Brüssel Der Verfassungsvertrag gescheitert, die Erweiterung ein Herd des Misstrauens unter Europäern, die Ausgaben der Gemeinschaft in Zeiten der Wissensgesellschaft eisern an Ackerbau und Viehzucht gekettet.Das ist die Lage der Union: In den Hauptstädten blüht der Populismus, von Warschau bis Kopenhagen, was den einen ihr Andrzej Lepper, ist den anderen ihr Jean-Marie Le Pen oder ihre Pia Kjærsgaard.Regiert wird vielerorts schlecht und manchen Ortes gar nicht, wie derzeit in Prag oder Wien, Budapest oder Brüssel. In drei Jahren wollen die Europäer allen Ernstes zur wettbewerbsstärksten Wirtschaft der Welt aufgestiegen sein, so stand es in der sogenannten Lissabonner Agenda vom März 2000.Doch das Datum ist längst Makulatur, Produktivität und Pro-Kopf-Einkommen hinken weiter hinter Amerika her.Und was sind schon knapp zwei Prozent Wachstum in den großen Mitgliedsstaaten Deutschland, Frankreich und Italien, gemessen an den neun Prozent in China oder Indien. Ausgerechnet die Menschen des größten Handelsblocks zagen vor der weiten Welt, Angst vor der Globalisierung grassiert, gerade in Deutschland, beim Exportweltmeister. Als wir vor sieben Jahren in Europas selbst ernannter Hauptstadt Brüssel unsere Koffer und Kisten abstellten, lag die Zukunft noch verheißungsvoll vor uns.Doch jetzt?Der Horizont verhangen, mancher Königsweg nur eine Sackgasse?Unsere Kinder größer, die Hoffnungen kleiner.Ach, Europa! Die düstere Tonlage ist ganz falsch, und die apokalyptische Melodie gehört allenfalls ins Nachtprogramm.Diese Europäische Union feiert Ende März ihren 50.Geburtstag.Und ich will den sehen, der damals, als in Rom sechs Gründerstaaten die Geburtsurkunde unterzeichneten, sich das Europa von heute ausgemalt hätte größer und schöner, friedlicher und freier als je zuvor.Selbst auf die bescheidenen sieben Jahre unserer Brüsseler Berichterstattung blickend, reibt man sich die Augen.Bei unserer Ankunft gab es keinen Euro, stand die Erweiterung noch in einiger Ferne, stakste und stolperte die EU über die Weltbühne und war der groß annoncierte Binnenmarkt noch eine Baustelle. Ob Klimawandel oder Wettbewerb ohne die EU geht gar nichts mehr In dieser Zeit fehlte es nicht an hochfliegendem Ehrgeiz noch an allerlei Projektmacherei, im Großen wie im Kleinen.Neben der gemeinsamen Außenpolitik wurden auch Justiz- und Polizeiwesen verflochten oder die Reform der Institutionen bis zum Verfassungsvertrag ins Werk gesetzt.Da wurden BSE und Vogelgrippe bekämpft, wurde das Kyoto-Klimaschutzabkommen verpflichtend gemacht oder der Binnenmarkt im Bereich Dienstleistungen und Finanzwesen ausgebaut.Diese Union hat in diesen sieben Jahren nicht durch Müßiggang enttäuscht, eher schon durch Hyperaktivität (zu) hohe Erwartungen geweckt.Als wolle die Schöne zu ihrem 50.Geburtstag im kommenden März es allen beweisen.Eine jung und dynamisch gebliebene Sportive, die den Wettkampf in jeder Disziplin sucht. Niemand muss dieses neue Europa lieben.Aber stolz darf man als sein Bewohner und Bürger schon sein.Diese Union, das wird vor allem in Frankreich und Deutschland gelegentlich übersehen, hat in der Tat nur noch wenig gemein mit der Gemeinschaft der sechs vor 50 Jahren.In den Tagen des Kalten Krieges war das ein exklusiver Club, das Gespräch im kleinen Kreis bewegte Medien und Bürger nur hin und wieder, kein Vergleich jedenfalls mit der Standleitung zwischen Zentrale und Brüssel, wie sie heute von den europäischen Medien genutzt wird, und mit den allwöchentlichen Ministerrunden im erweiterten Kreis von 27 nationalen Vertretern.Freund und Feind waren damals klar geschieden, die Welt war überhaupt in geometrischer Klarheit geordnet.Die Angst trug noch andere Namen, Kommunismus auf dieser, Imperialismus auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs.Der harte Bildschnitt hin zur Gegenwart zeigt allerdings keine Verfalls- oder Verlustgeschichte, sondern (fast) nur Erfolge.Von unserem Europa wagte damals niemand zu träumen. Europa muss wieder »bürgernäher« werden, heißt es.Dafür bedürfe es, hört man vielerorts, eines neuen, möglichst mitreißenden Projektes, das jenes alte von Friede und Freiheit ersetze, zumindest ergänze. