Korruption »Ich stand auf der Lokomotive«
Erstmals spricht Klaus Volkert, der frühere Chef des VW-Betriebsrates, ausführlich über die Korruptionsaffäre und seine Zeit im Gefängnis
Als Erstes fällt einem an Klaus Volkert auf, wie erholt er aussieht, seit er das Gefängnis verlassen hat. Ein breiter Mann in einem flauschigen Wintermantel, das Gesicht leicht gebräunt. Als Zweites fällt seine Frau auf, die nicht von seiner Seite weicht. Sie lächelt an ihm hoch. Ob sie ihrem Mann alles verziehen hat – die berühmten Lustreisen, die brasilianische Geliebte, all die kleinen Affären innerhalb der großen VW-Affäre? Bestimmt 200-mal habe er zu Hause alles erklären müssen, wird Volkert später erzählen, jetzt küsst der 64-Jährige seine Frau und sagt: »Tschüs, mein Schatz.« Sie will ihre Mutter in Hamburg besuchen, während ihr Mann etwas vorhat, von dem ihm sein Arzt dringend abriet. Bloß keine Aufregung, nicht mit einer Zeitung reden. Nur einmal hat Volkert so etwas seit Beginn der VW-Affäre gemacht, und gutgetan habe es ihm wirklich nicht. Vor fast einem Jahr ließ er sich von der Braunschweiger Zeitung befragen, aber zu den Vorwürfen der Staatsanwälte gegen ihn, den ehemaligen Chef des VW-Betriebsrates, sagte er nichts.
Wenn in zwei Wochen sein früherer Gönner, der ehemalige VW-Personalvorstand Peter Hartz, vor Gericht steht, wird es ständig um Klaus Volkert gehen. Warum diese fürstlichen Gehälter für den ehemaligen Arbeiterführer? Weshalb die Firmenaufträge an Volkerts frühere Geliebte aus Brasilien? Anstiftung zur Untreue in 36 Fällen werfen die Staatsanwälte Volkert vor. Hat der einst mächtigste deutsche Betriebsrat seine Seele verkauft?
»Wir können uns auf dem Parkplatz treffen«, hat Volkert vorgeschlagen. Ein Parkplatz vor einem Supermarkt in Hamburg-Meiendorf, weit draußen am Waldesrand. Gegenüber ein Reisebüro mit dem Namen World Secrets. Bei seinem ersten Treffen mit der ZEIT wenige Tage vor Weihnachten wartete Klaus Volkert vor dem Restaurant Herrenkrug in einem Vorort von Braunschweig und winkte schon von Weitem. Drinnen bestellte er ein Glas Apfelschorle, das gar nicht leerer wurde, weil er ununterbrochen über den gelernten Schmied Volkert erzählte, über das Schmiedeeiserne in seinem unbeugsamen Wesen und über seinen Vater, der Setzer bei einer Zeitung gewesen war. Volkert erzählte das mit den aufgerissenen Augen eines großen Jungen und mit dieser kratzigen Stimme, die einen immer glauben lässt, dass sich so einer pausenlos durchsetzen musste gegen das Jaulen von Motoren.
Konnte er sich auf Hartz verlassen? »Ja.« – Auf Piëch? »Ja«
Klaus Volkert öffnet die Tür zu einem kleinen Straßenhotel in Hamburg, im Hinterzimmer der Kneipe sind alle Tische leer. Er setzt sich und breitet einen gefalteten Zettel aus. In Stichworten hat er sein VW-Leben sorgsam auf kariertes Papier geschrieben. »Win-win-Situation schaffen«, steht da, »kein überholter Klassenkampf«. Klaus Volkerts Win-win-Situation bestand nach Ansicht der Braunschweiger Staatsanwälte darin, dass er vom Vorstand immer mehr Gehalt verlangt habe. Bonus, Sonderbonus, angeblich bekam er bis zu 692000 Euro im Jahr – verteilt über die Jahre fast zwei Millionen Euro Sonderbonus, angeblich ohne sachlichen Grund. »Stinkendes Geld«, sagt die Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff.
»Ich habe nichts gefordert, nirgendwo«, wehrt sich Volkert, »das ist Quatsch.« Im April jedes Jahres ging es immer los mit den Bonusverhandlungen für die leitenden Angestellten, über Volkerts Sonderbonus jedoch entschied Peter Hartz allein. Hartz, sagt Volkert, habe ihn angerufen und einen Betrag vorgeschlagen, den Volkert immer akzeptiert habe. »Soviel ich weiß, habe ich den Sonderbonus nur dreimal gekriegt, in den Jahren seit 2001.« Hartz habe, wie auch andere VW-Manager, zu ihm gesagt: »Klaus, wenn Du nicht im Betriebsrat wärst, dann wärst Du bei uns im Topmanagement. Da das aber so nicht ist, gucken wir, wie wir das im Rahmen unserer Möglichkeiten hinkriegen.« Eine Möglichkeit war der Sonderbonus, neben vielen anderen Privilegien. Auf dem kleinen Flughafen in Braunschweig, wo die Jets von VW starten und landen, hatte Volkert einen eigenen Stellplatz für sein Auto. Neben ihm parkten die Vorstände.
- Datum 16.01.2007 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.01.2007 Nr. 02
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Der arme Herr Volkert. Von den Arbeitern ausgebeutet, von den Managern ausgenutzt. Mit Herrn Piech auf Augenhöhe. Herr Piech dürfte über diese Annahme noch nicht einmal lächeln, so wichtig wie ihm Herr Volkert heute ist.
