An einem Wochenende im Spätsommer beginnt der große Einzug in die Geschichte. Fast fünf Millionen Menschen machen sich auf, besuchen eine alte Scheune, das Wasserwerk, einen Kriegsbunker oder sonst ein historisches Haus in der Nachbarschaft. Sie staunen, fragen, stehen verwundert vor den Dingen, die herüberschauen aus ferner Zeit. Immer dann, an den alljährlichen Tagen des offenen Denkmals, ist Deutschland ein Land der Hüter und Bewahrer. Und Denkmalschutz die größte Kulturbewegung der Republik. Wie Deutschland sein kulturelles Erbe verspielt. Weitere Bilder sehen Sie hier » BILD

Auch in den Meinungsumfragen lieben die Deutschen ihre gebaute Geschichte. 88 Prozent fordern, so hat es Allensbach herausgefunden, unbedingt müssten alle historischen Gebäude bei einer Stadtsanierung erhalten bleiben. Und jeder zweite Befragte würde für eine Wohnung in einem Altbau mehr Miete zahlen als für ein Neubauappartement. Geschichtsfroh, vergangenheitsselig, so hat die Republik es gern. Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist der Krieg.

Man muss es so nennen, denn ohne Unterlass wird gesprengt, zertrümmert, geschlagen. Es sterben keine Menschen, es werden nur alte Häuser ausgehöhlt und abgeräumt. Und doch ist es eine Schlacht. Seit 1945 sind weit mehr Baudenkmale gefallen als im Bombenkrieg.

Gleich nach der ersten Vernichtungswelle aus der Luft begann in der Bundesrepublik die zweite. Sie nannte sich Wiederaufbau, war aber eigentlich ein Abbau und tilgte vieles, was sich nicht fügen wollte ins Konzept der autogerechten Stadt. Jetzt, so scheint es, rollt die dritte Abrisswelle, und diesmal ist es der flexibilisierte Mensch mit seiner flexibilisierten Weltsicht, der die Zerstörung vorantreibt. Offenbar gilt im SMS-DSL-Wireless-Zeitalter ein eigenwilliges Denkmal nur mehr als Ballast. Ab damit auf die Deponie.

Die Opferzahlen sind gewaltig: Bayern meldet 30000. 30000 Gebäude in nur drei Jahrzehnten, unter Denkmalschutz gestellt und dennoch ausgelöscht. Der Generalkonservator des Freistaats, Egon Johannes Greipl, erschrickt selbst über die Zahlen. Er hat eine Inventur angeordnet, jedes Haus, jedes Ensemble wird überprüft. Noch ist die Revision nicht abgeschlossen, doch schon jetzt lassen sich die Ausmaße des Trümmerbergs erkennen. Jedes vierte Denkmal wurde abgerissen oder aber so sehr entstellt, dass von seinem geschichtlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder städtebaulichen Denkmalwert kaum noch etwas übrig ist.

»Wie viel da zerstört wurde in den letzten 30 Jahren, merken wir erst jetzt«, sagt Greipl. Etliches ging verloren, ohne dass irgendeine Behörde davon etwas mitbekam. Denn laut bayerischem Baurecht braucht es für einen gewöhnlichen Abriss keine Genehmigung, und so verschwand hinterrücks und rechtswidrig auch manches Denkmal. Manchmal setzt sich aber auch einfach ein Landrat über die Denkmalschützer hinweg und beschließt den Abbruch, so wie gerade in Berchtesgaden, wo das berühmte Hotel Geiger aus dem Jahr 1866 einem Viersterneneubau weichen soll. Auf diese oder ähnliche Weise wurden Jahr für Jahr fast 1000 historische Bauwerke seit der letzten Revision 1973 vernichtet – und das im reichen Bayern, das so viel gibt auf Tradition und Bildung.

In anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus: Niedersachsen hat seit 1993 rund 20000 Bauwerke von der Denkmalliste gestrichen, Sachsen-Anhalt sogar 50000. Manche Gebäude haben die Denkmalschützer einfach aussortiert, weil sich ihre Kriterien gewandelt haben. Andere Bauten gelten nicht mehr als Denkmal, weil ihr Inneres umgewandelt wurde. Doch wie man auch rechnet: Die Verluste sind gigantisch. In den letzten 30 Jahren seien rund 300000 Denkmale in Deutschland zerstört worden, schätzt Uta Hassler, Professorin für Denkmalpflege und Bauforschung in Zürich. Ein Land verliert sein Gedächtnis.