In ihrem Büro trägt Anshe Chung ein knappes Hemd, enge Jeans und Plateausandalen. Eine erfolgreiche Unternehmerin hätte man sich anders vorgestellt. Doch erfolgreich ist diese zierliche Frau trotzdem, sehr sogar: Vor kurzem gab sie bekannt, dass sie es mit dem Handel von Immobilien zur Dollar-Millionärin gebracht hat. Anshe Chung ist das virtuelle Gegenstück zur Unternehmerin Ailin Gräf BILD

Das Land, das Anshe Chung kauft und verkauft, ist allerdings kein richtiges Land. Ihr Büro mit dem grauen Teppichboden, den Glastischen und den roten Stühlen ist auch kein richtiges Büro. Alles ist virtuell. Alles besteht aus Computercode, nicht aus Erde, Stahl und Glas, und man kann es nur auf Computerbildschirmen betrachten. Nicht einmal Chung ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein sogenannter Avatar, eine Computerfigur. Sie existiert in der Onlinewelt Second Life, die von der Firma Linden Lab aus Kalifornien geschaffen wurde.

Wenn Chung dort ihre Textbotschaften schreibt und sich auf diese Weise unterhält, liegen ihre Hände abwechselnd im Schoß oder sie hält sie vor sich in die Luft, als würde sie auf einer unsichtbaren Tastatur tippen. »Bitte setz dich doch. Das hier ist noch eine Baustelle, aber eigentlich müsste es schon funktionieren«, tippt sie und deutet auf einen Stuhl in der Ecke des Raumes.

Nicht virtuell ist dagegen Chungs Vermögen. Es ist echt. Denn die Währung von Second Life, genannt Linden Dollar, kann man in US-Dollar umtauschen. Genau wie Euro oder Yen.

Anshe Chung kichert, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie ihre ersten Linden Dollar verdiente. Sie kichert oft und gern. Ihre schmalen Schultern bewegen sich dann auf und ab, und der Kopf mit den elegant gescheitelten schwarzen Haaren neigt sich. Solche Bewegungsabläufe hat Chung schon an andere Avatare verkauft, damit sie besser tanzen, küssen oder schmunzeln können. Chung erteilte Neulingen in der virtuellen Welt sogar schon Unterricht in virtuellen Liebespraktiken.

Sehen Sie hier einen Auszug des Online-Gesprächs mit Ailin Gräf BILD Chung hatte also von Anfang an ein gutes Gespür fürs Geschäft. Oder besser gesagt: Ailin Gräf hatte dieses Gespür. Sie ist die Frau aus der realen Welt, die den Avatar namens Anshe Chung geschaffen hat. Gräf ist Chinesin, seit zehn Jahren mit einem Deutschen verheiratet und lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. Aber daneben führt sie seit Anfang 2004 auch ein Second Life, ein zweites Leben, als Anshe Chung.

Gräf mag an Second Life, dass diese Onlinewelt von ihren Besuchern und Bewohnern selbst gebaut wird. Jeder Hügel, jedes Haus, fast alles, was es in Second Life gibt, wurde von ihnen geschaffen. Sie können sogar Spiele oder Bewegungsabläufe erfinden. All dies können sie für Geld verkaufen – für virtuelle Linden Dollar oder gleich für Währungen aus der realen Welt.

Schon wenige Monate nach ihrer Ankunft in Second Life gründete Gräfs Avatar die virtuelle Firma Anshe Chung Studios (ACS) und stieg in den damals boomenden Handel mit Grundstücken ein. Ihr Geschäftsmodell: Für Standardpreise kaufte sie die virtuellen Grundstücke anderer Bewohner, verschönerte sie und verkaufte sie zu einem höheren Preis weiter. Sie verhielt sich wie eine Immobilien-Unternehmerin in der realen Welt. Sie wurde bald die reichste Einwohnerin von Second Life.

