Übersetzen Daneben ist nicht vorbeiSeite 2/2

Hauptberufliche Linguisten mögen Ecos Darstellung zu sehr auf Selbstverständlichkeiten der Disziplin aufgebaut finden, als dass es die Forschungsdiskussion voranbringen könnte. Dem wenn auch gebildeten Laien wird die theoretische Unterfütterung, die keinen geringen Anteil am Text hat, immer wieder über das Verständnis gehen, weil ihm Voraussetzungen fehlen, zum Beispiel terminologische. Ein »populäres Sachbuch« ist dies keinesfalls. Dem einen zu platt, dem anderen zu hoch – muss man davon abraten? Im Gegenteil. Nicht lesen (auch Teile eines Buches nicht lesen, also überblättern) dürfen wir alle, das wissen wir spätestens seit Daniel Pennacs Auflistung der Leserrechte. Mir selbst gingen fast alle linguistischen Darlegungen irgendwann über die Hutschnur. Was soll’s, ein paar Seiten weiter die Textbeispiele und ihre Analyse sind darum nicht weniger sprechend. Man kann ja auch zurückblättern und schauen, ob man das, was man von der Theorie nicht begriffen hatte, im Lichte des praktischen Beispiels dann versteht. Oder auch nicht. Und dem Linguisten schadet es nichts, so eingehend wie hier mit dem praktischen Gegenstand versorgt zu werden. Schließlich hat die Übersetzungswissenschaft bislang zwar manchen Zweig hervorgebracht, aber im Wesentlichen Reisig, kaum etwas, das für die übersetzerische Praxis fruchtbar würde. Die größte Stärke des Buchs ist denn auch, sich dem Übersetzen phänomenologisch zu nähern, nicht im Theoriekorsett.

Der Übersetzer diskutiert in den Fußnoten mit dem Autor

Dass das Buch die Diskussion über das Übersetzen auf eine völlig neue Grundlage stellen würde, wie der Klappentext verspricht, kann zwar getrost als Werbelyrik abgebucht werden. Eins aber ist sicher: Eco schafft einen wissenschaftlich fundierten und zugleich gut lesbaren Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis, und er bringt diese ursprünglich als unverbundene Vorträge gefassten Erfahrungen mit dem Übersetzen (so der italienische Untertitel) in einem unakademischen Konversationston vor.

Zugleich ist die deutsche Ausgabe ein Paradebeispiel dafür, was eine Übersetzung idealtypisch leisten kann. Burkhart Kroeber beweist abermals in allen sprachlichen Registern Kenntnisreichtum und eine sichere Hand. Und der deutsche Leser bekommt für sein Geld sogar noch mehr als der italienische: Kroebers sehr lesenswertes Nachwort gibt über die Entstehungsgeschichte der Übersetzung dieses Buchs Auskunft, so auch darüber, dass sich hier die »Chance und Notwendigkeit« für etwas Besonderes ergeben habe, nämlich »in Fußnoten mit dem Autor öffentlich über das Für und Wider der eigenen, zum Teil vor vielen Jahren getroffenen Übersetzungsentscheidungen zu diskutieren«. Diese Fußnoten sind erhellende und oft amüsante Veränderungen des Originals, zu denen der Autor seinen Übersetzer ausdrücklich ermuntert hat. So zeigt Quasi dasselbe mit anderen Worten auch durch sich selbst, dass »richtiges« Übersetzen eine notwendige, legitime, ja fruchtbare Umformung des Originals ist. Dicht daneben also, aber gerade darum nicht vorbei.

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Quasi dasselbe mit anderen WortenSachbuchÜber das Übersetzen; aus dem Italienischen von Burkhart KroeberUmberto EcoBuchHanser Verlag2006München27,90464
 
Leser-Kommentare
  1. sind die schwierigste Kunst von allen. Nach anfänglichen Versuchen der Standardübersetzung gab ich es auf, meine eigenen Texte zu 'übersetzen'. Jetzt halte ich es mit dem Meister dieser Kunst, Vladimir Nabokov, der seine Romane in vier Sprachen schrieb:
    Nicht 'übersetzen', sondern in der Zielsprache alles nochmal neu schreiben!

  2. Seit über 30 Jahren bin ich als Übersetzer tätig und gehöre auch sonst zur schreibenden Zunft. Deswegen sind mir die Fallstricke der Sprache nur zu gut bekannt. Deswegen auch habe ich Achtung vor jeder (halbwegs) guten Übersetzung.
    Allerdings habe ich in dem Artikel nichts entdeckt, was mich veranlassen würde, das Buch zu kaufen. Ich halte es (mehr oder weniger) mit dem folgenden Zitat aus dem Artikel: 'Hauptberufliche Linguisten mögen Ecos Darstellung zu sehr auf Selbstverständlichkeiten der Disziplin aufgebaut finden, als dass es die Forschungsdiskussion voranbringen könnte.'
    Noch ein Postskriptum: Ich beschränke mich auf Non-Fiction-Übersetzungen, weil ich aus der schlechten Übersetzung einer Reihe von Autoren ins Deutsche (André Gide, Cesare Pavese, um nur einige zu nennen) und aus den Erfahrungen mit den Spanischübersetzungen von einigen meiner eigenen Bücher weiß, wie schwierig das Metier literarischer Übersetzungen ist.

  3. ... dieser Tipp dürfte dem Übersetzer wenig helfen, denn er wird nicht für einen eigenen Text bezahlt sondern dafür, ein Äquivalent in einer anderen Sprache zu schaffen, und zwar auf allen Textebenen. Er bringt nicht sich selbst, sondern den Autor zum Ausdruck - das ist die wirkliche Kunst.

    Gerade weil ich den Artikel mit einiger Skepsis gelesen hatte, habe ich die Übersetzung gekauft, bin noch dabei, as Buch zu lesen und habe schon einige interessante Gespräche darüber geführt. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass es sich hier zwar um ein Sachthema, nicht aber um ein übersetzungswissenschaftliches Fachbuch handelt. Meines Wissens erhebt das Buch auch nicht diesen Anspruch.

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