DIE ZEIT: Sie gehen noch zur Schule.Haben Sie schon eine Idee, welchen Beruf Sie einmal ergreifen wollen? Judith Wehrle: Ich habe ein Berufsorientierungsseminar mitgemacht, wo sie mir Sozialpädagogik aufschwatzen wollten, was ich überhaupt nicht machen möchte.Jetzt möchte ich lieber Psychologie in Verbindung mit Gebärdensprache studieren. ZEIT: Kennen Sie Gehörlose? Wehrle: Indirekt.Bei zwei kirchlichen Landesjugend-Camps war eine Frau dabei, die übersetzt hat, und ich konnte gar nicht dem Sänger zuhören, weil ich immer zu ihr guckte. ZEIT: Sie haben Kontakt zur Kirche? Wehrle: Ich bin in der jungen Gemeinde in Görlitz und arbeite in einer Teenie-Gruppe mit. ZEIT: Oft heißt es ja, dass junge Leute kaum etwas mit Kirche am Hut hätten. Wehrle: Es nimmt schon ab, aber in Görlitz gibt es zwei Gemeinden, in denen richtig viel Jugendarbeit betrieben wird, und wenn man das macht, merkt man bei den Menschen schnell, dass sie nach einem Halt im Leben suchen.Es ist eben nicht mehr so sehr von den Eltern geprägt. ZEIT: Wie war das bei Ihren Eltern? Wehrle: Meine Mutti war evangelisch, jetzt ist sie Buddhistin, und mein Papa ist katholisch.Sie haben mich nicht getauft, sondern mir freigestellt, was ich mache.Ich habe den Glauben über eine Freundin kennengelernt. ZEIT: Wofür, glauben Sie, steht Ihre Generation? Wehrle: Verglichen mit unseren Eltern: Wir suchen wieder nach Sicherheit und Halt und festeren Beziehungen. ZEIT: Finden es Ihre Mitschüler exotisch, wenn sie hören, dass Sie zur Kirche gehen? Wehrle: Wenn mich jemand fragt, ob ich Christin bin, sage ich nicht nein.Viele in unserer Gemeinde sagen allerdings: Man muss die anderen von seinem Glauben überzeugen, weil es so in der Bibel steht.Das fällt mir extrem schwer.Ich hatte einige Gespräche mit Nichtgläubigen, die sagen, dass sie das an den Christen nervt.Aber richtige Ablehnung habe ich bislang nicht erfahren. ZEIT: Und welche Jugendliche kommen in die Teenie-Gruppe? Wehrle: Meist kommen 10, manchmal sogar 20 Leute.Einige sind streng gläubig und wie soll ich das sagen? ein bisschen gefühlszurückhaltend.Sie verhalten sich fast schon wie Erwachsene. Und dann gibt es solche, die eher wegen des Fußballs kommen als wegen der Andacht. ZEIT: Das ist weniger in Ihrem Sinn. Wehrle: Das ist schon toll, weil wir so vielleicht einen Zugang zu ihnen schaffen.Wir haben auch welche, die echte Probleme haben, ein Mädchen zum Beispiel, die wegen ihrer Eltern von zu Hause ausgezogen ist und jetzt in einer Wohngruppe wohnt.Da hoffe ich schon, dass wir wenigstens mit offenen Ohren helfen. Das Gespräch führte Friederike Gräff In der nächsten Folge: Darja Hahn über ihre Übersiedlung nach Deutschland