Philosophie Das Deutsche ist europäisch
Endlich wird der Philosoph Ernst Cassirer entdeckt. Eine Biografie und die Werkausgabe würdigen den großen Denker des 20. Jahrhunderts.
Titel zur Ernst Cassirer-Biographie von Thomas Meyer
In Davos trafen im Frühjahr 1929 zwei denkbar gegensätzliche Charaktere aufeinander, bei einer Disputation, die legendär werden sollte. Zwei Philosophen: Martin Heidegger verkörperte die Virilität einer jungen und jugendbewegten Generation, ließ sich gerne mit Skianzug auf den Hochschultagen sehen und erteilte bereitwillig Skiunterricht. Ernst Cassirer trat dagegen als der angesehene, großbürgerliche Ordinarius auf, dem zwar mit Respekt begegnet, dessen ehrwürdige Erscheinung aber auch belächelt wurde. Am Ende der Hochschultage machten sich zwei der jüngeren Teilnehmer über die Kontrahenten lustig, indem der eine aus seiner Perücke Mehl rieseln ließ und immer wieder sagte: »Ich bin versöhnlich gestimmt«, während ein anderer, der Heidegger darstellte, dickköpfig repetierte: »Interpretari heißt eine Sache auf den Kopf stellen.« Hinter der Verhohnepipelung stand die allgemeine Überzeugung, dass Heidegger, seit dem Erscheinen von Sein und Zeit im Jahre 1927 der charismatische Star der Philosophenszene, mit seiner Existenzialontologie den »Sieg« über Cassirers »langweilige« humanistisch-aufklärerische Kulturanthropologie davongetragen hatte. Und auch heute noch scheint Cassirer im Vergleich mit Heidegger blass auszusehen – ganz zu Unrecht.
Nachdem ein strenger Heideggerianismus lange Zeit erfolgreich anthropologische und humanistische Ansätze als zu seicht und zu wenig »ursprünglich« diskreditiert hatte, besinnt man sich seit zehn, fünfzehn Jahren wieder auf das reiche und vielschichtige Erbe Cassirers. Eine systematische Cassirer-Forschung ist in Gang gekommen; die wichtigste wissenschaftliche Leistung ist die Cassirer-Gesamtausgabe, die seit 1997 von der Ernst-Cassirer-Arbeitsstelle in Hamburg unter der Leitung von Birgit Recki besorgt wird. Erst Jahrzehnte nach der Davoser Disputation beginnt man, ein weitsichtiges philosophisches Projekt zu würdigen und fortzusetzen. Der jüngste Beleg ist nun die höchst verdienstvolle Biografie Ernst Cassirers aus der Feder des Philosophen Thomas Meyer.
Cassirer war zur Zeit der Disputation eine wissenschaftliche Koryphäe; er galt als gelassener Universalgelehrter – zeitlebens hing ihm der Titel »Olympier« oder »Apoll« an –, der neugierig und wohlwollend die europäische Geistesgeschichte durchdringen und vor den Augen seiner Leser lebendig machen konnte. Cassirer war ein empathischer Denker, der es verstand, aus der Geschichte des Denkens behutsam seine eigene Theorie zu entwickeln. Bevor dieser humanistische Geist 1933 aus Deutschland vertrieben wurde, führte Cassirer fast traumwandlerisch ein Gelehrtenleben – von der kreativen Abgeschiedenheit und der produktiven Freiheit eines Privatdozenten bis zu seinem öffentlichen Amt als Rektor in Hamburg, als erster jüdischer Rektor einer deutschen Universität.
Zwei Ereignisse bestimmten die philosophische Entwicklung Cassirers, der im Juli 1874 in Breslau geboren wurde. In Berlin hatte er 1894 als junger, suchender Student sein philosophisches Erweckungserlebnis in einer Vorlesung von Georg Simmel. Dieser sagte, die besten Werke zu Kant seien die von Hermann Cohen, auch wenn er, Simmel, sie nicht verstehen könne. Cassirer besorgte sich sofort die zwiespältig gelobten Werke und hatte endlich eine Aufgabe, die ihn herausforderte. Er studierte die Schriften zwei Jahre, um dann wohlpräpariert zu Cohen nach Marburg zu gehen. Cohen war der vielleicht wichtigste Vertreter des »Neukantianismus«, einer philosophischen Schule, die den hegelianischen, lebensphilosophischen und positivistischen Verführungen widerstehen und die Philosophie auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen wollte, indem sie Kants transzendentalen Denkansatz zu erneuern und an die jüngsten naturwissenschaftlichen Debatten anzuschließen suchte. Kant blieb seitdem der Ausgangspunkt von Cassirers Denken – wobei Cassirers Originalität darin bestehen wird, Kants »Bedingungen der Möglichkeit« unserer Erkenntnis um tiefere kulturelle Erfahrungsdimensionen erweitert zu haben: Kants Kritik der Vernunft wird bei ihm zu einer Kritik der Kultur.
