Gerne wäre ich Restaurantkritiker geworden.Aus Furcht vor den juristischen Folgen meiner geschliffenen Betrachtungen über das Servierte habe ich es aber sein lassen.Hin und wieder stehe ich kurz davor, eine Phänomenologie der Wiener Kaffeehauskellner zu verfassen: Das sind Menschen, die, wenn sie nicht virtuos schleimen, einen jeden zur Schnecke machen, mit deren Geschwindigkeit sie sich am liebsten selbst über das Parkett bewegen.Diese Kellner machen einen jeden Menschen so klein, dass er nur mehr ihre Größe wahrnehmen kann.Ihre Arroganz, exekutiert in der schlechtesten Laune von der Welt, ist ein kostbares Gut der Anthropologie.Leider muss ich auch auf diesem Gebiet zurückhaltend sein, denn wo sonst soll ich hingehen, wenn nicht ins Kaffeehaus? So bleibt nur die Lektüre faszinierender Bücher, die vom Essen handeln.Wenn das Tintenfass, das mit etwas müder Koketterie den Untertitel Das Magazin für den überforderten Intellektuellen trägt, vom Essen handelt, bin ich dabei, zumal ich in diesen Nachweihnachts-Neujahrstagen auch als Esser überfordert bin.Die Nummer 30 des Magazins, das bei Diogenes erscheint (herausgegeben von Daniel Kampa und Winfried Stephan - Zürich 2006 - 399 S., 7 Euro), heißt geschmackvoll: Warum reden alle vom Essen?, und eine der ersten Antworten müsste wohl lauten, weil sie überfressen sind. Aber es sind ja nicht alle, die vom Essen reden - es gibt auch Leute, die davon reden, wie alle anderen, nur nicht sie selbst, vom Essen reden: Rolf Dieter Brinkmann zum Beispiel hat in Rom, Blicke einen Typus kunstausübender Spießer, spießiger Bohemiens, dadurch charakterisiert, dass diese Leute so gerne das Essen in den Mund nehmen, nicht nur wörtlich, sondern auch bildlich, also rhetorisch. Die quatschen andauernd rum, wos was Gutes gibt und wos weniger gut ist - sie sind von der Behaglichkeit, die aus dem Bauch kommt, erfüllt. Es liegt also ein Problem vor, dem das Magazin sehr klug Rechnung trägt, und zwar durch zwei Zitate, die als Motto für das Ganze dienen. Zum Essen sagte Wittgenstein: »Egal was, Hauptsache es ist immer dasselbe.«Das ist überhaupt ein Mustersatz der Gleichgültigkeit - eine geniale Maxime, mit der man sich angesichts einer Sache, die einem keine Wahl lässt essen muss der Mensch! , die Anforderung vom Leib hält, man solle da auch noch »differenzieren«, also Unterscheidungen treffen. Das zweite Zitat räumt mit dem ersten auf: »Wem am Essen nichts liegt, dem liegt auch an anderen Dingen nicht viel.«So sprach Dr.Samuel Johnson, und in seinem Satz liegt für mich die Wahrheit, dass das Gebot der Selbstsorge es gar nicht zulässt, mit etwas gleichgültig umzugehen, das wie das Essen sein muss.Wer (sich) aus der Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme nichts macht, wer nicht ein Stück Freiheit und Kultur daraus gewinnt, der ist wahrscheinlich auch sonst kein Hoffnungsträger. Dieses Tintenfass empfehle ich jedem, der noch empfindlich genug ist, dass es ihm angesichts der Rederei in Kochen bei Kerner den Magen umdreht.Manches (von Nothomb, Tschechow, Robert Walser, Highsmith, Irving, Markaris, Suter, Dürrenmatt und anderen) ist ziemlich geistreich.Geistreich und zugleich pragmatisch klingt in meinen Ohren der Vorschlag von W.Somerset Maugham: »Wer in England gut essen will, muss dreimal am Tag frühstücken.«Wer nicht so früh aufsteht, kann sich den Satz, für den Naomi Campbell jüngst den »Foot in Mouth«-Preis erhalten hat, vorsagen: »Ich liebe England, besonders das Essen.Ich liebe nichts mehr als eine herrliche Schüssel Pasta.«