Woran denken Sie zuerst, wenn Sie Europa hören? An eine Konzertübertragung aus Amsterdam, die ich noch im "sozialistischen" Ungarn im Fernsehen angesehen und angehört habe. Mahlers Fünfte Symphonie wurde gespielt, und als das Adagietto erklang, ging die Kamera einfach aus dem Saal hinaus und begann über dämmernde Hausdächer zu schweifen, über eine stumpf aufblickende Kuppel, Türme, den fernen Hafen - eines der atmenden, lebendigen Zentren einer großen Zivilisation.Man konnte spüren, dass nur ein gewöhnlicher Wochentag seinen Anfang nahm, mit seiner Hektik, seinen tagtäglichen Sorgen und Mühen - doch dieser Werktag, dachte ich, wird von festlicher Musik beglänzt, von großen Geistern durchdrungen und belebt wie von der Wärme der gerade aufgehenden Sonne. + Was war Ihre erste persönliche Erfahrung mit Europa? Die Ausgrenzung.Wer die 40 Jahre zwischen 1949 und 1989 in der Isolation Westeuropas nicht miterlebt hat, der kann nicht wissen, wie süß das Leben ist. + Warum ist es gut, dass Ihr Land zur EU gehört? Zum ersten Mal gehört Ungarn organisch zu den westlichen Demokratien und hat die Chance, auch selbst eine Demokratie aufzubauen. Bei diesem Sachverhalt sind alle "Warums" nur Teilfragen. + Womit kann oder wird Europa die Welt noch überraschen? Europa könnte die Welt noch überraschen, wenn es eindeutig und unerschütterlich für die eigenen Werte eintreten würde. + Wo liegen für Sie Europas Grenzen? Wohin ich immer gehe, schleppe ich immer mein Stück Europa mit - infolgedessen ist der Begriff Europa für mich grenzenlos. + Wer sind in Ihren Augen Europas gefährlichste Feinde? In einem Aufsatz von 1993 (Der überflüssige Intellektuelle) habe ich einmal geschrieben: In unserer modernen - oder postmodernen - Welt verlaufen die Grenzen nicht so sehr zwischen Volksgruppen, Nationen, Konfessionen als vielmehr zwischen Weltanschauungen, Welthaltungen, zwischen Vernunft und Fanatismus, Toleranz und Hysterie, Kreativität und zerstörerischer Herrschsucht.Das antike Athen hat sich entschieden, sich der persischen Tyrannei und übermacht zu widersetzen, und aus dem Sieg bei Salamis entstand eigentlich, was wir heute europäische Kultur nennen - man sollte sich manchmal daran erinnern. + + Imre Kertesz wurde 1929 in Budapest geboren. 1944 als Jude deportiert, überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.Sein "Roman eines Schicksallosen", 1975 zuerst erschienen, ist eines der bedeutendsten erzählerischen Bücher über den Holocaust. 2002 erhielt Imre Kertesz den Nobelpreis für Literatur