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso beantwortete kürzlich diese Forderung kurz und knapp: »Unsere Aufgabe starrt uns doch mitten ins Gesicht.Klimawandel.Wachsender Wettbewerb mit China und Indien. Globale Pandemien.Massenwanderungen.Internationaler Terrorismus. Demografischer Wandel.Energiesicherheit.«Die Raison dtre der EU sei es, so Barroso, den Europäern zu helfen, in einer globalisierten Welt zu prosperieren.Nichts von diesem Programm kann die Nation allein leisten, nichts davon Europa ohne seine Nationen.Das meint das Wort Europapolitik. Europa bleibe, noch ein gängiger Einwand, ein Projekt der Eliten.Zu solchem Befund kam unlängst auch eine Umfrage des Bundesverbandes deutscher Banken.Je besser die Bildung, desto größer die Zustimmung. Nur zwölf Prozent der Befragten wussten, wie viele Mitgliedsstaaten die EU hat.Betrüblich, aber nicht überraschend.Vor sechs Jahren veröffentlichte der Politikwissenschaftler Werner Patzelt in der ZEIT folgende Zahlen: »Was Föderalismus sei, wissen 59 Prozent nicht - vom Rest machen 14 Prozent falsche Angaben. 40 Prozent der Deutschen können nichts oder nur Unrichtiges über den Bundesrat äußern.Vom Bundestag, den die Bürger doch alle vier Jahre wählen, sagen gut 60 Prozent der Deutschen, über seine Arbeitsweise erführen sie zu wenig.« Die Folgerung des Dresdner Wissenschaftlers: »Verdrossen sind die Ahnungslosen.Viele Deutsche verachten Politik und Politiker, weil sie ihr Regierungssystem nicht verstehen.«Was nicht nur am System liegen muss. » Ask not, what your country can do for you« John F.Kennedys berühmter Imperativ, auf Amerika gemünzt, wartet ungeduldig auf seine Europäisierung.Frag nicht, was Europa für dich tut, frag lieber, was du für Europa tun kannst.Und wenn dieses Denken bereits weiter verbreitet wäre als gedacht?Befragt nach der »Zukunft Europas«, bemängelten die EU-Bürger vor allem den ungenügenden Schutz sozialer Rechte oder Misserfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Viele Bürger wünschen sich mehr Europa, nicht weniger Beides gehört nicht zu den Befugnissen und Aufgaben der EU-Politik, bislang jedenfalls.Zwei Drittel der Europäer waren für eine Vereinheitlichung der Sozialsysteme, was Ministern wie Gewerkschaftern schlaflose Nächte bereiten dürfte.Das »Europäische Sozialmodell«, egal, wie es verstanden wird, steht somit auf der Wunschliste der Bürger ganz oben.Mehr und nicht weniger Europa wird da gefordert. Europa soll schützen, was nationale Politik zusehends schlechter hegen kann.Der alte Traum von Gerechtigkeit sucht sich einen neuen Raum.So wird inzwischen gedacht, fernab der Kabinettstische. Der britische Soziologe Anthony Giddens zeichnet in seinem neuen Buch Europe in the Global Age die Zukunft genau vom europäischen Wohlfahrtsstaat her, der ja auf originelle Weise das Glück des Einzelnen und die Gemeinschaft der großen Zahl verknüpft.Giddens hält diesen Wohlfahrtsstaat für ebenso reformbedürftig wie bewahrenswert. Dabei versteht er ihn nicht als Bollwerk gegen die Globalisierung. Sondern als das Innerste einer europäischen Identität im weltweiten Wettbewerb.Bindestrich-Europäer, sagt Giddens, würden bei dieser Identitätsbildung in der EU nicht entstehen.Das Wort »Deutscheuropäer« etwa würde keiner benutzen, anders als den Ausdruck Italo- oder Afroamerikaner.Das sei gerade das Originelle an der EU, diesem »originellsten und erfolgreichsten Experiment in politischem institution-building seit dem Zweiten Weltkrieg«: Die europäische Identität werde parallel zur nationalen kultiviert, ohne dass die eine die andere untergrabe. Liegt hier nicht der wahre Schatz ihrer Menschen?Europa geht es besser, als ihr denkt!