Gestern Mannesmann, heute VW. Gestern Zwickel, heute Volkert. Unrechtsbewußtsein - Fehlanzeige. Nur dreimal Sonderbonus erhalten. Und wenn es nur einmal wäre. Ein Sonderbonus ist höher als das Lebensarbeitsgehalt eines Bandarbeiters.
Verlogen auch die Gegenrechnung der Verdienste Volkerts. VW Beschäftigter ist nicht gleich VW Beschäftigter. Seine sagenhaften Verhandlungsergebnisse hat Herr Volkert auf Kosten der Zeitarbeiter und Beschäftigten der Subunternehmer herausgehandelt. So wie die Gewerkschaften seit Jahren ihre Verhandlungsergebnisse auf Kosten der Arbeitslosen und HartzIV-Enteigneten aushandeln.
Herr Volkert als Vertrauensmann im Gefängnis und Behüter der Knastromantik. Vielleicht hätte Herr Volkert sogar Siegburg befriedet, den Kinderschänder Mario geheilt.
Doch vor der Heiligsprechung muß er als Anführer der 5. Kolonne gelten, als Schaf, das sich von den Wölfen zum Rudelmitglied machen ließ. Aber Schaf bleibt Schaf Herr Volkert, so milde der Rudelführer auch lächeln mag.
korfstroem
Schöne Kommentare sind das ja.
Da kann man ja nur von Glück reden, dass das Strafrecht bei uns in den Händen unabhängiger Gerichte liegt und nicht die medienbehämmerte Volkes Stimme darüber zu entscheiden hat. Da wäre der 'kurze Prozess' schon beendet bevor er überhaupt angefangen hätte - vor allem wenn der Delinquent die Unverschämtheit besessen haben sollte das x-fache eines Fließbandarbeiters als Gehalt oder Bonus bezogen zu haben ! Vorverurteilungen wie hier als 'Verbrecher' belegen dies schlagend.
Wollen mal abwarten, wie weit es die offenbar recht prominentengeile Frau Staatsanwältin im Gerichtsverfahren wohl bringt, wo sie nicht mehr als Herrin des Ermittlungsverfahrens mal eben einen Beschuldigten mit dem Allerweltshaftgrund der Verdunklungsgefahr einbuchten und so versuchen kann den Beschudigten gefügig zu machen. Populistisch auf die Pauke zu hauen ist das Eine in einem sauberen G e r i c h t s verfahren zu bestehen das Andere. Na dann schaun wir mal!
Außer den Kommentar von 1ceterumcenseo2, finde ich alle Kommentare erschreckend. Wenn man einen 'Geistesvergleich' mit der 'sechzehnten Eule' anstellen wuerde, hätte Herr V. bestimmt ganz gute Karten, denn soziale Fähigkeiten in Kombination mit Loyalität und Blick für das große Ganze werden in einer interessendivergenten Großorganisation nachgefragt.
Und a Hirn braucht man da auch zu.
Und was die Untreue angeht. Man hätte seinen Bonus ja noch 3 mal höher machen
können - und dann hätte er seine brasilianische Zweitfrau eben selber ausstatten müssen. Da das Topmanagement offenbar in Multimillionenhöhe pro Nase verdient, hätte da auch keiner etwas sagen können, weil man von Mannesmannverhältnissen noch entfernt gewesen wäre.
Trotzdem finde ich es gut, daß die mauschelige Kumpelwirtschaft bei VW jetzt mal erschüttert worden ist.
Und wenn das der einzige Weg war, dann sei´s drum.
ob 'die medienbehämmerte Volkes Stimme' Hern Volkert gute oder schlechte Karten vorausgesagt hat.
Leider hat der Autor (den ich sehr schätze) bei diesem Artikel eines vergessen: Distanz zum Objekt/Subjekt der Berichterstattung! Es reicht nicht, wenn dröhnend die Oberstaatsanwältin (die im Laufe des Artikels nur Staatsanwältin 'degradiert' wird) ihre Kassandra-Rufe loswerden darf, und Herr Willeke dann alles wieder in Watte einpackt.
Im Rahmen eines Interviews ist so etwas in Ordnung - aber ein begleitender Artikel, der Kernelemente bspw. der Anklage schlichtweg ausblendet - das ist zuviel des Guten.
was für eine dummdödelige story. was soll uns das sagen? ist das die zeitgemäße art, den gewerkschaften eins reinzuwürgen? geschenkt.
das beste an den gewerkschaften ist noch ihre günstige sterbeversicherung.
kämpfen müssen wir schon selber.
fällt im Falle eines Falles eben tiefer. »Ich fühle mich zu Unrecht geprügelt« , so seine Aussage. Also Unrechtsbewußtsein gleich Null. Der rote Teppich weg, die >Augenhöhe< hatte der arme Herr V. danach mit Gefägniskollegen. Wirklich ein bedauernswertes 'Opfer'. Trotzdem: 'Wenn du geschwiegen hättest, wärst du (zwar k / ein) Philosoph geblieben', der Leser hätte aber nicht so deutlich gewußt, 'wes Geistes Kind' Herr V. ist.
In Deutschland wird niemand mehr gehaengt!
Das ist gut so!
Verbrecher aber, wie diesen Mann, muss man einsperren, befragen, warum er seine Verbrechen begonnen hat, und im Gefaengnis belassen, bis er alles bereut, um dann herauszukommen und zu arbeiten:
Muell wegraeumen!
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