Welche sind die richtigen Methoden und Standards, um uns selbst zu interpretieren und das menschliche Verhalten und die menschlichen Gemeinschaften zu untersuchen?Seit Jahrhunderten diskutieren Philosophen diese Frage.Ich selbst möchte nun eine ziemlich ungewohnte Herangehensweise an diese Frage vorstellen. Das Phänomen der Interpretation ist uns aus einer Vielzahl unterschiedlicher Genres vertraut.Anthropologen und Soziologen interpretieren Gesellschaften, Historiker Ereignisse und Epochen, Psychoanalytiker Träume, Anwälte Gesetze, Kritiker interpretieren Gedichte, Theaterstücke oder Bilder, und Priester und Rabbis interpretieren heilige Texte.Gibt es eine Art des Begründens und Schließens, die der Interpretation in all diesen Genres gemeinsam ist? Und unterscheidet sich diese Art des Begründens von der wissenschaftlichen Denkweise in der Physik und in der Biologie?Können Interpretationen in so unterschiedlichen Bereichen als wahr oder falsch betrachtet werden?Wenn ja, worin bestünde dann die Wahrheit einer wahren interpretativen Behauptung? Ich werde zu zeigen versuchen, dass es sich bei der Interpretation um eine eigenständige Methode des Vernunftgebrauchs handelt, die ihre eigenen Standards dafür besitzt, wann etwas als erfolgreich oder wahr gelten kann.Die meisten von uns sind ja in der Frage der Wahrheit von Interpretationen hin und her gerissen.Auf der einen Seite scheinen wir, wenn wir interpretieren, einfach davon auszugehen, dass eine Interpretation vernünftig oder unvernünftig, korrekt oder inkorrekt, wahr oder falsch sein kann.Manchmal werfen wir jemandem vor, dass er uns oder Shakespeare oder die Renaissance oder das Warenkaufrecht falsch interpretiert - wir setzen voraus, dass man über die Bedeutung eines jeden dieser Interpretationsgegenstände wahre Aussagen treffen oder eben danebenliegen kann.Auch unterscheiden wir zwischen einer richtigen Interpretation und einer, die wir aus einem anderen Grund bewundern.So mag sich ein amerikanischer Jurist vielleicht wünschen, unsere Verfassung verpflichte die Bundesstaaten dazu, für die Bildung der Armen genauso viel Geld auszugeben wie für die der Reichen.Er wird uns aber zustimmen, wenn wir ihn darauf hinweisen, dass man die Verfassung so nicht auslegen kann. Zugegeben, in manchen Kontexten hört es sich merkwürdig an, wenn ein Interpret die Wahrheit gepachtet zu haben scheint.Ein Regisseur oder Schauspieler, der mit einer neuen Interpretation des Hamlet aufwartet, braucht nicht zu behaupten, seine Lesart sei die einzig richtige und alle anderen Zugangsweisen seien falsch.Es wäre aber nicht weniger merkwürdig, wenn ein Literaturwissenschaftler, der sein Leben der Analyse des Hamlet gewidmet hat, als Summe seiner Forschungen anmerkt, seine Studie stelle nur einen von vielen Ansätzen dar und andere Herangehensweisen seien genauso legitim.In manchen Situationen würde uns ein solcher Skeptizismus nicht nur sonderbar, sondern geradezu skandalös vorkommen.Man stelle sich einen Richter vor, der einen Angeklagten zu einer Haftstrafe oder gar zum Tode verurteilt oder der einem Beklagten im Zivilprozess die Zahlung einer hohen Geldsumme auferlegt und anschließend in der Urteilsbegründung einräumt, andere Rechtsauffassungen, die gegenteilige Richtersprüche nach sich gezogen hätten, seien genauso legitim wie seine. Was kann die Interpretation einer Epoche wahr machen? In den meisten Fällen zumindest gehört zur Phänomenologie der Interpretation also dazu, wie sie sich den Interpreten selbst darstellt die Grundeinstellung, dass Interpretationen um Wahrheit bemüht sind.Und doch fühlen sich Interpreten häufig unwohl, wenn sie pauschal auf der Wahrheit ihrer interpretativen Urteile bestehen sollen.Viele Juristen etwa, die über Formulierungen in einer