ÖsterreichOn the road in der Provinz

Der Schriftsteller David Schalko tourt mit seinem Erstlingsroman quer durch Österreich. Ein Tagebuch von David Schalko

Noch 21 Kilometer bis leer. Wir passieren die Tankstelle mit 160 Stundenkilometern, und mein Blick fällt eher zufällig auf das Display am Armaturenbrett. Dann die Frage, die wohl jeder Tour zu Beginn eine besondere Dynamik verleiht: »Sag mal, wie oft kommen diese Tankstellen eigentlich so auf Autobahnen?« Als blende der Beginn einer Lesetour den Erfahrungsschatz der letzten 32 Jahre aus.

Mein Reise- und Lesebegleiter Michi Gaissmaier, Leadsänger und Gitarrist der Wiener Band Heinz, sieht mich stirnrunzelnd an. Sein Gesicht erinnert mich an Yoda, der Luke Skywalker kopfschüttelnd die Basics einer Tour erklärt. »Zirka alle 50 Kilometer…«, sagt Michi mit einem sehnsüchtigen Seitenblick auf die Nebenfahrbahn, der nach Verbündeten oder zumindest nach Erster Hilfe sucht. »…also hab ich mal irgendwo gelesen.« Ich deute auf das Display: 19 Kilometer bis leer.

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SMS von meinem Freund Thomas Glavinic. Er befindet sich ebenfalls auf Tour. Allerdings europaweit. Er rät mir von irgendeinem Ort im Ruhrpott ab. Ich habe nichts zu raten. Es ist meine erste Lesetour. Und mein Erfahrungsschatz erschöpft sich bereits mit einer Lesung auf Bierkisten in einem Wiener Kellerclub gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre (der mir auch eine Woche später auf der Frankfurter Buchmesse sekundierte), einer lausig besuchten mit Xaver Bayer, einer noch lausiger besuchten in München mit Hannes Ringlstetter und einer in Regensburg, nach der ich mit dem gesamten Publikum Abendessen ging. Schlimmer kann es eigentlich nicht werden, denke ich, während mein Freund, der Popstar, panisch den Typen von der Agentur anruft, um herauszufinden, wann die nächste Tankstelle kommt. Elf Kilometer bis leer.

Wenn man als Autor eine Lesereise durch Österreich macht, merkt man zwei Dinge relativ schnell. Erstens: Das hier ist nicht die Robbie-Williams-Welttournee (»Ich dachte wir schlafen in einem Hotel!?«). Zweitens: Wenn einem der Sprit ausgeht, dann fehlt von Betreuung jede Spur. Begleitet von »Zwei Kilometer bis leer«, fahren wir bei Amstetten ab und hoffen auf eine Öloase, die tatsächlich am Horizont erscheint. Wir können sie sehen. Können wir sie auch erreichen? SMS von Glavinic: »7.Auflage!«

Ich hechle mit letzter Kraft dem Ende meiner ersten entgegen. Und die entsprach wahrscheinlich nicht mal der Anzahl von Rezensionsexemplaren, die der Hanser Verlag für den neuen Glavinic rausgeschossen hat. Aber was soll’s. Deshalb bin ich ja auf Tour. Gestern im Rabenhof Theater in Wien kamen 200 Leute, die viel gelacht haben. Gut, der zweite Teil, als ich mit Stermann und Grissemann aus der Klaus-Kinski-Biografie las, kam bei zarter besaiteten Frauen weniger gut an (Stichwort »Fötzchen«). Aber alles in allem war es ein Abend, der Selbstbewusstsein spendete. Und schlimmer als Regensburg (acht zahlende Gäste) kann selbst Salzburg nicht werden.

Wir haben es geschafft. Beinahe hätte ich Benzin statt Diesel eingefüllt. 17 Uhr. Wir sind spät dran. Hinter mir blitzt es das erste Mal. Bei Robbie Williams sind es Paparazzi. Bei uns Radargeräte. Bereits 300 Kilometer vor Salzburg die potenzielle Gage des Abends verspielt. Jarvis von Pulp singt aus dem Autoradio » This is hardcore«. Und Michi von Heinz wirkt müde.

