Potsdam Politiker mögen es gar nicht gerne, wenn die Wähler ihnen reinreden. Wenn sie Resolutionen verfassen, vor dem Parlament aufmarschieren oder gar nach Bürgerbeteiligung rufen.In solchen Fällen singen die Politiker voller Inbrunst das Hohelied der repräsentativen Demokratie, und wenn es das Volk gar zu bunt treibt, erinnern sie sich an den alten Bertolt Brecht, der ihnen einst empfahl, sich ein neues zu wählen. Die Not muss also ziemlich groß sein, wenn sich die Stadtverordneten von Potsdam derzeit eines anderen besinnen und nach dem Souverän rufen, weil sie nicht mehr weiterwissen.Deshalb haben alle 122000 wahlberechtigten Potsdamer kurz vor Weihnachten Post bekommen.Einen freundlichen Brief vom Oberbürgermeister Jann Jakobs, einen Fragebogen sowie einen freigemachten Rückumschlag.Bis zum Jahresende konnten sie antworten und damit einem kommunalen Prestigeprojekt zu einer letzten Chance verhelfen, dem Wiederaufbau des Stadtschlosses. Der barocke Knobelsdorff-Bau am Alten Markt war einst Herz und historisches Zentrum der preußischen Residenzstadt.Zudem war er ein architektonisches Meisterwerk.Im Zweiten Weltkrieg wurde er zerstört. Den Rest erledigte die SED.Sie ließ die Ruine 1960 sprengen, um Platz zu schaffen für Kulturhäuser, breite Ladenstraßen und sozialistische Wohnblocks.Die Neue Stadt wurde nie fertig, und so hinterließ die DDR in Potsdam zwischen Schinkels klassizistischer Nikolaikirche und der Havel eine innerstädtische Brache.Etwas verloren steht dort seit vier Jahren nur das wiedererrichtete Fortunaportal, das alte Eingangstor des Schlosses.Es ist die Spende eines wohlhabenden Bürgers der Stadt und sollte den Potsdamern Hoffnung geben, dass irgendwann der ganze Bau zurückkehrt. Mit der Hoffnung ist es so eine Sache, in diesem Fall kostet sie vor allem viel Geld.Schon seit 1990 sehnen sich Potsdams Stadtväter nach engen Gassen und barocken Fassaden, nach historischem Glanz und Preußens Gloria.Doch außer vielen schönen Plänen ist bislang nicht viel zu sehen.Private Investoren haben sich keine gefunden, nicht für ein Kaufhausschloss und auch nicht für ein Schlosshotel.In der Not sprang das Land Brandenburg ein, obwohl es selbst ziemlich pleite ist. Der Landtag beschloss, sich in einem wieder aufgebauten Schloss neu einzurichten.Etwa 120 Millionen Euro würde der Neubau kosten, die Renovierung des jetzigen Landtagssitzes auf dem Brauhausberg wäre für die Hälfte zu haben. Moderne Abgeordnete brauchen keine Säle, sondern Büros Mit dem Beschluss des Landes, der Stadt ein Schloss zu schenken, fing der Streit erst richtig an.Denn Landtagsabgeordnete brauchen keinen monarchistischen Palast, sondern einen demokratischen Funktionsbau, keine herrschaftlichen Säle, sondern viele kleine Büros.Plötzlich stellte sich die Frage: Wann ist ein Schloss ein Schloss? Den Fundamentalisten gefielen die ersten Entwürfe des Landtagsschlosses überhaupt nicht.Diese sahen vor, dass nur an der Nordseite die barocke Fassade originalgetreu wiederhergestellt wird. Die Kritiker vermissten die Sandsteinfiguren auf dem Dach und die charakteristischen Vorsprünge.Sie wollten sich auch nicht damit abfinden, dass im rechten Winkel gebaut wird.Wo doch den Preußen ihr Palast ein wenig aus der Form geraten war und immerhin ein Prozent vom rechten Winkel abwich.So lange wurde Baulinien erörtert und Geschmacksfragen debattiert, bis die Stadtverordneten heillos zerstritten waren.Nur die PDS hielt sich aus allem raus, sie ist grundsätzlich gegen den Wiederaufbau. Es kam, wie es kommen musste.Plötzlich stand der sozialdemokratische Oberbürgermeister Mitte November im Stadtparlament ohne Mehrheit da. Zweimal fiel der Bebauungsplan in geheimer Abstimmung durch.Aus der Traum von der Rückkehr Preußens an den Alten Markt.Futsch die 16 Millionen Euro, die Planung und Bauvorbereitung bereits gekostet hatten.Von Katastrophe war die Rede, von Verrat und Blamage. Vor allem die Potsdamer PDS hätte ihren Sieg jetzt eigentlich auskosten können.Doch die Politik macht es einem nicht leicht. Plötzlich hatte die Linkspartei Angst vor der eigenen Courage. 16 Jahre lang lebte sie komfortabel damit, gegen alles zu sein, was im Rathaus ersonnen wurde, um anschließend die Unzufriedenen zu mobilisieren.Nun sollte sie schuld daran sein, dass der Alte Markt ein Schandfleck bleibt.Sie vollende die Pläne der SED, hieß es. Frustrierte Schlossfans, ratlose Stadtplaner, unglückliche Sieger.Wie gut, dass Politiker manchmal Mut zu unkonventionellen Lösungen haben, und wie gut, dass die PDS jahrelang gefordert hatte, die Bevölkerung intensiver in die Planungen zur Zukunft des Alten Marktes einzubeziehen.Also wurde im Rathaus auf die Schnelle eine Bürgerbefragung ersonnen, ohne jede gesetzliche Grundlage und ohne geregeltes Verfahren.Einfach mal so dürfen die Potsdamer ihre Meinung kundtun.Die Stadtverordneten haben versprochen, sich an das Votum zu halten, auch die der PDS, die so umfallen und gleichzeitig ihr Gesicht wahren könnte. Kann der Landtag nicht bleiben, wo er ist?Das wagt niemand zu fragen Nun ist es allerdings nicht so, dass die Potsdamer wirklich etwas zu entscheiden hätten.So weit geht das Vertrauen nicht.Der Fragebogen ist vielmehr trickreich formuliert, um nicht zu sagen suggestiv. » Wo soll der Landtag gebaut werden?«, lautet die vorgelegte Frage, dazu werden drei Antworten vorgegeben: das Schlossgrundstück und zwei alternative Standorte, an denen das Land aber gar nicht bauen will. Wer will, kann andere Vorschläge hinzufügen.Nur die Frage, ob der Landtag nicht besser auf dem Brauhausberg bleiben und viel Geld sparen sollte, wird nicht gestellt.Auch alle architektonischen Streitfragen bleiben ausgespart. Die Befragten stört dies offenbar wenig, ihre Beteiligung ist unerwartet hoch, seit Neujahr wird ausgezählt.Oberbürgermeister Jann Jakobs gibt sich optimistisch.Und wenn sich nach der Auszählung an diesem Donnerstag herausstellt, dass die Potsdamer das Landtagsschloss doch nicht wollen, dann bleibt der Alte Markt eben eine Brache.Aber wenigstens sind dann nicht länger die Politiker schuld.