Urteilsbegründung wie die eben erwähnte schockiert wären, fühlen sich nicht weniger unbehaglich, wenn Rechtsphilosophen darauf hinauswollen, es gebe immer eine beste Auslegung einer rechtlichen Bestimmung oder eines Präzedenzfalls, und alle anderen Auslegungen seien falsch. Deshalb bevorzugen sie Wendungen, die eine solche pauschale Behauptung vermeiden. So wird ein Jurist vielleicht sagen, ihm erscheine eine bestimmte Auslegung der Verfassung zwar als die Beste, aber er wisse natürlich, dass andere dies anders sähen, und könne deshalb nicht behaupten, es gäbe nur eine korrekte Interpretation und jene, die anderer Meinung seien, hätten schlichtweg Unrecht. Doch diese bizarre Erklärung ergibt keinen Sinn: Wenn der Interpret der Meinung ist, eine bestimmte Auslegung sei die beste, dann sind gegenteilige Auslegungen seiner Meinung nach schlechter, und er widerspricht sich, wenn er einige davon ausnimmt.Die Beliebtheit derartiger Bekenntnisse zeigt freilich, wie zwiegespalten viele von uns in der Frage sind, ob Interpretieren eine wahrheitsorientierte Aktivität ist. Ich werde versuchen, diese Zwiespältigkeit aufzulösen.Noch einmal: Was kann eine Interpretation irgendeines Gegenstands eines Gedichts, eines Gesetzes, einer Epoche wahr machen?Gewiss wird meine Argumentation manchem zu mechanisch erscheinen, um das Gefühl des intuitiv Einleuchtenden einzufangen.Denn man weiß doch unmittelbar, was ein Gedicht sagen will oder wie eine Sonate gespielt werden muss. Wer darüber grübeln muss, was unser Verständnis zu einem wahren macht, der scheint dieses intuitive Interpretationserlebnis zu zerstören. Dennoch möchte ich dem verbreiteten Eindruck, dass eine Interpretation unbeschadet ihres intuitiven Charakters richtig ist, zu seinem Recht verhelfen. Die verbreitetste Antwort auf meine Frage was kann eine Interpretation wahr machen? besteht in der Theorie psychischer Zustände.Diese Theorie besagt, dass interpretative Behauptungen durch tatsächliche oder kontrafaktische Tatsachen über mentale Zustände wahr gemacht werden (so sie denn wahr sind).Ob Lady Macbeth schon einmal verheiratet war, bevor sie Macbeth heiratete, hängt davon ab, was Shakespeare mit ihrer Rolle bezweckte - ob eine Verfassung ethnische Quoten verbietet, hängt davon ab, ob die Verfassungsväter derartige Quoten hätten verbieten wollen, wenn sie an sie gedacht hätten.Für den speziellen Fall der Interpretation in einem Dialog scheint die Theorie psychischer Zustände sogar zuzutreffen: So versucht ja mein Gesprächspartner, etwas über meine Intentionen herauszufinden, während ich mit ihm spreche.Er versucht herauszufinden, wie ich von ihm verstanden zu werden beabsichtige.Allerdings, für die Zwecke historischer Interpretation ist diese Theorie unbefriedigend.Wenn es bei der amerikanischen Revolution in Wirklichkeit nicht um Freiheit, sondern um Handelsfragen ging, dann besteht diese Tatsache nicht in irgendjemandes intentionalem Zustand.Auch für Gesetzesauslegungen ist die Theorie psychischer Zustände ungeeignet.Parlamentarier haben zwar mentale Zustände, Parlamente aber nicht. Auch in der Literaturinterpretation erfreut sich die Theorie psychischer Zustände großer Beliebtheit.So spekulieren die Gelehrten gern darüber, was Milton oder Shakespeare oder Philip Roth im Sinn hatten.Auch hier ist die Theorie freilich umstritten.Viele Literaturwissenschaftler weisen sie zurück, weil sie meinen, der Verfasser eines Textes sei lediglich in der glücklichen Formulierung Paul Ricurs dessen erster Interpret.Als einheitliche Theorie der Interpretation kann die Theorie der psychischen Zustände folglich nicht stimmen.Es muss eine andere, tiefgründigere Erklärung dessen geben, was eine Interpretation wahr macht, wenn sie wahr ist.Diese tiefgründigere Erklärung