Nach seiner Promotion zögerte er, eine akademische Karriere in Marburg einzuschlagen, nicht zuletzt wegen des dort schon schwelenden Antisemitismus, und lebte die nächsten Jahre zunächst frei von institutionellen Verpflichtungen und dann als Privatdozent in Berlin. Es war schwierig, als Jude und Cohen-Schüler akademisch Fuß zu fassen: Seine Habilitation verzögerte sich, und auf einen Ruf als Professor musste er bis nach dem Ersten Weltkrieg warten, als eine kurze Liberalisierungswelle über Deutschland schwappte. Eine Ausnahme bildete ein Angebot aus Harvard, das Cassirer aber ausschlug, weil er nicht längere Zeit von seiner Familie getrennt leben wollte. Im Jahr 1902 hatte er seine Cousine Toni (Bondy) geheiratet, mit der er drei Kinder hatte.
Nach der Jahrhundertwende arbeitete er an den Vorhaben, die ihn bald zu einer der großen philosophischen Persönlichkeiten seiner Zeit machten, darunter sein vierbändiges Mammutprojekt über das Erkenntnisproblem . Cassirer hatte das Talent, die philosophischen Probleme in ihrem historischen Zusammenhang zu sehen und so den großen abendländischen Denkprojekten eine Linie zu geben und für die Gegenwartsdiskussionen fruchtbar zu machen. Die verschiedenen europäischen Versuche um die Selbstbestimmung und Selbstbefreiung des modernen Menschen hat Cassirer als eine große Aufgabe gesehen und deutschtümelnde Sonderwege stets abgelehnt.
- Datum 08.01.2007 - 12:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.01.2007 Nr. 02
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Es geht mir hier nicht um eine Apologie des heideggerschen Ansatzes, sondern um den Versuch einer Klärung, welche meines Erachtens von größerer Bedeutung ist als die Bemühung, Sympathien zu erwecken: Zum einen unterscheidet Heidegger, wie sicherlich bekannt ist, das Phänomen der „Angst“ von dem der „Furcht vor innerweltlich Seiendem“. So, wie diese Befindlichkeit in dem Artikel angesprochen wird, scheint sie mir aber doch eher als eine Furcht interpretiert zu werden – in dem Sinne, dass das Dasein sich lediglich in einem misslichen Sichfürchten in seinem Sein erfahren kann. In der Angst dagegen erfährt sich der Mensch nicht als „ängstliches“ Wesen, sondern in seinen eigensten Möglichkeiten, sie bringt das Dasein aus der verfallenen Abkehr als Aufgehen im Man in die „Unheimlichkeit“ (die unterschieden wird von der Vertrautheit der Alltäglichkeit und nichts mit einem dunklen Grauen zu tun hat). In der Angst ist das Dasein gerade frei „für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens“ (Vgl. Sein und Zeit § 40, 184-191), was wiederum nicht zu destruktiven Handlungen aufmuntert, sondern zu einem entschlossenen, das heißt eigentlichen In-der-Welt-sein. Hierzu gehört auch (wider geläufiger Interpretationen) das fürsorgende Mitsein mit Anderen (Vgl. Sein und Zeit, S. 298). In der Angst, wenn man so will, bezeugt das Dasein also eher den Mut, sich verantwortungsvoll für, nicht gegen das eigene Sein zu entscheiden – ein Sachverhalt, dessen mögliche Verkennung Heidegger durch die Wahl seiner eigentümlichen Terminologie vermutlich selber Vorschub geleistet hat.
Des Weiteren weist Heidegger selber ausdrücklich daraufhin, dass es sich bei der Destruktion der Geschichte der Ontologie nicht um eine „Abschüttelung“ der Tradition handelt, sondern um die Absteckung ihrer positiven Möglichkeiten (Vgl. Sein und Zeit, S. 22). Auch die „Überwindung der Metaphysik“ bedeutet einen „Schritt zurück“ in ihr eigenstes Wesen. Die Metaphysik versteht Heidegger nicht pejorativ als Irrweg, nicht als ein Versäumnis früherer Denker, sondern als Seinsentzug, als die Weise, wie sich das Sein selbst – eben als Entzug – zuschickt.
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