Nachruf Mutig und solide

Zum Tod von Gerald Ford: Der 38. Präsident der USA schätzte weder Ideologien noch Visionen. Aber nach Vietnamkrieg und Watergate stellte er das Selbstvertrauen Amerikas wieder her

Gerald Ford war in seiner Person eine herausragende Verkörperung der bürgerlichen Tugenden Amerikas: Common Sense, Verantwortungsbewusstsein, Mut, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Zuverlässigkeit.

Ford wurde 1913 geboren. Seit 1948 war er stetig wiedergewähltes Mitglied des amerikanischen Abgeordnetenhauses gewesen, bis Richard Nixon ihn 1973 als Ersatz für den zurückgetretenen Spiro Agnew zum Vizepräsidenten der USA berief. Als Nixon wegen der Watergate-Affäre 1974 sein Amt als Präsident niederlegen musste, war die Nachfolge durch Gerald Ford zwangsläufig. Ohne vom Volk gewählt worden zu sein, sind Fords beide Berufungen historisch einzigartig gewesen, wenngleich in eindeutiger Übereinstimmung mit der amerikanischen Verfassung. Angesichts der ungewöhnlichen Prozedur war zu befürchten, dass Präsident Ford es außerordentlich schwer haben würde, sich gegenüber dem Kongress und in der öffentlichen Meinung zu behaupten. Zu allem Überfluss musste der neue Präsident sogleich einen neuen Vizepräsidenten ernennen, dem gleichfalls die Legitimation durch das Volk fehlte. Immerhin schrieb aber die New York Times bereits im Sommer 1974: »Keine Aura von Charisma, aber eine Aura solider Tugenden«.

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Mit erstaunlicher Zivilcourage hatte Gerald Ford sich schon nach vier Wochen zu dem unge- wöhnlichen Akt entschlossen, Nixon wegen aller Verstöße gegen Verfassung und Strafgesetz zu pardonieren. Ford wusste, dass er damit in der öffentlichen Meinung und im Kongress kaum Zustimmung finden würde; möglicherweise verlor er deswegen zweieinhalb Jahre später die Wahl. Aber im Rückblick hat die Amnestierung Nixons sich als eine Wohltat für die amerikanische Nation erwiesen. Wegen des verlustreichen Vietnamkrieges und wegen des Watergate-Skandals war Amerika damals von einer tiefen Krise des Selbstvertrauens befallen. In dieser Situation hätte ein öffentliches Gerichtsverfahren gegen den gerade abgetretenen Präsidenten Nixon eine Hysterie auslösen können, jedenfalls hätte es die Krise verlängert und vertieft. Davor hat Ford sein Land bewahrt.

Ford hatte die Krise und den Skandal im Sommer 1974 geerbt. Als er Anfang 1977 sein Amt an Jimmy Carter abgab, hatte er in nur zweieinhalb Jahren das Selbstvertrauen Amerikas wieder stabilisiert und den Respekt der Nation gegenüber dem eigenen Staatsoberhaupt und Regierungschef zurückgewonnen. Ford hat als Präsident viele amerikanische Wunden heilen können. Er hat darüber hinaus das Vertrauen der Europäer in die Führung der uns verbündeten Weltmacht USA wiederhergestellt.

Außenpolitisch war Gerald Ford ein Internationalist. Das haben die Europäer insgesamt und besonders wir Deutschen wohltuend erfahren. Er hat sich von Frankreichs Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, vom britischen Premier James Callaghan und von mir von der Nützlichkeit einer KSZE-Gipfelkonferenz überzeugen lassen. Sie hat im Sommer 1975 in Helsinki stattgefunden und mit ihrer Schlusserklärung sowohl unserer Ostpolitik als auch den oppositionellen Kräften in Polen, in der damaligen Tschechoslowakei und andernorts im sowjetisch beherrschten Osten Europas sehr geholfen. Ebenso hat Ford 1975 unserem gemeinsamen Vorschlag für eine Weltwirtschaftsgipfel-Konferenz zugestimmt, die alsdann im selben Jahr in Rambouillet stattfand. Sie hat verhindert, dass die durch Opec ausgelöste globale Rezession sich zu einer globalen Depression steigern konnte. Ein Jahr später hat Ford durch eine abermalige Konferenz die Tradition der alljährlichen Weltwirtschaftsgipfel begründet.