muss uns erklären, warum die Theorie psychischer Zustände in manchen Fällen erhellend scheint und in anderen Fällen scheitert. Das Auslegen von Texten ist immer ein normatives Geschäft Ich werde diese umfassendere Analyse zunächst kryptisch formulieren und dann versuchen, den Eindruck des Rätselhaften zu zerstreuen.Eine Interpretation eines Gegenstands oder Ereignisses ist wahr, wenn es ihr gelingt, dem besten Verständnis von Sinn und Zweck jenes Genres gerecht zu werden, zu dem die Interpretation gehört.Dies ist eine doppelt normative Theorie der Interpretation, derzufolge das Auslegen im Grunde immer ein normatives Geschäft ist. Nun die Erklärung.Alle bislang unterschiedenen Genres der Interpretation betreiben wir kollektiv, als eine Art kooperativer Praxis.Sie und ich begrübeln und diskutieren und streiten vielleicht über die Frage, ob Hamlet ein politisches Stück ist, ob die amerikanische Verfassung ethnische Quoten verbietet oder welche die wahre Bedeutung der Mona Lisa oder der Französischen oder amerikanischen Revolution ist.Und wir alle gehen davon aus, dass solche Diskussionen einen Sinn haben - wir führen sie nicht, als wären sie in Wirklichkeit sinnlos.So gehen beispielsweise die meisten Juristen davon aus, dass es Sinn und Zweck der Interpretation von Gesetzen und Präzedenzfällen ist, die Rechtsstaatlichkeit zu fördern, indem man gleiche Fälle gleich behandelt.Strittig ist unter Juristen hingegen, ob man im engeren Sinne gleiche Fälle gleich behandelt, weil man so die Rechtssicherheit stärken will oder weil man damit die grundsätzlichere Absicht verbindet, die Legitimität des Staates durch Prinzipientreue zu schützen. Unlängst forderte eine Gruppe deutscher Anwälte den Generalbundesanwalt in Karlsruhe dazu auf, den ehemaligen US-Verteidigungsminister Rumsfeld wegen Menschenrechtsverletzungen anzuklagen, obwohl die ihm unterstellten Straftaten nicht in Deutschland begangen worden waren.Ob deutsche Gerichte sich zu einer solchen Ausweitung ihrer Zuständigkeit bequemen sollten, hängt unter anderem davon ab, wie man den Zweck des Grundsatzes, gleiche Fälle gleich zu behandeln, am besten versteht.Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern gerichtlich zu verfolgen würde die Rechtssicherheit mindern, aber die Integrität der Staatengemeinschaft beim Schutz dieser Rechte stärken. Die Literaturwissenschaftler sind sich darin einig, dass der Zweck von Interpretationen darin bestehen muss, den Wert der Literatur zu entfalten.Sie streiten jedoch darüber, worin der Wert der Literatur besteht, und können sich folglich nicht darauf einigen, welche Lektüren eines Kunstwerks dessen literarischem Wert zugutekommen.Für einige ist es das höchste Ziel der Kunst, den menschlichen Genius zum Ausdruck zu bringen, für andere, moralisch lehrreich zu sein.Für einige Kritiker ist der Umstand, dass William Butler Yeats sein rätselhaftes Gedicht Solomon and Sheba auf seiner Hochzeitsreise schrieb, von großer Wichtigkeit.Während andere diesem Sachverhalt jegliche Bedeutung für das ästhetische Gelingen des Gedichts absprechen. Die hier vorgeschlagene Theorie der Interpretation ist doppelt normativ und somit doppelt kontrovers: Ein Interpret zielt erstens auf das rechte Verständnis von Sinn und Zweck eines Genres, und er zielt zweitens auf dasjenige Verständnis seines Interpretationsgegenstands, das diesen Zweck am besten erfüllt.Auf beiden Ebenen dürfte es Widerstände geben.Vermutlich herrscht aber Konsens über eine abstrakte Charakterisierung von Sinn und Zweck eines jeden Genres, damit wir diese in Familien einteilen können.So setzt die gemeinschaftliche Interpretation ein Zusammenspiel zwischen dem Urheber eines Gegenstands, der etwas von Wert hervorbringt, und einem Interpreten voraus, der dazu