Überwachung: Big Brother ist wirklich ein Brite
Das Mutterland der Demokratie verwandelt sich in den rabiatesten Überwachungsstaat der westlichen Welt. Die Regierung Blair ist stolz darauf.
Wer mit dem Zug in die nordostenglische Hafenstadt Middlesbrough fahren will, muss in Darlington in einen Triebwagen umsteigen – eine archaische Eisenbahn, wie man sie sonst nur noch in der Ostslowakei oder im tiefsten Rumänien findet. Die Unebenheiten der Gleise schlagen direkt auf die Wirbelsäule durch, die Scheiben sind atembeschlagen, das Abteil ist schwach von vergilbten Deckenlampen beleuchtet. Husten, Rotzhochziehen, Kindergeschrei. Arme-Leute-Land. Das Wirtschaftswunder der Ära Blair scheint diesen Landesteil nicht einmal gestreift zu haben.
Vorigen Sommer gab das Bürgermeisteramt von Middlesbrough unter der Schlagzeile Ein neuer Ton schallt durch unsere Straßen eine Presseverlautbarung heraus. Gleich beim Bahnhof kann man den neuen Ton hören. Auf einem hohen Mast sind eine Kamera und zwei Lautsprecher montiert. Nach kurzer Inaugenscheinnahme des Mastes tönt eine Stimme aus den Lautsprechern: »Guten Morgen. Sie werden von unserer CCTV-Anlage beobachtet.«
Die Beobachtungszentrale dieser und weiterer Anlagen liegt zwei Straßen weiter im Busbahnhof. Der Zugang, neben der öffentlichen Bedürfnisanstalt, führt durch eine doppelt gesicherte Tür. Jack Bonnar, Leiter des städtischen Überwachungssystems, erklärt strahlend: »Wir haben Sie auf Schritt und Tritt observiert!«
Jeder Beanstandung zuvorkommend, macht Bonnar sofort klar, dass die 158 von ihm betriebenen Kameras allein dem Schutz der Bürger dienten und auf deren Betreiben installiert worden seien. »Die Einwohner traten an die Stadtverwaltung heran und forderten ein CCTV-System.« In drei Jahren, sagt er, habe es nur drei Beschwerden gegeben, und die seien alle zurückgezogen worden, nachdem die Beschwerdeführer zu einem Gespräch in die Zentrale geladen wurden. »Nur die Kriminellen, die Gauner und Gangster sind dagegen. Wer sich nichts zuschulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten.«
Wie einst in Jeremy Benthams Panopticon. So nannte der englische Moralphilosoph vor über 200 Jahren seinen Entwurf eines Gefängnisses, in dem jeder Häftling von einem Wächter im Kontrollturm beobachtet werden kann. Der Wächter sieht nicht alle Häftlinge zur gleichen Zeit. Aber da sie nie wissen, ob sie gerade beobachtet werden oder nicht, verhalten sie sich so, als würden sie es. Das Ergebnis: Selbstdisziplinierung tritt an die Stelle physischer Kontrolle. Der französische Philosoph Michel Foucault sah das Panopticon als Symbol der Machtausübung im modernen Staat.
Foucault starb 1984, in dem Jahr, in dem George Orwell seinen 1949 erschienenen Roman über den großen Überwacher Big Brother angesiedelt hat. 1984 war auch das Jahr, in dem die Londoner Polizei erstmals 145 Kameras eines »integrierten Verkehrskontrollsystems« zur Beobachtung von Demonstrationen und Unruhen in die Zentrale am New Scotland Yard Broadway umschaltete. Es war das Jahr, in dem Margaret Thatcher alle Machtinstrumente des Staates einsetzte, um den Streik der Bergarbeiter zu brechen.
Es dauerte weitere sechzehn Jahre, bis der Überwachungsstaat im Mutterland der liberalen Demokratie zum Regierungsprinzip erhoben wurde. Im Jahre 2000 verabschiedete das Parlament den Regulation of Investigatory Powers Act (RIPA), der in Teil 2 offene und versteckte Überwachungsmethoden regelt. Seither ist das Leben im Panopticon britischer Alltag – und nicht etwa im Gefängnis, sondern draußen, überall. In Provinzstädten wie Edinburgh und Manchester wird jeder Bürger durchschnittlich an die hundertmal am Tag gefilmt, und 300 Kameras verfolgen jeden Londoner beim Einkauf und auf dem Weg zur Arbeit.
CCTV. Was klingt wie ein weiterer privater TV-Sender, ist das Kürzel für closed circuit television, eine durch ein geschlossenes Kabelnetz verbundene Videoanlage. CCTVs werden von der Polizei, von Behörden und Kommunen, von privaten Firmen und öffentlichen Diensten betrieben. Landesweit wird die Zahl der Kameras, die auf britische Bürger gerichtet sind, auf 4,2 Millionen geschätzt. Kein anderes Land der Welt kann da auch nur annähernd mithalten.