Gerald Ford hat als Soldat im Zweiten Weltkrieg auch gegen Deutschland gekämpft. Aber als Präsident hat er weder das deutsche Volk noch den damaligen Bundeskanzler entgelten lassen, dass wir der Irreführung durch Hitler anheimgefallen waren und dass wir so schrecklich lange Zeit geglaubt hatten, es sei unsere patriotische Pflicht, im Kriege zu kämpfen.

Leser-Kommentare
  1. Gerald Ford stammte aus Grand Rapids -- Mittelstadt in Mittelamerika! Einen typischeren Amerikaner gab es nie. Fußball-Mannschaftsführer an der Universität Michigan, Kriegsveteran, Vertreter seiner Heimatstadt im Abgeordnetenhaus, vier Kinder: zwei Mädchen, zwei Jungens. Er verkörperte den Durchschnitsrepublikaner wie kein anderer: der kleine Mann, den die europäische Presse ignoriert, die nur New Yorks und Hollywoods demokratisches Establishment kennt und sich dann jedesmal wundert, wenn ihre Wahlprognosen falsch liegen.

  2. 2.

    um freundlich weiter zu fahren ... Ford amnestierte Nixon nur aus Freundschaft, nicht aus Weitblick ... alles andere Wichtige findet man in der Washington Post mit den postum veröffentlichten Interviews dazu und zu anderem ...

    (allerdings wurde der Nachfolger von Roosevelt auch nicht gewählt, da Roosevelt starb)

    mehr soll man hier ja nicht sagen

    • lemar
    • 04.01.2007 um 10:43 Uhr
    3.

    Der Nachfolger Franklin D. Roosevelts, der damalige Vizepräsident Harry S. Truman war gewählt, und zwar im November 1944 zum Vizepräsidenten.
    Ford hingegen wurde ernannt und nicht gewählt, hat also kurioserweise keinerlei demokratische Legitimation außer der Zustimmung des Senats zu seiner Ernennnung zum Vize gehabt.

    • Anonym
    • 05.01.2007 um 0:52 Uhr

    Interessant auch, dass Vizepräsident Rockefeller natürlich ebenso wenig demokratisch gewählt war. Bei einem Ausscheiden Fords wäre er ungewählt Präsident geworden. Es gab offiziell 2 Attentatsversuche auf Ford. Ford war im Schlepptau Nixons. Wie Nixon zur Macht gekommen ist, scheint heute keiner mehr zu fragen. Immerhin hatte er bereits einen Wahlkampf zur Präsidentschaft und zum Governeur von Kalifornien verloren. Nixon wurde von Rockefeller finanziert und durch dessen Medien gepusht. Ob da jemand, der am Boden lag, dem Teufel seine Seele verkaufte? Das 25th Amendment der US Constitution passierte den Kongreß, 1965, offiziell wg. der Situation um Kennedy zuvor. Auf jeden Fall passierte es zeitgerecht, um in den 70ern ausgiebig genutzt zu werden: Ernennung zum Präsidenten, bzw. Vize nur mit Mehrheitsvotum des Kongreßes. Eine nette Pointe, dass Herr Rockefeller zu seiner Ernennung zum Vizepräsidenten kundtat, dass weder er noch andere Kernmitlglieder seiner Familie in den letzten 11 Jahren Einkommenssteuern bezahlt hatten. Wahrscheinlich hatten sie kein Geld verdient in diesem Zeitraum...

    Demokratie - made in USA.

    Ford übrigens , wie Altpräsident Bush es bei der Beerdigung bemerkte, legitimierte als Mitglied der Warren-Kommission, die offizielle Darstellung des JFK-Mordes, mit dem einzelnen durchgedrehten Mörder, dessen Kugel mit übernatürlichen Kräften mehrmals die Richtung änderte.

    Es sind eben immer die Wahnsinnigen, wie auch beim Attentat auf Reagan. Dann wäre Bush sen. Präsident geworden. Es ist übrigens offiziell, dass der Täter ein Bekannter der Bushs war, in den Medien aber nur ein Wahnsinniger. . Aber hier einen Zusammenhang herzustellen grenzte an Verschwörungstheorien. Da hätte Bush, als Ex-CIA-Chef, ja auch einen anderen hernehmen könnenBig lie-Theorie?

    Ich lese dann lieber die Zeit, dort ist die Welt viel einfacher und gemütlicher!

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