Steuerberater, erzählt von einem Kunden, dessen Frau zu spirituellen Zwecken ein Tipi im Garten habe, und ihren Gatten dazu überredete, besser mit ihr im Tipi zu meditieren als im Büro des Familienbetriebs doofes Geld zu verdienen. » Und der Mann war so blöd, zu verkaufen«, sagt Stefan. » Da siehst du, wie stark das Ding mit der Spiritualität sein kann«, sagt Beate dazu. Die »Hanse« liegt im Abendlicht.Noch ein Glas Wein im Café am Hafen, der Wein ist passabel, wir haben das Café für uns, bis das halbe Dorf schwarz gekleidet als Trauergesellschaft auftaucht.Auf den Friedhof hätte man gehen müssen, denkt man später auf der Rückfahrt zum Schiff, da wäre das Leben gewesen.Es tut gut, wieder an Bord zu sein, zu Hause, erst mal ein Bier zu zapfen, es auf dem Hometrainer wieder auszuschwitzen, noch kurz in die Sauna zu gehen, sich umzuziehen für den Aperitif, die Routenbesprechung bei Weißwein und zu dinieren, bevor man an der Bordbar ankert. 7000 Euro für die Kabine kosten die zehn Tage und 350 Seemeilen Hanse Explorer, alles inklusive außer ein paar Premium-Spirituosen.Bei einer Zweierbelegung macht das 350 Euro pro Tag und Person.Billig sei das nicht, sagt Angelika, eine Kreuzfahrtexpertin aus Hamburg, 717 Seetage und eine Stimme, die 17 Jahre Reval ohne Filter und die Lightzigaretten danach nicht mehr loswird.Ein Tag auf der M.S. Europa koste knapp 450 Euro pro Person, rechnet sie, inklusive Kaviar. Und man sei kein Versuchskaninchen.Rainer, selbst Kapitän eines 12-Meter-Bootes, bekrittelt die Schweißnähte.Manchmal findet er das Ganze auch zu elitär, die Reichen da oben und die Arbeiter da unten. Lolo, der 84-jährigen Dame, sind die Kopfkissen zu groß.Angelika auch.Sie fragt sich außerdem, warum der Baileys als Premium-Spirituose drei Euro kostet und der Glenfiddich nicht.Der Steuerberater Stefan kann nichts beanstanden außer seiner Landung im Wasser. Einmal während der Fahrt darf sich jeder einen roten isolierenden Ganzkörper-Überlebensanzug überstreifen und eine Schwimmweste, von Bord springen und sich von der Crew retten lassen.Das klingt nach einem Große-Jungs-Spaß und ist auch einer.Anzug und Schwimmweste produzieren beim Eintauchen einen erheblichen Auftrieb, was einen ziemlich durcheinanderbringt.Steuer-Stefan war mit angewinkelten Knien im Wasser gelandet und einmal saltomäßig gedreht worden.Er bekam die Panik und planschte hilflos im Wasser herum, während die Augen nach vorne schossen, wie bei einem Kugelfisch.Sah beschissen aus, man kann es nicht anders sagen. Das Beste bei diesen Spektakeln ist die Crew, sie steht smart lächelnd an der Reling und springt erst ins Wasser, wenn das Boot volle Fahrt aufgenommen hat.Und irgendwann zieht es einen runter zur Mannschaft, dorthin, wo es keine Teppiche, keinen Luxus mehr gibt, wo immer der Fernseher läuft.Knapp über der Wasserlinie trifft man die angehenden Bootsmänner, Maschinisten, die Kadetten, den Chinesen aus der Wäscherei.Dort kann man mit Oleg, dem Schiffsingenieur, über Motoren sprechen, mit den Philippinern über ihr Leben zu dritt in einem Appartement in Manila oder mit den Kadetten über den langen Weg, bis man endlich Kapitän ist.Danach kann man wieder faul an Deck liegen, die Kulisse der Ägäis hinter einer Sonnenbrille vorbeiziehen lassen. Oder zum Kapitän gehen mit dem Wunsch, die nächste Bucht anzulaufen, und wenn es machbar ist, geschieht es. Das mache die Hanse Explorer so einzigartig, sagt Kreuzfahrtexpertin Angelika, mit selbst gemixtem Drink in der Hand.Denn es geht vor allem um ein Gefühl: das Gefühl, die Hanse