Übersetzen Daneben ist nicht vorbei

Der Übersetzer Umberto Eco (der in diesen Tagen 75 wird) hat ein glänzend übersetztes Buch über das Übersetzen verfasst.

Umberto Eco

Umberto Eco

Das ist eine entzückende Puppe in der Puppe: ein Buch über das Übersetzen, verfasst von dem Semiotikprofessor, Autor und Übersetzer Umberto Eco, der sich für seine Beispielsammlung in den Übersetzungen seiner eigenen Werke bedient, nicht zuletzt in den deutschen seines Stammübersetzers Burkhart Kroeber. Der auch dieses Buch übersetzt hat. Das bei seinem Erscheinen in Italien von einem deutschen Kulturkorrespondenten als unübersetzbar bezeichnet wurde. Er irrte sich.

Eco hat selbst nur zwei Werke übersetzt, beides aber große Herausforderungen: Raymond Queneaus Stilübungen (deren hinreißende deutsche Variante wir Ludwig Harig und Eugen Helmlé verdanken) und Nervals Sylvie. Das ist die eine Erfahrungsquelle, aus der seine Betrachtungen sich speisen, die andere sind die zahllosen Übersetzungen seiner eigenen Romane. Die dritte Quelle freilich ist Ecos Horizont als Leser und die dem Semiotiker eigene Durchdringungskraft der sprachlichen Phänomene.

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Theoretisch alles Kaffee, praktisch jedoch café oder caffè

Dem Titel seines Buchs getreu und basierend auf der allen Übersetzern vertrauten Tatsache, dass man genau dasselbe in einer anderen Sprache sowieso nicht sagen kann und auch nicht auf genau dieselbe Art und Weise, richtet Eco seine Aufmerksamkeit darauf, wie denn das notwendig Andere gewählt werden muss, damit es dem Original entspricht. Bei Sprichwörtern ist das leicht nachvollziehbar: Das englische »It’s rainig cats and dogs« muss vollkommen anders wiedergegeben werden, »Es schüttet wie aus Eimern«. Unter dem Aspekt strikter Wörtlichkeit ist das natürlich ganz und gar untreu (bis auf »it« – »es«), und doch sieht jeder ein, wie unsinnig eine wörtliche Übersetzung wäre. Schon diffiziler liegt der Fall bei kulturellen Unterschieden: Kaffee, café, caffè, coffee – sieht aus wie eine korrekte Synonymaliste. Theoretisch ja, praktisch nein: Einen italienischen caffè nämlich kann man zwischendurch hinunterstürzen, einen deutschen Kaffee durchaus nicht, dann verbrennt man sich Mund und Magen. Schließlich ist un caffè auf Deutsch: ein Espresso.

Eine typische Zwickmühle schildert Eco anhand der italienischen Übersetzung von Camus’ Die Pest. Darin spielen gewisse Tiere eine wesentliche Rolle, die auf Italienisch topo heißen – was, auch, »Maus« bedeutet. Die Überträger der Pesterreger sind aber Ratten, also eine andere Tierart, wenngleich mit demselben Wort bezeichnet, eben topo. Hier könnte das italienische Wort ratto Abhilfe schaffen, es ist aber ein ausgesprochen fachsprachliches Wort, wäre also der Textsorte nicht gemäß.

Jeder, der über praktische Übersetzungserfahrung verfügt, nickt bei der Lektüre dieser und anderer Beispiele wiedererkennend mit dem Kopf, und freudiger noch bei den Schlussfolgerungen, die Eco zieht. Dass man nämlich angesichts solcher Varianten wie der hier zitierten als Übersetzer »verhandeln« müsse – zwischen Original und Übersetzung, zwischen dem, was beim Übersetzen verloren, und dem, was gewonnen wird. Eco fordert zur bewussten Auswahl auf, dazu, sich vom Treuefetisch zu lösen und zu entscheiden, welche Textebene man im konkreten Fall erhalten möchte, welche entbehrlich ist. Wer also ratto wählt, macht einen Schlenker vom Roman weg zum Fachbuch – kann man riskieren, wenn der Kontext dieses Einsprengsel aushält. Geht es, anders als bei Camus, nicht ausgerechnet um die Pest, so ist es wiederum nicht gravierend, wenn der Leser möglicherweise ein Mäuschen vor sich sieht statt des Pestverbreiters, also kann man ruhigen Herzens topo wählen.

»Verhandeln« in diesem Sinne ist einer der zentralen Begriffe in Ecos Buch. Damit stärkt der Autor die Position des Übersetzers als autonomes Subjekt, als einer, der dem Original dienend, aber nicht sklavisch gegenübersteht, sich von ihm leiten, aber nicht gängeln lässt. Überhaupt fühlt der Literaturübersetzer sich durch dieses Buch aufs Schönste erkannt, ja, erkennt sich selbst besser, da Eco viele Prozesse aufdröselt und nachvollziehbar macht, die im Übersetzergehirn unbewusst und im Sekundenbruchteil vonstatten gehen.

