Dem unerforschlichen Ratschluss der Sprachakademie an der Grazer Universität gefiel es, die Wortschöpfung »Penthousesozialismus« zum Wort des Jahres 2006 zu küren, knapp gefolgt von dem Stoßseufzer »arschknapp«. Das kommt eben dabei heraus, wenn man Germanisten die Deutungshoheit über die Zeitläufte zumutet – papperlapapp, weltfremd und zwangsoriginell.

Es gab in Österreich 2006 natürlich nur einen einzigen zentralen Begriff, der das Land prägte und alle gesellschaftlichen Ebenen infiltrierte: »Mozart« – von Wolfgang bis Amadeus ein kolossaler Graffito der Republik ein ganzes Jahr lang in die Annalen geschrieben. Jubeljahr, Besinnungsjahr, Anlassjahr, Bedenkjahr, Rekordjahr, Vereinnahmungsjahr: Die Definitionen dafür, was zur Würdigung des 250. Geburtstags des Komponisten hätte stattfinden sollen, sind auch nach Ablauf besagten Jahres widersprüchlich. Es gibt die Statistiken, die von gewaltigen Zuwachsraten bei Übernachtungen, Besuchern und Umsätzen erzählen. Der Umwegrentabilität ist Genüge getan. Die Verantwortlichen in Kulturindustrie und Tourismus sind rundum zufrieden. Die Kritiker, die bereits Verrat und Ausverkauf witterten, lange bevor es ernst wurde mit dem Veranstaltungsreigen, sind weiterhin unversöhnt. »Die Verlierer der Gedenkjahre sind immer die Jubilare selbst«, behauptete zur Jahresmitte der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Vortrag aus Anlass des Mozart-Jubiläums: Stets finde ein »unverschämtes Trivialisierungsattentat« statt.

In der Tat widerstand man nirgendwo der Versuchung, den Mozart-Kult nach allen Regeln der Geschmacklosigkeit auszuschlachten. Selbst wenn man die Nahrungsmittelproduzenten und ihre Kreationen außer Acht lässt und das groß angekündigte Highlight, bei dem Wolfgang Schüssel und sein Staatsgast Condoleezza Rice wie einst Wolfi und Nannerl vierhändig hätten klimpern sollen, glücklicherweise nicht zustande kam – eine endlose Liste peinlicher Schandtaten. Da wurde etwa vergeblich ein mutmaßliches Familiengrab der Mozarts geplündert, nur um in einer ORF-Dokumentation unter erheblichem kriminaltechnischem Aufwand irgendeinen Schädelknochen doch noch zu einer Reliquie erklären zu können.

Im urban design der barocken Mozart-Stadt dominierten monatelang 80 riesige bunt bepinselte Mozartkugeln aus Polyester, Durchmesser 1,60 Meter. Da konnte Wien klarerweise nicht passen: Gleich ein ganzes Hochhaus, der Ringturm, wurde mit einer gigantischen Don Giovanni -Tapete verhüllt. Oder: Eine Tageszeitung widmete sich allen Ernstes der Frage: »Welche Songs hätte Mozart heute auf seinen iPod geladen?« Das war lediglich der schrille Aspekt des Rummels, eine Vermarktungsschlacht, bei der, wie es im modernen Kriegsgeschehen zur Gewohnheit geworden ist, die Kollateralschäden überwiegen. Andererseits wurde aber der durchaus ernsthafte Versuch unternommen, einem kulturellen Großereignis Statur zu geben, aber auch die Sinnhaftigkeit derartiger Festlichkeiten zu hinterfragen und zeitgemäße Antworten auf das diskussionswürdige Problem zu finden, ob abseits des säkularen Wallfahrtsgewerbes überhaupt die Möglichkeit besteht, intellektuell redlich mit dem Phänomen eines historischen Jubiläums umzugehen.

In der Regel dient der Jahrestag lediglich als Vorwand, in der Ökonomie der Aufmerksamkeit Marktanteile für ein bestimmtes historisches Ereignis oder ein bestimmtes Œuvre und alle, die sich damit beschäftigen, zu erobern. Je professioneller er im Sinne moderner Marketingstrategien inszeniert wird, desto größer der Wettbewerbsvorteil gegenüber allen anderen Werken und Tatsachen, die ebenfalls bedacht und bewundert werden wollen. Für das Werk selbst ist es gänzlich ohne Bedeutung, ob es im 248. Jahr oder im 253. Jahr nach der Geburt seines Schöpfers wahrgenommen wird. Bloß seine Breitenwirksamkeit steht zur Disposition.

Im Fall der Ikone Mozart ist der Sog natürlich besonders groß, der sich durch die Inszenierung eines Jubiläums erzielen lässt. Der »Jahresregent«, so der Euphemismus für die Handelsmarke der Jubiläumsbranche, war in den beiden vergangenen Jahren wahrscheinlich der größte Arbeitgeber für österreichische Kulturgewerbler aller Ausrichtungen. Beruf oder Berufung, die Unterscheidung fiel mitunter schwer.