Warum er die »schlechten Zeichnungen« eines so großartigen Schriftstellers in aller Öffentlichkeit zeigen wolle?Das musste sich Johannes Gachnang Ende der 1970er Jahre fragen lassen, als er die erste Retrospektive des bildnerischen Werkes des französischen Denkers Pierre Klossowski (1905 bis 2001) in der Kunsthalle Bern plante. Anders sah man das schon damals in der »belesenen Welt«, wie Gachnang berichtet.Diejenigen, die mit den philosophischen und literarischen Werken des Schriftstellers, Übersetzers und Philosophen Klossowski (ein Ziehsohn Rilkes) vertraut waren, stellten die Ausstellungswürdigkeit seiner Zeichnungen nicht infrage. Ihr volles Potenzial entfalten die Werke Klossowskis zweifellos erst im Wechselspiel mit seinen Romanen und Essays.Und womöglich wäre es ohne seine literarische Arbeit zu den meisten Zeichnungen gar nicht gekommen. 1953 erschien sein Roman Roberte, ce soir, Grundlage seiner Trilogie Gesetze der Gastfreundschaft, mit sechs von ihm gefertigten Illustrationen.Ursprünglich sollte sein jüngerer Bruder, der Maler Balthus (Balthasar Klossowski de Rola), das Werk bebildern.Klossowski war mit dem Ergebnis aber nicht zufrieden, weil die Zeichnungen seiner Meinung nach die Atmosphäre des Romans nicht richtig wiedergaben.Also setzte er sich selbst daran, um seinem Bruder zu demonstrieren, was ihm vorschwebte.Der aber erkannte sogleich, dass nur Klossowski selbst seinen Roman zu illustrieren in der Lage wäre und riet ihm, weiterzumachen. Altmodisch unbeeindruckt von aller Gegenwartskunst Zeichnungen, die Zwischenfälle im Leben Robertes wiedergeben, bilden auch den Auftakt der Ausstellung im Kölner Museum Ludwig, die unter dem Titel Gespräche ohne Worte rund vierzig seiner großformatigen Zeichnungen sowie einige Skulpturen und Fotografien zeigt. Die Serie Les barres parallèles zeigt eine Frau (Roberte), deren langgliedrige Hände an einem Barren festgebunden sind.Zu ihrer Rechten kauert ein Mann, der ihren Fuß fesselt, während an ihrer linken Seite ein anderer Mann mit ausgestreckter Zunge die Innenfläche ihrer Hand leckt.Die Frau, in der man unschwer Klossowskis Ehefrau Denise erkennt, schaut mal skeptisch, mal ergeben.Drei mannshohe Zeichnungen (202 mal 132 Zentimeter) variieren die Szene: Augenblicke verändern sich, Handstellungen ebenso, mal steht der Mann auf Zehenspitzen, mal auf einem Schemel, hier lugen Robertes Brustwarzen vorsichtig aus dem Mieder, dort quellen ihre Brüste angriffslustig hervor.Es gibt die gleiche Szene auch als Skulptur aus Kunstharz. Klossowski selbst hat in Bezug auf seinen Roman davon gesprochen, Physiognomien nach dem Schema von Deklinationstabellen zu behandeln: mit den Wortendungen ändert sich die Haltung.Die kühle Grammatik seiner Zeichnungen gleicht einer Versuchsanordnung - Klossowski sprach auch nicht von Bildern, sondern von »Compositionen«.Noch deutlicher wird das, wenn man sich die Schwarzweißfotografien von Pierre Zucca ansieht, auf denen das Ehepaar Klossowski die Szene mit klinischer Präzision nachstellt.Die Fotos dienten der Luxusausgabe von Klossowskis Essay La monnaie vivante, in dem er eine Republik im Geiste de Sades beschreibt.Doch weder die Fotos noch die Zeichnungen sind bloße Illustrationen seiner Worte, sondern vielmehr Ausdruck unterschiedlicher Arten der Annäherung.Biblische Anspielungen und christliche Symbole sind unübersehbar, genau wie mythologische, wie historische, philosophische, psychologische und literarische Bezüge:Ganymed, Tarquinius und Lucretia, Sokrates oder Gulliver. Daniel Spoerri sagte einmal, das Zeichnen sei kein Talent, sondern eine Geisteshaltung.Klossowskis manchmal geradezu unbeholfener Stil stützt sich auf ein elaboriertes Referenzsystem.Vielleicht wegen dieser Kopflastigkeit stammen Klossowskis größte Bewunderer nicht aus der Kunst-, sondern aus der Geisteswelt, etwa Maurice Blanchot oder Michel Foucault.Die in Köln gezeigten, zuerst mit Bleistift, später dann mit Farbstiften ausgeführten Bilder beeindrucken zuerst mit ihrer schieren Größe.Wenn man bedenkt, dass sie erst zwischen 1952 und 1993 entstanden sind, wirken sie zumindest alt, wenn nicht anachronistisch. In jedem Fall wirken sie völlig unbeeindruckt von der jeweiligen Gegenwartskunst - in ihrer Unabhängigkeit entziehen sie sich jedem Vergleich. Es hieße aber, Klossowski zu unterschätzen, wollte man ihn nur an der offensichtlichen Kunstfertigkeit messen.Seine Zeichnungen verbitten sich schnelle Blicke, etwa die zum Thema Diane et Actéon.Wiederum ist es das Gesicht seiner Ehefrau, die diesmal als Göttin Diana mit dem Hirschjäger Aktaion aneinandergerät.Ein mythischer Pas de deux, der sich verbotenen Blicken aussetzt.Eros bittet Thanatos zum Tanz, oder umgekehrt.Das Tier züngelt an der Göttin entlang, sie selbst ist ihm zugewandt. Nackte Körper als Ideen, nicht als Leiber aus Fleisch und Blut In seinem Essayband Das Bad der Diana hat Klossowski sich ausgiebig mit der Sprache der Körper auseinandergesetzt.Er entwirft Trugbilder der göttlichen Diana, in denen er auch die kunstgeschichtliche Verwertungskette der Figur nachzeichnet und zeigt, wie es die alte Geschichte Frau wird vom Jäger beim Baden beobachtet bis in die Boulevardmedien gebracht hat.Der Betrachter wird zum Voyeur und zum Wiederholungstäter, der den verbotenen Blick vervielfacht. Dabei geht es Klossowski, der sich selbst gern als Monomanen bezeichnete, aber viel weniger um das Erzählen von Geschichten als um Haltungen, die Geschichte und Geschichten in sich tragen.Fragen der Technik treten bei ihm in den Hintergrund - viele seiner Zeichnungen haben in ihrer Skizzenhaftigkeit etwas Unfertiges.Auffällig auch, wie wenig seine Zeichnungen eine Entwicklung erkennen lassen.Man sieht den Werken nicht an, ob sie in den fünfziger Jahren oder doch dreißig, vierzig Jahre später gemalt wurden.Die nackten Körper, zumeist Varianten ein und derselben Frau, gleichen ohnehin mehr Ideen als Leibern aus Fleisch und Blut.Dennoch ziehen die Zeichnungen den Betrachter hinein und verwickeln ihn in ihre Widersprüche: Lust und Gewalt, Keuschheit und Geilheit, Mythos und Alltag sind bei Klossowski immer nur einen Zeichenstrich voneinander entfernt.In dieser schwebenden Nichteindeutigkeit gleichen seine Zeichnungen metaphysischen Meditationen.Ein verstörendes Gespensterballett, das um Haltung ringt. Bis zum 18.März 2007 im Kölner Museum Ludwig.Katalog 39,80 Euro. www.museum-ludwig.de