Hauptberufliche Linguisten mögen Ecos Darstellung zu sehr auf Selbstverständlichkeiten der Disziplin aufgebaut finden, als dass es die Forschungsdiskussion voranbringen könnte. Dem wenn auch gebildeten Laien wird die theoretische Unterfütterung, die keinen geringen Anteil am Text hat, immer wieder über das Verständnis gehen, weil ihm Voraussetzungen fehlen, zum Beispiel terminologische. Ein »populäres Sachbuch« ist dies keinesfalls. Dem einen zu platt, dem anderen zu hoch – muss man davon abraten? Im Gegenteil. Nicht lesen (auch Teile eines Buches nicht lesen, also überblättern) dürfen wir alle, das wissen wir spätestens seit Daniel Pennacs Auflistung der Leserrechte. Mir selbst gingen fast alle linguistischen Darlegungen irgendwann über die Hutschnur. Was soll’s, ein paar Seiten weiter die Textbeispiele und ihre Analyse sind darum nicht weniger sprechend. Man kann ja auch zurückblättern und schauen, ob man das, was man von der Theorie nicht begriffen hatte, im Lichte des praktischen Beispiels dann versteht. Oder auch nicht. Und dem Linguisten schadet es nichts, so eingehend wie hier mit dem praktischen Gegenstand versorgt zu werden. Schließlich hat die Übersetzungswissenschaft bislang zwar manchen Zweig hervorgebracht, aber im Wesentlichen Reisig, kaum etwas, das für die übersetzerische Praxis fruchtbar würde. Die größte Stärke des Buchs ist denn auch, sich dem Übersetzen phänomenologisch zu nähern, nicht im Theoriekorsett.

Der Übersetzer diskutiert in den Fußnoten mit dem Autor

Dass das Buch die Diskussion über das Übersetzen auf eine völlig neue Grundlage stellen würde, wie der Klappentext verspricht, kann zwar getrost als Werbelyrik abgebucht werden. Eins aber ist sicher: Eco schafft einen wissenschaftlich fundierten und zugleich gut lesbaren Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis, und er bringt diese ursprünglich als unverbundene Vorträge gefassten Erfahrungen mit dem Übersetzen (so der italienische Untertitel) in einem unakademischen Konversationston vor.

Zugleich ist die deutsche Ausgabe ein Paradebeispiel dafür, was eine Übersetzung idealtypisch leisten kann. Burkhart Kroeber beweist abermals in allen sprachlichen Registern Kenntnisreichtum und eine sichere Hand. Und der deutsche Leser bekommt für sein Geld sogar noch mehr als der italienische: Kroebers sehr lesenswertes Nachwort gibt über die Entstehungsgeschichte der Übersetzung dieses Buchs Auskunft, so auch darüber, dass sich hier die »Chance und Notwendigkeit« für etwas Besonderes ergeben habe, nämlich »in Fußnoten mit dem Autor öffentlich über das Für und Wider der eigenen, zum Teil vor vielen Jahren getroffenen Übersetzungsentscheidungen zu diskutieren«. Diese Fußnoten sind erhellende und oft amüsante Veränderungen des Originals, zu denen der Autor seinen Übersetzer ausdrücklich ermuntert hat. So zeigt Quasi dasselbe mit anderen Worten auch durch sich selbst, dass »richtiges« Übersetzen eine notwendige, legitime, ja fruchtbare Umformung des Originals ist. Dicht daneben also, aber gerade darum nicht vorbei.

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Quasi dasselbe mit anderen WortenSachbuchÜber das Übersetzen; aus dem Italienischen von Burkhart KroeberUmberto EcoBuchHanser Verlag2006München27,90464
 
Leser-Kommentare
  1. sind die schwierigste Kunst von allen. Nach anfänglichen Versuchen der Standardübersetzung gab ich es auf, meine eigenen Texte zu 'übersetzen'. Jetzt halte ich es mit dem Meister dieser Kunst, Vladimir Nabokov, der seine Romane in vier Sprachen schrieb:
    Nicht 'übersetzen', sondern in der Zielsprache alles nochmal neu schreiben!

  2. Seit über 30 Jahren bin ich als Übersetzer tätig und gehöre auch sonst zur schreibenden Zunft. Deswegen sind mir die Fallstricke der Sprache nur zu gut bekannt. Deswegen auch habe ich Achtung vor jeder (halbwegs) guten Übersetzung.
    Allerdings habe ich in dem Artikel nichts entdeckt, was mich veranlassen würde, das Buch zu kaufen. Ich halte es (mehr oder weniger) mit dem folgenden Zitat aus dem Artikel: 'Hauptberufliche Linguisten mögen Ecos Darstellung zu sehr auf Selbstverständlichkeiten der Disziplin aufgebaut finden, als dass es die Forschungsdiskussion voranbringen könnte.'
    Noch ein Postskriptum: Ich beschränke mich auf Non-Fiction-Übersetzungen, weil ich aus der schlechten Übersetzung einer Reihe von Autoren ins Deutsche (André Gide, Cesare Pavese, um nur einige zu nennen) und aus den Erfahrungen mit den Spanischübersetzungen von einigen meiner eigenen Bücher weiß, wie schwierig das Metier literarischer Übersetzungen ist.

  3. ... dieser Tipp dürfte dem Übersetzer wenig helfen, denn er wird nicht für einen eigenen Text bezahlt sondern dafür, ein Äquivalent in einer anderen Sprache zu schaffen, und zwar auf allen Textebenen. Er bringt nicht sich selbst, sondern den Autor zum Ausdruck - das ist die wirkliche Kunst.

    Gerade weil ich den Artikel mit einiger Skepsis gelesen hatte, habe ich die Übersetzung gekauft, bin noch dabei, as Buch zu lesen und habe schon einige interessante Gespräche darüber geführt. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass es sich hier zwar um ein Sachthema, nicht aber um ein übersetzungswissenschaftliches Fachbuch handelt. Meines Wissens erhebt das Buch auch nicht diesen Anspruch.

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