Klassiker der Moderne (44)Zerfetztes Herz

György Kurtág war für alle Aufbrüche der Avantgarde offen, aber immun gegen ihre Ideologien. Sein Vokalzyklus "Botschaften" von 1981 zeigt, dass Liebesschmerz mehr ist als privater Luxus von Volker Hagedorn

»Beiß mich irgendwo!«Sie ist glücklich und hemmungslos, diese Frau. » Ich stehe nackt vor dir« Wie kann man so ein Gedicht komponieren, Töne für die Worte finden, ohne sie zu verdecken oder bloßzustellen? György Kurtág lässt sich ganz auf den Übermut ein.Die Stimme der Sopranistin springt durch eine verrückte Zirkusnummer.Die Nacktheit ist geschützt durch die Inszenierung des Übermuts: quietschende Klarinette, triviale Repetitionen eines kleinen Ensembles, knappe Aktionen, rhythmisch verkantet.Alles in gedrängter Kürze, unter Druck.Hinter dem erotischen Biss lauert auch Angst, wirklich verletzt zu werden.Und am Ende des Vokalzyklus Die Botschaften der entschlafenen R.V.Trussova ist die Liebende so tief verwundet, wie sie einmal glücklich war.

Als diese Folge von 21 kurzen Stücken nach Gedichten der Russin Rimma Dalos 1981 uraufgeführt wurde, waren Liebeslieder in der Avantgarde so selten wie Durtonleitern.Obwohl die größten Musiker früherer Epochen Glück und Verlust der Liebe komponiert haben, geriet das Thema nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Avantgardisten in den Schatten, als sei ein zerfetztes Herz privater Luxus neben Krieg und Vernichtung.Man überließ das Thema den Popmusikern.Bei den Neutönern aber musste es wohl ein Musiker neben den Nervenzentren und Mainstreams der Moderne sein, der für die »alte Geschichte« (Heine) völlig neue, wahre Klänge fand.Einer, der für alle Aufbrüche der Avantgarde offen war aber immun gegen ihre Ideologien.

Und offenbar hatte die Welt darauf gewartet.Mit den Botschaften, von Sylvain Cambreling in Paris uraufgeführt, gelang György Kurtág der Durchbruch.Er hatte sich Zeit gelassen und Ruhe.Anders als sein Freund Ligeti war Kurtág nach dem gescheiterten Aufstand der Ungarn 1956 nach Budapest zurückgekehrt.Hier wurde er zum Meister der kurzen Form und als 50-Jähriger begann er, die aphoristisch kurzen Botschaften einer verlorenen Liebe zur ergreifenden Geschichte zu formen.Ein flexibles Kammerensemble mit Streichern, Bläsern, Schlagzeug, Klavier, Harfe, Hackbrett ist das Medium, mit dem er den Zeilen folgt, von Hitze zu Kälte, in der Mitte der Wendepunkt: »Du nahmst das Herz / auf die Handfläche / und kehrtest sie vorsichtig um«.

Wie zerbrechliche Glaspflanzen umgeben kleine Klangbögen, dominiert von Flöte und Röhrenglocke, diesen Moment, den die Stimme stockend und staunend noch einmal erforscht.Webernsche Kürze vereint sich immer wieder mit barocker Wortausdeutung, untrennbar vom Klang: Den »Absturz« formen zwei haltlos absteigende Mischlaute, wie matte Blicke jenes anderen, von dem die Liebende sich nicht mehr erkannt fühlt. Kurtág »vertont« nicht, seine Töne sind ein Lesen, ein Beleuchten, ein Vertiefen, zugleich unendlich fantasievoll und sparsam, konzentriert, treffend.Da hört jeder, dass das zerfetzte Herz kein Luxus ist, und dass sein Schmerz sich mit allem Schmerz der Welt berührt.

György Kurtág: Werke für Sopran, Hungaroton 31831/Klassik Center Kassel

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