Ich habe einen Traum

Ecos Albträume

Die Angst, zu versagen oder zu spät zu kommen: Bekenntnisse des italienischen Philosophen Umberto Eco zu seinem 75. Geburtstag

Bis vor wenigen Jahren konnte ich mich kaum an meine Träume erinnern. Das lag vermutlich daran, dass ich immer einen sehr tiefen Schlaf hatte. Am nächsten Morgen war nur noch eine vage Vorstellung davon übrig, etwas geträumt zu haben. Aber ich konnte meine Träume nicht festhalten. Heute, im fortgeschrittenen Alter, fällt mir das leichter. Ich kann mir das nur so erklären, dass ich nicht mehr so tief und so lange schlafe wie ein Kind. Ich kann mich inzwischen an meine Träume erinnern, sogar an solche, die länger zurückliegen. Und das gefällt mir.

Die wichtigsten und interessantesten Träume sind die wiederkehrenden Träume und die Albträume. Als Schüler träumte ich oft davon, das Abitur nicht bestanden zu haben. Dieser Albtraum wurde später von einem anderen abgelöst, in dem ich immer noch zur Armee ging. Meine Vorgesetzten hatten mir darin zwar erlaubt, die Kaserne zu verlassen, aber ich war einfach nicht zurückgekehrt. Jetzt drohten sie mir, mich festzunehmen. Dieser Traum hat mich sehr lange verfolgt.

Man muss dazu wissen, dass ich im wirklichen Leben erst sehr spät meinen Armeedienst absolviert habe. Ich hatte es geschafft, meine Einberufung hinauszuschieben, bis ich 26 war. Als Grund gab ich meine umfangreichen Studien an. Irgendwann stand ich dann zum ersten Mal vor der Kaserne, mit meiner Brille und meiner Schreibmaschine unter dem Arm – beides waren so etwas wie Schutzschilde. Die jüngeren Offiziere, von denen die meisten nicht zur Universität gegangen waren, hatten großen Respekt vor mir. Ich wurde schnell mit allerlei Schreibarbeiten beauftragt, konnte mir viele Freiheiten herausnehmen und kam mir wichtiger vor als ein General. Zuerst war ich in Como stationiert. Durch meine guten Verbindungen schaffte ich es, dass mein Name auf einer Liste derjenigen erschien, die ins Hauptquartier nach Mailand versetzt wurden. Was mir natürlich viel lieber war, weil ich dort noch mein Studentenappartement hatte. Meistens arbeitete ich bis 14 Uhr in der Kaserne, ging dann in die Stadt, übernachtete unerlaubterweise in meinem Zimmer und kam erst am nächsten Morgen zurück. Es waren Friedenszeiten, du konntest in der Armee praktisch machen, was du wolltest. Aber trotz des Wohlwollens, das ich genoss, waren diese Ausflüge mit einem gewissen Risiko verbunden. Jedenfalls hatte ich immer Angst, dass ich irgendwann auffliegen und es einen Rieseneklat geben würde. Was zum Glück nie passiert ist. Trotzdem hat mich diese Sorge bis in meinen Schlaf verfolgt.

Meine Träume übers Abitur und die Armee haben beide mit Angst zu tun – mit der Angst, etwas nicht abschließen zu können, Angst, erwischt zu werden.

Heute, im höheren Alter, plagen mich andere Angstträume. Wenn ich beispielsweise in Amerika unterwegs bin, träume ich, dass ich mein Flugzeug verpasse. Da sehe ich mich in meinem Hotelzimmer hektisch meinen Koffer packen: Abflug ist um sechs Uhr, es ist aber schon fünf Uhr, und ich bin noch immer nicht mit dem Packen fertig. Ich weiß: Ich werde mit Sicherheit zu spät kommen. Wenn ich durch Europa reise, variiert das ein bisschen: Da träume ich, dass ich den Zug verpasse. Ich hetze zum Bahnhof, kann aber das richtige Gleis nicht finden. Warum? Weil ich wieder mal zu spät dran bin. Und am Ende fährt der Zug ohne mich los.

Das alles ist insofern kurios, weil ich noch nie in meinem Leben einen Zug oder ein Flugzeug verpasst habe. Gut, das stimmt nicht ganz. Nur ein Mal, ein einziges Mal, habe ich in New Orleans mein Flugzeug verpasst. Aber das konnte mir nur deshalb passieren, weil ich aus Angst, zu spät zu kommen, ausnahmsweise viel zu früh am Flughafen angekommen war. Ich hatte mich dann in die Wartehalle gesetzt und war prompt wieder eingeschlafen. So hörte ich nicht, wie mein Flug aufgerufen wurde. Ich habe ihn verpasst, weil ich zu früh dort war.