Dabei hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Im Jahr 2005 kaufte Chung einen Landstrich, und der Vorbesitzer setzte nach Rücksprache mit Chung die bisherigen Bewohner vor die Tür, damit Chung eine private Wohngegend für französischsprachige Einwohner hochziehen konnte. Offenbar kann diese Frau, die so viele Fragen mit einem Augenzwinkern beantwortet und sofort zum Du übergeht, im Geschäft unerbittlich sein. Um das schnell wachsende Geschäft zu bewältigen, hat Gräf auch eine Firma in der realen Welt gegründet. Seit Anfang 2006 betreibt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Guntram Gräf die Anshe Chung Studios im chinesischen Wuhan. Die Firmengründung hat Chung/Gräf damals mit Geld finanziert, das sie zuvor schon in der virtuellen Welt erwirtschaftet hatte: 27 Millionen Linden Dollar hat sie dafür in eine Million Yuan umgetauscht. Das entspricht etwa 75000 Euro.

Ihre Entscheidung für den Standort begründet sie damit, dass es in China schon alltäglich sei, sein Geld in virtuellen Welten zu verdienen. Tatsächlich verbringen Millionen Chinesen ihre Freizeit im Internet, und immerhin einige Zehntausend leben davon, dieses Freizeitvergnügen zu organisieren. Ailin Gräfs derzeit 30 Angestellte bekommen im Vergleich zu Europa niedrige Löhne. Gleichzeitig betont Guntram Gräf, ihr Ehemann und Mitgeschäftsführer, dass die Löhne für chinesische Verhältnisse sehr hoch seien, einige Angestellte hätten sich »bereits Eigentumswohnungen leisten können«. Auch Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen nennt er »vorbildlich«. Die Anshe Chung Studios entwerfen für ihre Kunden virtuelle Landschaften, und sie verhelfen sogar anderen Unternehmen zu einer virtuellen Niederlassung in Second Life: dem US-amerikanischen TV-Sender NBC zum Beispiel und mehreren amerikanischen Universitäten.

Chung ist in Second Life mittlerweile Großgrundbesitzerin, ihr gehören 36 Quadratkilometer virtuelles Land. Das ist etwa ein Siebtel der gesamten Fläche und damit ungefähr so, als gehörte in Deutschland ganz Niedersachsen einem einzigen Immobilienhändler. Auf ihrer eigenen Inselgruppe namens Dreamland betreibt Chung Wohngebiete für unterschiedliche Nationalitäten und Subkulturen – von »Deutschland« bis zu schwul-lesbischen Nachbarschaften. Die Regeln bestimmt sie. Wer sich nicht an sie hält, kann verbannt werden. Zusätzlich besitzt sie virtuelle Einkaufszentren, Läden und Anteile an der Handels-Webseite SLXchange, wo Bewohner von Second Life ihre Häuser, Autos und Möbel verkaufen können.

Doch wie steht es wirklich um den realen Gegenwert ihres virtuellen Reichtums? Entspricht Chungs Vermögen in Linden Dollar tatsächlich einer Million US-Dollar, wie sie jüngst bekanntgab? Wagner James Au antwortet mit einem »Ja, aber«. Er war lange ein Mitarbeiter von Linden Lab und erklärt: Der Wert von Chungs Besitz hänge an der Liquidität der Linden Dollar, also letztlich an der Volkswirtschaft von Second Life. Diese sei aber noch höchst instabil. Sie basiere auf wenigen Hunderttausend aktiven Teilnehmern und einem Computerprogramm, das wegen technischer Kinderkrankheiten gelegentlich abstürzt.

Chung könne ihre Immobilien auch nicht auf einen Schlag verkaufen, weil der Marktwert dann in den Keller fiele. »Anshe Chung hätte also große Schwierigkeiten, ihren virtuellen Besitz in eine Million US-Dollar umzuwandeln«, glaubt er. Ob das die virtuelle Millionärin überhaupt stört, ist eine ganz andere Sache. Denn Gräf/Chung genießt ganz offen ihre Rolle als einflussreiche Großgrundbesitzerin. Dieses zweite Leben als Anshe Chung ist so leicht nicht zu ersetzen.

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