Was immer die europäische Kultur vor anderen Kulturen auszeichnen mag: Der Zweifel gehört ohne Zweifel dazu.Die Kultur des Zweifels gipfelt in der Erkenntnis des René Descartes, die er 1641 in seinen Meditationes de prima philosophia aufgeschrieben hat: »Ich zweifle, also bin ich, oder, was dasselbe ist, ich denke, also bin ich.« Wirtschaftslenker pflegen keine Philosophen zu sein, was vielleicht ganz gut ist und das gilt auch umgekehrt.Dennoch ist bemerkenswert, was Klaus Kleinfeld, der Vorstandsvorsitzende von Siemens, in seinem Interview mit der ZEIT (Nr. 1 vom 28.12.06) gesagt hat.Auf die Frage, ob er angesichts der Korruptionsvorwürfe und eingedenk des Scheiterns von BenQ an sich gezweifelt habe, antwortete er kurz und knapp: »Nein«, und auf die erstaunte Nachfrage erneut: »Nicht eine Sekunde.« Dass Kleinfeld zum Denken und also, im Sinne von Descartes, zum Zweifeln imstande ist, nicht nur an anderen, sondern auch an sich selbst, müssen wir zu seinen Gunsten annehmen.Dass er es offenbar nicht zugeben darf, ist historisch relativ neu.Denn die Figur des grüblerischen Denkers, der sorgenvoll, wie Rodin ihn gebildet hat, das Kinn auf die Hand stützt, war lange Zeit die Ikone des verantwortungsvollen Staats- und Wirtschaftsmannes, und noch Alfred Herrhausen oder Willy Brandt haben ihm zu entsprechen versucht, übrigens auch Helmut Kohl.Dessen Abgang bezeichnet womöglich den Wechsel des Leitbildes.Denn Schröder hat nicht den Denkenden gegeben, sondern den Handelnden.Der Handelnde aber zweifelt nicht. In seiner Tragödie Ein Bruderzwist in Habsburg (1848) porträtiert Grillparzer Kaiser Rudolf II. als einen von Zweifeln zerrissenen Mann, der sich zum Handeln nicht entschließen kann: »Gemartert vom Gedanken drohnder Zukunft, / Dacht ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt, / Im weisen Zögern sehnd die einzge Rettung.«Als es Erzherzog Leopold endlich gelungen ist, den Kaiser zu einer Entscheidung zu bewegen, eilt er hinaus (»und nun die Pferde!«), indem er ruft: »Nichts teurer ist hierlands als der Entschluß, / Man muß ihn warm verzehren, eh er kalt wird.« Da haben wir den neuen glattgesichtigen, zweifelsfernen Tätertypus, und weil wir wie Leopold empfinden, dass »hierlands« nichts teurer ist als der Entschluss, fällt es gar nicht unangenehm auf, wenn einer wie Kleinfeld (und er ist ja nur einer von vielen) den Zweifel von sich weist, als wäre er pure Schande.Der Zweifler hat ja auch was Nerviges.Und doch: Die abendländische Kunst und Literatur feiern ihn von alters her als den gedankenvollen Melancholiker, als den tatenarmen Denker.Das aber ist nur die Hälfte der Wahrheit.Aus dem Zweifel, und nur aus ihm, wachsen der neue Gedanke und die neue Tat. Deshalb könnten unsere Staats- und Wirtschaftslenker hin und wieder ruhig ihre Zweifel zugeben.