Die 1997 ins Amt gekommene New-Labour-Regierung etablierte zudem die größte und technologisch ausgefeilteste genetische Datenbank der Welt. Die Polizei darf von jeder festgenommenen Person auch bei Geringfügigkeiten DNA-Proben nehmen. Und wer einmal in der Datei ist, hat so gut wie keine Chance, je wieder daraus entfernt zu werden. Die Regierung rechtfertigt das damit, dass unter Verdacht Geratene, auch wenn sie diesmal unschuldig sind, »in Zukunft ein Verbrechen begehen könnten«. Mittlerweile enthält die Datei 1,5 Millionen Proben. Bis 2008 sollen 4,25 Millionen Briten genetisch erfasst sein, über sechs Prozent der Bevölkerung.
Dem Erfinder dieser Technologie, Sir Alec Jeffreys, wird heute angst und bange, wenn er sieht, wie damit umgegangen wird. Er fürchte, erklärte er der BBC, dass Kriminaltechniker die DNA nicht nur als Tatnachweis nutzten, sondern nach genetischen Informationen durchforsteten.
Wie ist das alles möglich – wie konnte die Heimatinsel liberaler Bürgerfreiheit innerhalb weniger Jahre zum rabiatesten Überwachungsterrain der westlichen Welt mutieren, zum größten Freilandversuch staatlichen Generalverdachts gegen die Bürger? Jetzt, da die Ära Blair endet, zeigt es sich, dass seine Regierungszeit die illiberalste in Großbritannien seit dem Weltkrieg war.
Tony Blair trat sein Amt als Premierminister mit dem populistischen Slogan »Robust gegen Verbrechen, robust gegen die Wurzeln von Verbrechen« an. Jetzt wird er bald abtreten. Sein Niedergang ist dem Irakkrieg geschuldet. Doch die dauerhafteste Hinterlassenschaft seiner Amtszeit, die Einführung des Überwachungsstaats, hat nur mittelbar mit dem Krieg zu tun. Die allgegenwärtigen Kameras werden zwar immer wieder auch mit der Terrorgefahr begründet. Doch die Bürger, die CCTV fordern, haben in erster Linie Angst vor Kriminalität. Der Rest der Bevölkerung nimmt die anonyme Kontrolle über sich selbst passiv und gleichgültig hin.
In einer Analyse der Bürgerrechtsgruppe Privacy International landete Großbritannien als ein Staat, in dem Verletzungen der Privatsphäre »endemischen« Charakter haben, neben Russland, China, Malaysia und Singapur in der Spitzengruppe von 37 Ländern. Deutschland und Kanada schützen der Studie zufolge die Privatsphäre am wirkungsvollsten. Organisationen wie Privacy International und Liberty finden in Blairs Britannien allerdings kaum Gehör.





Wenn auf McDonalds-Sackerl auf der Straße liegen lassen die Drohung mit Strafverfolgung (und gegebenfalls das in die Tat-Umsetzen) kommt, ist für mich die Grenze schon deutlich überschritten. Und es interessiert mich auch nur sekundär, wozu die Kameras heute verwendet werden. Sondern es wird ein System geschaffen, und die Frage ist wozu es noch eingesetzt werden kann, wenn sich der politische und gesellschaftliche Wind weiter dreht.
Wie passend, dass der internationale Name des staatlichen Chinesischen Fernsehens auch CCTV (China Central Television) ist.
Ist das nicht wieder ein Beispiel dafür, dass Menschen nicht im Stande sind mit heiklen und sensiblen Angelegenheiten verantwortungsbewußt umzugehen?
Wie lange wird es dauern bis man Handlanger braucht, die bereit sind stupide Arbeit zu übernehmen ohne moralisch gerüstet zu sein für so eine Aufgabe: da zeigen die Schergen des Staates ihre 'Best-of' Collection. Wie lange dauert es bis Menschen, die in ihrem Leben nichts kennen ausser dem kranken Wunsch allen die ANDERS sind eins auszuwischen: das ist ja wie im schlechten Horrorfilm: der Zukurzgekommene rächt sich durch seinen CCTV-Job an allen vermeintlichen Übeltätern.
Die Verbrechensvorbeugung in allen Ehren: wenn die Gerichte nicht mehr im Stande sind Angelegenheiten von öffentlichem Interesse von privaten Problemen Einzelner zu unterscheiden, um mal so mir nichts dir nichts mal einfach Grundrechte durch Verhaltensauflagen auszuhebeln, dann wird eine Gesellschaft nur noch von einem Trieb gesteuert: von Angst und perversem Kontrollwahn.
Funktionieren tut das doch nur weil alle bereit sind ihren Nachbar der ihnen aus dem realityTV her verdächtig vorkommt am liebsten hinter Gitter zu sperren: die Denunzianten halten das Rad am Rollen.