beiträgt, diesen Wert zu entfalten.Zu dieser Familie gehören die literarische und andere Formen künstlerischer Interpretation ebenso wie die juristische Deutung. Krude Pragmatiker reduzieren die Wissenschaft auf Interpretation Anders gelagert ist die Interpretation in Fächern wie Soziologie und Geschichtswissenschaft: Diese Art von Interpretation scheint einen Wert für das Publikum zu haben, an das sie gerichtet ist.Konservative und marxistische Historiker sind jedoch ziemlich unterschiedlicher Ansicht, worin dieser Wert besteht.Wieder anders verhält es sich mit der begrifflichen Interpretation: In dieser Familie, zu der die Philosophie zählt, besteht kein Unterschied zwischen Urhebern und Interpreten.Wir alle schaffen moralische und politische Begriffe wie die der Gleichheit oder der Demokratie dadurch, dass wir sie gebrauchen, und wir alle interpretieren sie, indem wir sie gebrauchen. Diese normative Theorie der Interpretation erklärt unsere oben beschriebene Zwiespältigkeit in Sachen Wahrheit.Es ist die gleiche Zwiespältigkeit, die wir auch hinsichtlich der Wahrheit in der Moral und in anderen Wertsphären empfinden.Wenn man dem Wert eines interpretativen Genres skeptisch gegenübersteht, wird man auch skeptisch in Bezug auf die Wahrheit eines solchen Werts sein.Keiner von uns kann aber ernsthaft ein grundsätzlicher Werteskeptiker sein, und meistens ist die Skepsis, die wir in Bezug auf einzelne Werte anmelden, nicht wirklich ernst gemeint.Die normative Theorie erklärt auch die Beliebtheit ebenso wie die Grenzen jener Theorie der Interpretation, die auf psychische Zustände zurückgreift.Diese Theorie ist im Falle der Literaturinterpretation umstritten, weil in der ästhetischen Theorie selbst umstritten ist, in welchem Maße der Wert eines Kunstwerks im Ausdruck eines besonderen kreativen Vermögens besteht.Folglich gibt es auch keine Einigkeit darüber, welches Maß an Autorität einem Künstler in der Frage zugestanden werden sollte, wie seine Schöpfung zu verstehen ist. Blicken wir noch einmal auf das Thema der Interpretation im Allgemeinen.Ich habe gefragt, ob sich die Interpretation grundsätzlich von der naturwissenschaftlichen Forschung unterscheidet. Ich habe die Zwecke der Interpretation erwähnt, aber natürlich hat die Wissenschaft ihre eigenen Zwecke.Einige dieser Zwecke sind praktischer Natur Krankheiten zu heilen etwa , viele hingegen sind theoretischer Art wie der Reiz der Erkenntnis.In der Wissenschaft jedoch spielen die Zwecke der Untersuchung, worin auch immer sie bestehen, bei keinem ernsthaften Test auf die Wahrheit von Aussagen eine Rolle.Vielleicht erforschen wir die Sterne, weil uns die Geheimnisse des Weltalls faszinieren.Es spricht aber nicht für die Urknalltheorie, dass sie uns fasziniert.In der Wissenschaft, könnten wir sagen, sind Wahrheit und Zweck geschieden. Die Interpretation hingegen spielt sich ganz im Reich der Zwecke ab. Ob eine bestimmte Lektüre eines Gedichts oder eines Gesetzes als Interpretation gelingt, hängt davon ab, welches der richtige Grund dafür ist, sich über die Lesart des Gedichts oder des Gesetzes Gedanken zu machen.Dies ist ein schlagender und tiefer Unterschied. Wenn es um Wahrheitsfragen geht, ist die Wissenschaft grundsätzlich nichtnormativ.Die Interpretation hingegen ist durch und durch normativ.Wir haben es hier mit einem fundamentalen Dualismus zu tun. Deshalb müssen wir zwei Fehler unbedingt vermeiden: Der krude Pragmatismus hofft, die Wissenschaft auf Interpretation zu reduzieren. Die krude Wissenschaftsgläubigkeit hofft, die Interpretation auf Wissenschaft zu reduzieren.Der Humanismus besteht darin, beide, die Wissenschaft und die Interpretation, als das zu nehmen, was sie sind und den Unterschied zu kennen. Aus dem Englischen von Michael Adrian