Als wir durch Salzburg fahren, wundern wir uns noch, dass nirgendwo Plakate hängen. Aber was soll’s. Die starke Salzburger Szene und die noch stärkere Mundpropaganda werden das ihre tun. Heinz und Schalko – wer will schon diesen »kulturellen Super-GAU«, wie später eine St. Pöltener Stadtzeitung unsere Kombination bezeichnen wird, versäumen? Die erste dunkle Ahnung erscheint als transparenter Schweißteppich auf meiner Stirn. Mönchsberg, Museum, 20.12 Uhr: »Wir kommen wegen der Lesung.« Fragender Blick der schwarz gekleideten Dame an der Kassa. »Wieso, die ist doch erst am Mittwoch?« Die Ahnung schlägt in Gewissheit um. Kalter Schweiß. Als ich unseren Freund und Veranstalter Sepp Schellhorn scherzend auf die »flächendeckende Plakatierung« anspreche und beim Wort »Ankündigung« sein Gesicht seltsam gefriert, klingen seine Worte bereits wie aus einem anderen Zimmer: »Ich habe geglaubt, dass ihr das macht.«

Egal. Alleine wegen des Essens hat sich die Reise gelohnt. Wegen des Publikums weniger. Als wir in den Raum hinuntergehen, in dem wir lesen – er erinnert an einen Führerbunker –, warten sie schon am Eingang, die beiden zahlenden Gäste. Regensburg war also erst der Anfang. Ich flüchte nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen, gehe zurück, stelle mich meinem Publikum namentlich vor (Publikum tut selbiges) und sage: »Scheiß drauf. Wir machen das trotzdem.« Ich glaube, jetzt hat das Publikum mehr Angst als ich. Die beiden nicken nur und sehen sich nach den Notausgangsschildern um. Es kommen noch zwei Freunde meines Verlegers. Die Anzahl der Zuseher übersteigt die der Darbietenden. Damit ist die wichtigste Auftrittsregel erfüllt. Michi von Heinz singt unplugged. Ich lese aus meinem Buch.

Der Freund meines Verlegers, ein Autorenkollege, trägt ein Rokokorüschenhemd. Er fordert während der Lesung mittels Zwischenrufen, einzelne Passagen nochmals zu lesen. Nach dem Triumph verlassen wir unter tosendem Applaus den Saal in Richtung Bar. Ich frage die beiden Zahlenden, ob sie noch mitkommen. Milde lächelnd verlassen sie eilig den Mönchsberg. Sie ist Journalistin und wird einen launigen Artikel über die Veranstaltung schreiben. Der Kollege ist bei ORF-online und schreibt noch am selben Abend einen sehr schmeichelhaften Artikel (»Schalko ist der Hemingway der FM4-Generation«), freundlicherweise ohne das Publikumsfiasko zu erwähnen.

Auf Klagenfurt ist Verlass. Und das trotz einer großen Studentenparty mit billigen Drinks. Die Kunst hat gesiegt! Oder doch der Gratisgutschein für das Fest, den jeder Besucher der Lesung erhält? Oder die Dankbarkeit für eine popkulturelle Veranstaltung inmitten des Jagerhofer-Beachvolleyball-Irrsinns und Haiders Politschilehrer-Schmiss-Folklorewahnsinns? Vielleicht war es aber auch die engagierte Veranstalterin, bei der wir wohnen. Auf jeden Fall ist der Jazzkeller Kamot gerammelt voll. 60 zahlende! SMS von Glavinic: »Englische Weltrechte verkauft!« Fuck.

Der Abend ist ein Erfolg. Alle Bücher verkauft. Ab auf das Studentenfest. Der klebrige Red-Bull-Fußboden verheißt billigste Drinks. Die als alternativ missverstandene Musik den Rest. Gegen 12 Uhr am nächsten Morgen wird mich der Sohn der Gastgeberin wecken, um mir zu sagen, dass wir jetzt aus seinem Zimmer rausmüssen. Die Innenseite meines Schädels fühlt sich klebrig an. Der Gedanke, dass die Tour noch weitergeht, ist undenkbar. Ich drehe mich um und schlafe weiter.

Leicht gespannte Stimmung im Auto auf dem Weg nach St. Pölten. Neben mir sitzt Markus, der uns heute an der zweiten Gitarre begleitet. Die Müdigkeit ist groß. Sie wird noch größer, als wir uns zwischen vereinsamten Shopping-Malls verirren, um das Warehouse zu finden. Der Veranstalter kommt gleich zur Sache: »Neun Vorverkaufte. Das Warehouse hat schon bessere Zeiten gesehen.« Meine Laune auch. Eine überdimensionale Konzert-Location. Wir in einem Eck mit unseren drei Stühlen. 30 zahlende Gäste. Zwei laut labernde Typen an der Bar. Und eine Lüftungsanlage, die eine lautstarke Wand zwischen mir und dem Publikum baut. Endlich zu Hause. Schlaf.