Warum geht das? Weil keiner mehr interesse hat sich auf anderes einzulassen, zurückzustellen und an den Mitmenschen mitzudenken. Jeder rafft seins, stört mich der andere indem er mich zum Beispiel auf meine schlechten Taten hin anspricht, dann muß er weg! Zeigt er mir mit meinem Verhalten die Brüche meines Lebens auf - weg mit ihm!
Das war schon bei Jesus und Sokrates nichts anderes, doch da mussten sich die Leute wenigstens noch mit wirklichen Menschen auseinadersetzen und dem Mißliebigen ins Auge schauen, heute braucht der sadistische Brite seinen Nachbarn bald nur noch den Nachbarn im Internet 'potentialy suspicious' zu deklarieren und schon fähr eine Streife vor die sein Haus in die Luft sprengt.
Soll das ein Witz sein? 6 Seiten Leitartikel? Ich lebe in Grossbritannien und bin sicher kein Fan von CCTV ... aber DAS hier ist ein Scherz. Die sogenannte Provinzstadt Manchester ist eine der wichtigsten Staedte Englands, Edinburgh die Hauptstadt (!) Schottlands. Auch soll gesagt sein, dass die Polizei in Glasgow (noch so eine Provinzstadt) keine Schusswaffen traegt - um Provokation von Gegengewalt zu vermeiden. CCTV ist sicher kein Segen, aber mit Orwell hat GB so viel zu tun wie dieser Artikel mit der Zeit. So was erwarte ich in der taz. Deshalb les ich sie nicht.
Man darf nicht nur das Schechte in mehr Videoüberwachung sehen. Besteht Freiheit darin, Müll auf die Straße werfen zu dürfen? Was ist mit den anderen Menschen? Wie fühlen die sich? Klar, manche fühlen sich im Dreck wohl, aber die meisten sehen neben der Umweltverschmutzung auch die Verachtung der Mitmenschen durch solches Verhalten.
Natürlich wäre es klasse, wenn es ohne ginge. Aber einige Menschen sind nicht so. Und viele sind gerne durch Kameras ein bisschen besser vor Gewaltkriminalität geschützt. Nicht jeder kann sich den Luxus erlauben, den Verlust an Privatsphäre zu beklagen. Diese Sorgen hätte sicher so mancher gerne.
Dann bitte folgendes:
CCTV
- ins Schlafzimmer
- am Arbeitsplatz
- auf den Klo
- ins Kanzleramt
- in die Vorstandsetagen
- in die Redaktion der Zeit
- in die Räumlichkeiten der Freimaurer
- etc.
'Dreck' und 'Müll' werden zum Großteil nicht auf der Straße, sondern wohl eher in geheimen Kämmerchen bei gewissen 'Entscheidungsträgern' produziert!
Auch in D wird man mit Terrorpanik die Totalüberwachung fördern.
Es ist schon merkwürdig, erst lässt man alle Zustände verlottern, um dann den Bürgern zu erzählen, mit CCTV schützte man sie vor sich selber. Ich glaube eher, ein paar obere Herren, wollen sich in Zukunft geschützt sehen, wenn die Bevölkerung zu begreifen beginnt, welche Spielchen mit der Ökonomie, Krieg, Hunger etc. getrieben werden. Deswegen versucht man schon einmal die Menschen wie Affen auf Gehorsam zu dressieren...
Die einzige Lösung für die Gesellschaft heißt Anstand, Aufrichtigkeit und Mitmenschlichkeit. Von oben kann dies als Vorbild scheinbar nicht kommen, deshalb setzt man auf CCTV.
Es sollte uns eine Lehre sein, es nicht so weit kommen zu lassen. Abschreckende Beispiele sind wichtig - und die Menschen in GB tun mir leid. Aber kann es sein, das sich dort wirklich keiner wehrt ? Kein Unmut bei der Bevölkerung ? Abgestumpft ?
Oder sind wir hier nur irgendwelche Paranoiker und das ist die wirklich 'Heile Welt' und wir wehren uns nur dagegen ?
Ich hoffe nicht !
ALOA
Cameras zur Ueberwachung oeffentlicher Plaetze und Gebaeude sind doch nur ein Zeichen dass unsere Gesellschaft sich immer mehr radikalisiert.Kinder werden nicht mehr erzogen sondern sie wachsen irgend wie auf nicht unbedingt zum Vorteil fuer sich oder der Umgebung,Niemand will Ruecksich auf die Mitmenschen nehmen >Freiheit wird verwechselt mit Ungehoerigkeiten und Randale.Auf der einen Seite verlangen die Buerger dass sie sich sicher fuehlen koennen waehrend auf der anderen Seite einfach nicht genug Geld da ist um das noetige Personal zu bezahlen um diese Sicherheit zu gewaehren.Wenn Leute sich wieder ruecksichtsvoller benehmen werden auch die Kameras verschwinden.
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