Noch 21 Kilometer bis leer. Wir passieren die Tankstelle mit 160 Stundenkilometern, und mein Blick fällt eher zufällig auf das Display am Armaturenbrett. Dann die Frage, die wohl jeder Tour zu Beginn eine besondere Dynamik verleiht: »Sag mal, wie oft kommen diese Tankstellen eigentlich so auf Autobahnen?« Als blende der Beginn einer Lesetour den Erfahrungsschatz der letzten 32 Jahre aus.

Mein Reise- und Lesebegleiter Michi Gaissmaier, Leadsänger und Gitarrist der Wiener Band Heinz, sieht mich stirnrunzelnd an. Sein Gesicht erinnert mich an Yoda, der Luke Skywalker kopfschüttelnd die Basics einer Tour erklärt. »Zirka alle 50 Kilometer…«, sagt Michi mit einem sehnsüchtigen Seitenblick auf die Nebenfahrbahn, der nach Verbündeten oder zumindest nach Erster Hilfe sucht. »…also hab ich mal irgendwo gelesen.« Ich deute auf das Display: 19 Kilometer bis leer.

SMS von meinem Freund Thomas Glavinic. Er befindet sich ebenfalls auf Tour. Allerdings europaweit. Er rät mir von irgendeinem Ort im Ruhrpott ab. Ich habe nichts zu raten. Es ist meine erste Lesetour. Und mein Erfahrungsschatz erschöpft sich bereits mit einer Lesung auf Bierkisten in einem Wiener Kellerclub gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre (der mir auch eine Woche später auf der Frankfurter Buchmesse sekundierte), einer lausig besuchten mit Xaver Bayer, einer noch lausiger besuchten in München mit Hannes Ringlstetter und einer in Regensburg, nach der ich mit dem gesamten Publikum Abendessen ging. Schlimmer kann es eigentlich nicht werden, denke ich, während mein Freund, der Popstar, panisch den Typen von der Agentur anruft, um herauszufinden, wann die nächste Tankstelle kommt. Elf Kilometer bis leer.

Wenn man als Autor eine Lesereise durch Österreich macht, merkt man zwei Dinge relativ schnell. Erstens: Das hier ist nicht die Robbie-Williams-Welttournee (»Ich dachte wir schlafen in einem Hotel!?«). Zweitens: Wenn einem der Sprit ausgeht, dann fehlt von Betreuung jede Spur. Begleitet von »Zwei Kilometer bis leer«, fahren wir bei Amstetten ab und hoffen auf eine Öloase, die tatsächlich am Horizont erscheint. Wir können sie sehen. Können wir sie auch erreichen? SMS von Glavinic: »7.Auflage!«

Ich hechle mit letzter Kraft dem Ende meiner ersten entgegen. Und die entsprach wahrscheinlich nicht mal der Anzahl von Rezensionsexemplaren, die der Hanser Verlag für den neuen Glavinic rausgeschossen hat. Aber was soll’s. Deshalb bin ich ja auf Tour. Gestern im Rabenhof Theater in Wien kamen 200 Leute, die viel gelacht haben. Gut, der zweite Teil, als ich mit Stermann und Grissemann aus der Klaus-Kinski-Biografie las, kam bei zarter besaiteten Frauen weniger gut an (Stichwort »Fötzchen«). Aber alles in allem war es ein Abend, der Selbstbewusstsein spendete. Und schlimmer als Regensburg (acht zahlende Gäste) kann selbst Salzburg nicht werden.

Wir haben es geschafft. Beinahe hätte ich Benzin statt Diesel eingefüllt. 17 Uhr. Wir sind spät dran. Hinter mir blitzt es das erste Mal. Bei Robbie Williams sind es Paparazzi. Bei uns Radargeräte. Bereits 300 Kilometer vor Salzburg die potenzielle Gage des Abends verspielt. Jarvis von Pulp singt aus dem Autoradio » This is hardcore«. Und Michi von Heinz wirkt müde.

Als wir durch Salzburg fahren, wundern wir uns noch, dass nirgendwo Plakate hängen. Aber was soll’s. Die starke Salzburger Szene und die noch stärkere Mundpropaganda werden das ihre tun. Heinz und Schalko – wer will schon diesen »kulturellen Super-GAU«, wie später eine St. Pöltener Stadtzeitung unsere Kombination bezeichnen wird, versäumen? Die erste dunkle Ahnung erscheint als transparenter Schweißteppich auf meiner Stirn. Mönchsberg, Museum, 20.12 Uhr: »Wir kommen wegen der Lesung.« Fragender Blick der schwarz gekleideten Dame an der Kassa. »Wieso, die ist doch erst am Mittwoch?« Die Ahnung schlägt in Gewissheit um. Kalter Schweiß. Als ich unseren Freund und Veranstalter Sepp Schellhorn scherzend auf die »flächendeckende Plakatierung« anspreche und beim Wort »Ankündigung« sein Gesicht seltsam gefriert, klingen seine Worte bereits wie aus einem anderen Zimmer: »Ich habe geglaubt, dass ihr das macht.«