Ein paar Tage später geht es weiter. Graz! Ich fixiere noch zwei Zusatztermine (7. Jänner Phil in Wien, 12. Jänner Hundert-Tage-Bar in Mödling). Die Vorleserei entwickelt Suchtpotenzial. Zu uns dringt das Gerücht durch, dass Graz heute Abend voll werden könnte. Bereits 70 Vorverkaufte. Der Saal fasst um die 150. Es sieht gut aus. In meinem Auto: die zwei Gitarristen von Heinz, Michis Lebensgefährtin und ihr Hund. Wir wärmen uns auf mit Gedichten von François Villon, gelesen von Klaus Kinski. Lets rock. Es ist eng. SMS von Glavinic: »Ich, der sehr betrunken ist, werde bald wissen, wie es ist, sehr betrunken in ein Flugzeug zu steigen.« Wir sind alle Europa.

Graz ist fulminant. Irgendwann beginne selbst ich, betrunken a capella zu singen. »Du es woar do no goar net so spät und trotzdem host gsogt, du muaßt geh…« 30 Sekunden später kontert Michi mit Motorboot von KGB. Er weiß eben, wie man sich regionale Beliebtheit verschafft. Nach unendlich vielen Zugaben, Fotos mit jungen, gut aussehenden Mädchen, Gedichtwidmungen in Büchern und viel Schultergeklopfe endet der Abend in einer gruftigen Heavy-Metal-Hütte. Es ist 6 Uhr.

Gegen 3 Uhr nachmittags weckt mich eine SMS von Thomas Glavinic: »Roberto Bolano war ein Genie!« Ich habe den gesamten Raum des Hotels mit meinem Charisma gefüllt. Es ist sehr geruchsintensiv, und ich muss das Zimmer so schnell wie möglich verlassen. Draußen in Graz hetzen die Menschen den letzten Weihnachtsgeschenken nach. Die Buchhandlung Moser (die größte Österreichs) hat keines meiner Bücher. Ich bin zu müde, um eine umfangreiche Bestellung aufzugeben. Stattdessen rufe ich meinen Verleger an. Mobilbox. Fuck.

Jetzt noch Leoben. Ich denke an die vereinbarten Zusatztermine. Wer hatte eigentlich diese bescheuerte Idee? Leoben erinnert mich an das Zimmer meines Hotels in Graz – nachdem ich es fluchtartig verlassen hatte. Markus, der zweite Gitarrist, sagt, es gebe nur eines, was deprimierender sei als ein Gemeindebau in Wien: ein Gemeindebau in Leoben. Als wir im Kulturkeller ankommen, begrüßt uns Isa, die Hausherrin. Hinter uns zwei betrunkene Jugendliche, die versuchen, Kontakt mit dem Hund von Michis Lebensgefährtin aufzunehmen, indem sie dessen Sprache nachahmen. Dieser Versuch scheitert.

Ich verlose das vorletzte Exemplar meines 1995 erschienen Lyrikbandes. Eine junge Zuschauerin muss dafür mein erstes Gedicht vorlesen. Es heißt Die letzte Frau und handelt von einer sehr schwierigen sexuellen Zeit in meinem Leben. Nach der Lesung: Begegnung mit Hardcore-Sehern meiner Sendung ohne Namen. Zum Beispiel Andi, der sich jede Folge viermal ansieht und sie analysiert. Er weist mich darauf hin, dass ich Teile des Romans schon einmal in einer Sendung verwendet hätte. Ich muss in beinahe allen Widmungen den Ort hinzufügen: Leoben. Als würde man es sonst nicht glauben können. Isa bringt uns eine Lasagne in den Backstage-Bereich. Michis Lebensgefährtin ist Vegetarierin. Um höflich zu bleiben, geben wir ihr Stück dem Hund.

Leaving Leoben. Schnell! SMS von Glavinic: »Die Attraktivität der Frauen in Oslo wird nur noch übertroffen von ihrer verstörenden Aufgeschlossenheit und Direktheit.« Ich starre in die Nacht von Leoben und denke darüber nach, wie man wohl einen Bestseller anginge. Es ist ein Uhr nachts. Auf dem Display steht: »15 Kilometer bis leer«. Und alle Tankstellen haben geschlossen.

Der Autor wurde mit Fernsehformaten wie »Sendung ohne Namen« oder »Dorfers Donnerstalk« bekannt. Sein Debütroman »Frühstück in Helsinki« erschien 2006 im Czernin-Verlag

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »

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