sei DEIN Dampfer, DEINE Yacht.Dieses Gefühl ist der wirkliche Luxus an Bord.Viel mehr als das Interieur des Schiffes, die milchig-grauen Teppiche, die den Schritt federn lassen, das Esszimmer und der Salon, die sechs großen Kabinen aus hellem Ahorn. Vom zweiten Morgen an verschwimmen die Tage, kreisen aufs Angenehmste in einem eigenen Raum- und Zeitkontinuum.Die einzige wirkliche Sorge ist, wie viele Kilo man wohl zunehmen werde.Schlafen, essen, trinken, nach jeder Zigarette zieht eine andere Insel am Horizont an einem vorbei.Hin und wieder mit dem Zodiac in eine Bucht oder an Land - zu den Windmühlen auf Mykonos, den Gräbern Mykenes auf dem Peloponnes, einem Champions-League-Spiel in Naxos, einem verlassenen Kloster auf Astipalea.Und wo wir auch hinkommen, auf jeder Insel eine Beerdigung. Es scheint, als würden die Griechen am liebsten im Dezember sterben. Erst ganz am Schluss, sieben Beerdigungen später, steht plötzlich der Wachhabende im Speisesaal, wir sind beim Karotten-Sellerie-Süppchen mit Ingwer.Da sei ein Hochzeitspaar, das gern aufs Schiff würde und ein paar Fotos machen.Kein Problem, sagt der Kapitän und schmeißt eine Runde Riesling-Sekt.Wir sind so aus dem Häuschen, dass die Leute hier nicht nur sterben, dass wir das Paar nicht gehen lassen wollen. Zehn gemütliche Knoten macht das Schiff auf der Fahrt von Astipalea nach Rhodos.Es ist nach Mitternacht, ich bin noch unten im Crewbereich, trinke mit Georgij aus Georgien, dem Bootsmann, einen Grappa mit Coca-Cola und stelle dumme Fragen.Etwa warum er die See gewählt habe und nicht das Land.Er fahre jetzt 16 Jahre zur See, sagt er.Sechs Jahre war es Faszination, seither ist es Geldverdienen.Ich erinnere mich, was der Koch Jér'me gesagt hatte, der seit vier Jahren auf Booten unterwegs ist: wie er es genieße, morgens nach Sonnenaufgang die See anzugucken.Und ich werde traurig darüber, dass kein schönes Gefühl die Kraft hat, auch nur ein paar lächerliche Jahre anzudauern.Danach gehe ich auf die Brücke zu Wladimir, dem 1. Offizier aus Odessa.Wir sprechen über eine dieser wilden Zodiac-Fahrten, als ausgerechnet Rainer, der Seebär, fast einen Abflug gemacht hätte, über die Frauen und die Mühsal der Enthaltsamkeit an Bord. Bevor wir schweigen, sagt Wladi, ich könne auf einen gelben Knopf drücken, wenn er blinke.Danach blicken wir abwechselnd auf die dunkle See, auf die Radarbildschirme, ich zusätzlich noch auf den gelben Knopf, und wir schwiegen weiter so, als ob wir sprechen würden.Als der gelbe Knopf endlich blinkt, drücke ich ihn.Danach neigt sich mein Drink dem Ende zu, ich gehe runter in den menschenleeren Salon, gieße mir einen Whiskey ein und laufe spazieren: Achterdeck, Salon, Achterdeck.Lasse mich in die Sessel plumpsen, schlage die Beine übereinander und lehne immer wieder mal lässig an der Reling. Seither weiß ich, wie es sich anfühlt, ein Schiff ganz für sich allein zu besitzen. Information Hanse Explorer: Die 7- bis 21-tägigen Schiffstouren führen zu den Kanarischen Inseln, nach Norwegen, Island sowie nach Kanada und Südamerika.Vom 14. bis 21.Januar geht es von Malaga nach Agadir über Rabat, Casablanca und Safi (ab 4900 Euro).Die Kapverdischen Inseln werden vom 6. bis 17.Februar angesteuert (ab 7700 Euro).Zwischen dem 26.März und dem 5.April fährt die »Hanse« von Bremerhaven über London und die Scilly Islands nach Cork (ab 8000 Euro) Die An- und Abreise sowie Mietautos, Führungen und das Essen bei Landgängen sind nicht im Preis inbegriffen Auskunft: Oceanstar GmbH, Tel. 06103/571890, www.oceanstar.de/hanse_explorer