Das ist eine entzückende Puppe in der Puppe: ein Buch über das Übersetzen, verfasst von dem Semiotikprofessor, Autor und Übersetzer Umberto Eco, der sich für seine Beispielsammlung in den Übersetzungen seiner eigenen Werke bedient, nicht zuletzt in den deutschen seines Stammübersetzers Burkhart Kroeber. Der auch dieses Buch übersetzt hat. Das bei seinem Erscheinen in Italien von einem deutschen Kulturkorrespondenten als unübersetzbar bezeichnet wurde. Er irrte sich. Umberto Eco BILD

Eco hat selbst nur zwei Werke übersetzt, beides aber große Herausforderungen: Raymond Queneaus Stilübungen (deren hinreißende deutsche Variante wir Ludwig Harig und Eugen Helmlé verdanken) und Nervals Sylvie. Das ist die eine Erfahrungsquelle, aus der seine Betrachtungen sich speisen, die andere sind die zahllosen Übersetzungen seiner eigenen Romane. Die dritte Quelle freilich ist Ecos Horizont als Leser und die dem Semiotiker eigene Durchdringungskraft der sprachlichen Phänomene.

Theoretisch alles Kaffee, praktisch jedoch café oder caffè

Dem Titel seines Buchs getreu und basierend auf der allen Übersetzern vertrauten Tatsache, dass man genau dasselbe in einer anderen Sprache sowieso nicht sagen kann und auch nicht auf genau dieselbe Art und Weise, richtet Eco seine Aufmerksamkeit darauf, wie denn das notwendig Andere gewählt werden muss, damit es dem Original entspricht. Bei Sprichwörtern ist das leicht nachvollziehbar: Das englische »It’s rainig cats and dogs« muss vollkommen anders wiedergegeben werden, »Es schüttet wie aus Eimern«. Unter dem Aspekt strikter Wörtlichkeit ist das natürlich ganz und gar untreu (bis auf »it« – »es«), und doch sieht jeder ein, wie unsinnig eine wörtliche Übersetzung wäre. Schon diffiziler liegt der Fall bei kulturellen Unterschieden: Kaffee, café, caffè, coffee – sieht aus wie eine korrekte Synonymaliste. Theoretisch ja, praktisch nein: Einen italienischen caffè nämlich kann man zwischendurch hinunterstürzen, einen deutschen Kaffee durchaus nicht, dann verbrennt man sich Mund und Magen. Schließlich ist un caffè auf Deutsch: ein Espresso.

Eine typische Zwickmühle schildert Eco anhand der italienischen Übersetzung von Camus’ Die Pest. Darin spielen gewisse Tiere eine wesentliche Rolle, die auf Italienisch topo heißen – was, auch, »Maus« bedeutet. Die Überträger der Pesterreger sind aber Ratten, also eine andere Tierart, wenngleich mit demselben Wort bezeichnet, eben topo. Hier könnte das italienische Wort ratto Abhilfe schaffen, es ist aber ein ausgesprochen fachsprachliches Wort, wäre also der Textsorte nicht gemäß.

Jeder, der über praktische Übersetzungserfahrung verfügt, nickt bei der Lektüre dieser und anderer Beispiele wiedererkennend mit dem Kopf, und freudiger noch bei den Schlussfolgerungen, die Eco zieht. Dass man nämlich angesichts solcher Varianten wie der hier zitierten als Übersetzer »verhandeln« müsse – zwischen Original und Übersetzung, zwischen dem, was beim Übersetzen verloren, und dem, was gewonnen wird. Eco fordert zur bewussten Auswahl auf, dazu, sich vom Treuefetisch zu lösen und zu entscheiden, welche Textebene man im konkreten Fall erhalten möchte, welche entbehrlich ist. Wer also ratto wählt, macht einen Schlenker vom Roman weg zum Fachbuch – kann man riskieren, wenn der Kontext dieses Einsprengsel aushält. Geht es, anders als bei Camus, nicht ausgerechnet um die Pest, so ist es wiederum nicht gravierend, wenn der Leser möglicherweise ein Mäuschen vor sich sieht statt des Pestverbreiters, also kann man ruhigen Herzens topo wählen.

»Verhandeln« in diesem Sinne ist einer der zentralen Begriffe in Ecos Buch. Damit stärkt der Autor die Position des Übersetzers als autonomes Subjekt, als einer, der dem Original dienend, aber nicht sklavisch gegenübersteht, sich von ihm leiten, aber nicht gängeln lässt. Überhaupt fühlt der Literaturübersetzer sich durch dieses Buch aufs Schönste erkannt, ja, erkennt sich selbst besser, da Eco viele Prozesse aufdröselt und nachvollziehbar macht, die im Übersetzergehirn unbewusst und im Sekundenbruchteil vonstatten gehen.