Trotz dieser unangenehmen Erfahrung achte ich weiterhin penibel darauf, immer pünktlich zu sein. Warum? Weil ich nun mal ständig von Träumen terrorisiert werde, in denen ich zu spät komme. Was zweifellos eine interessante Wechselwirkung zwischen Traum und Wirklichkeit ist.

Ich habe nie ein großes Interesse verspürt, meine Träume aufzuschreiben. Ich habe auch nie irgendwelche aufregenden Pillen geschluckt, um mich zu stimulieren. Ich wollte immer, dass mein Gehirn in einem klaren, effizienten Zustand ist. Das ist für mich eine Frage des Stolzes. Ich glaube, dass mich mein Gehirn mit aufregenderen Geschichten versorgt, als es meine Träume leisten könnten.

Ich muss allerdings zugeben, dass meine Träume manchmal meine Geschichten doch beeinflusst haben, wenn auch nur ganz selten. In meinem Roman Das Foucaultsche Pendel lasse ich den Verlagslektor Jacobo Belbo einen meiner Angstträume durchleben: Ich bin in einer fremden Stadt, die ich eigentlich gut zu kennen glaube. Ich weiß, wenn ich die rechte Straße abbiege, komme in eine Gegend, die mir sehr gefällt. Das Problem ist: Ich kann sie nicht mehr finden.

Ein anderer Traum hat ein Kapitel in meinem Roman Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana inspiriert. In diesem Traum lebe ich in einer Villa, suche einen Raum, den ich zu kennen glaube. Aber ich kann ihn nicht finden. Es war mein Lieblingsraum, voller prachtvoller, antiker Möbel und interessanter Bücher. Ich weiß, dass er am Ende eines Korridors liegt. Aber dort steht eine Wand, die ich nicht durchdringen kann. Dem Protagonisten des Buches geht es ähnlich – aber als er die Wand zum Einsturz bringt, findet er den Raum. Es ist der Raum seiner Jugend, also das Paradies.

Ich selbst werde jetzt 75. Wahrscheinlich werde ich auf meinem Landsitz in der Nähe von Rimini feiern. Hier habe ich schon viele Geburtstage verbracht und dabei oft Fotos von mir und meinen Gästen machen lassen. Ein paar davon hängen an einer Wand in meinem Haus. Ich erinnere mich noch gut an meinen 70. Geburtstag. Damals hatte ich nur meine Studenten eingeladen. Nicht mal meine Frau war da. Inzwischen unterrichte ich nicht mehr für die ganz jungen Studenten, obwohl ich die Arbeit mit ihnen immer sehr genossen habe. Aber mit zunehmendem Alter kommen einem Zweifel, ob man nicht mit vielem Unrecht hat, was man an andere weitergibt. Und ich möchte die jungen Menschen ja nicht korrumpieren. Deshalb gebe ich nur noch Seminare für Doktoranden. Da kann es sich der Professor leisten, Unrecht zu haben und zu provozieren, so löst er immer lebhafte Debatten aus.

Ich habe jedenfalls noch nicht die Absicht, mich zurückzuziehen und in Rente zu gehen. Wenn man wie ich seit Jahrzehnten schreibt – Essays, Romane, wissenschaftliche Abhandlungen –, wird man irgendwann Gefangener dieser Situation, die man selbst herbeigeführt hat und der man nicht mehr entkommen kann. Was nicht so schlimm ist, denn ich liebe es zu schreiben.

Was ja auch eine Art Traum ist. Nur dass ich dabei die volle Kontrolle über meine Fantasie habe.

Aufgezeichnet von Martin Scholz

Umberto Eco wurde mit den Romanen »Der Name der Rose« (1980) und »Das Foucaultsche Pendel« (1988) weltberühmt. Am 5. Januar wird er 75 Jahre alt. Der Philosoph und Medienwissenschaftler ist seit 1971 Professor für Semiotik an der Universität Bologna, lebt in Mailand und auf seinem Landsitz in der Nähe von Rimini. Im Februar erscheint eine neue Sammlung mit politischen Essays unter dem Titel »Im Krebsgang voran«. Umberto Eco träumt immer wieder davon, dass er zu spät kommt

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    • Von Martin Scholz
    • Datum 6.1.2007 - 10:03 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 04.01.2007 Nr. 02
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    • Schlagworte Gesellschaft_und_soziales_Leben
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