Denkmalschutz Ein Land auf AbrissSeite 5/5

Manchmal sind die Bürger sogar kämpferischer als die Denkmalpfleger, von denen viele lieber Glaubenskriege um Fensterbeschläge und Dachrinnen führen, statt manchmal auch lauthals Kritik an ihren Dienstherren zu üben. In Lübeck haben Anfang der Neunziger einige Denkmalschützer ihre Stelle gekündigt, weil sie nicht mit ansehen mochten, wie die Stadt sich an ein Kaufhaus verriet. Wohin hat sich dieser Widerspruchsgeist verzogen?

Zumindest der Bund hat noch einiges übrig für die Denkmalpflege, die Kosten für Sanierung sind steuerlich absetzbar. Doch warum kann nicht auch die Mehrwertsteuer, so wie in anderen Kulturbereichen üblich, für alle Handwerksarbeiten reduziert werden? Weshalb wurde das Programm Dach&Fach ersatzlos gestrichen, obwohl es dringend gebraucht wird, um zumindest die schlimmsten Schäden abzuwenden, auch im Westen übrigens, wo sich ebenfalls vieles als schwer sanierungsbedürftig erweist? Zwar spenden die Bürger mehr denn je für den Erhalt alter Häuser, zum Beispiel für die Stiftung Denkmalschutz, doch kann sie nur einem von sieben Hilfsanträgen nachkommen, früher war es einer von zwei. Ganz ohne Staat geht es nicht – das zeigen auch die Erfahrungen aus dem Ausland.

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Zwar sind es heute mehr denn je einzelne Bürger, die ein Denkmal retten, pflegen, beleben. Doch niemals kann der Einzelne allein entscheiden, was bleibt und was nicht. Denn im Denkmal ist mehr aufgehoben als nur private Erinnerung. Es steht für das, was alle verbindet, miteinander und mit der Vergangenheit. Und das ist das Schöne und das Anstrengende am Denkmalschutz: dass er nicht von der Idee lassen mag, ein Land könne gemeinsame Erinnerungen, gemeinsame Werte teilen. In der Wireless-Gesellschaft, die in Kleinstgruppen zerfällt und in virtuelle Welten flüchtet, mag das eine unzeitgemäße Utopie sein. Doch in Zeiten der völligen Mobilmachung, des fiebrigen Wachstumsglaubens, ist es eine Utopie mit Sprengkraft.

Im Osten weiß man das, dort erstarkte der politische Widerstand überall dort, wo die DDR-Regierung ganze Altstadtquartiere zerstören wollte. Am Ende fielen nicht die Denkmale, es fiel die Mauer. Und damit ein ganzes System.

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Leser-Kommentare
  1. In Chemnitz werden derzeit ganz massiv in der Innenstadt denkmalgeschütze Häuser und ganze Straßenzüge abgebrochen. Die Plattenbaugebiete am Stadtrand werden geschont. Cemnitz verliert mit jedem abgebrochenen Haus in der Innenstadt ein Stück Identität, Hoffnung und Zukunftsfähigkeit.
    Lücken und grüne Wiesen können kein Ersatz für städtische Urbanität sein. Die Städte in den NBLschrumpfen nicht, sondern zerfallen in zusammenhanglose Fragmente.
    Schuld daran ist eine verfehlte Förderpolitik des Programms 'Stadtumbau Ost' welches den Abriss dieser Quartiere, auch in Innenstädten fördert. Die kommunalen Wohnungsunternehmen, die große Wohnungsbestände in den Innenstadtlagen besitzen - Vermögenszuordnung nach der Wende - haben diese Häuser verfallen lassen und kassieren nun dafür Abrissprämien. Dazu kommt für jedes abgerissene alte Haus noch eine Altschuldenentlastung. Das sind Schulden aus den Plattenbauprogrammen der DDR, die auch auf die alten Häuser 'umgelegt' wurden.
    Solche fehlgeleiteten 'Förderprogramme sind Schuld daran, dass Schrumpfung von außen nach innen nicht funktioniert.
    Die Plattenbauten am Rande der Stadt erstrahlen in neuem Glanz und in den Innenstädten wird historische Bausubstanz abgerissen. Es ist eine kulturelle Schande was jetzt beispielsweise in Chemnitz, aber auch in Leipzig passiert.
    Die Folge ist nicht nur der Identitätsverlust dieser Städte, sondern auch unbezahlbare Infrastrukturkosten, da die Netze weiter wachsen und die Belastungen pro Kopf immer größer werden. Die Fehlsteuerung muss ein Ende haben!

    Th. Ungethüm
    Haus & Grund Sachsen

  2. Im Zuge meiner Tätigkeit werde ich immer wieder mit dem Thema konfrontiert, in erster Linie bei Objekten, die eher unscheinbar sind und in denen weder berühmte Persönlichkeiten gelebt, übernachtet oder etwas ausgeheckt haben und um die herum auch nichts Weltbewegendes geschehen ist.
    Man steht in einer kleinen Stadt vor dem Dilema, daß einerseits eine diffuse Verzahnung mit der Vergangenheit ( in dem Ort im Osten Deutschlands , von dem ich hier spreche, reicht die Vergangenheit bis 1930, bis 1990 findet dann keine mehr statt),der 'Geschichte', gesucht wird, andereseits aber der Wunsch nach 'modernem Wohnen', sauberer Umgebung etc mehr eine Modelleisenbahnumgebung intendiert und weniger eine funktionierende Stadt.
    Dem kommt unser statisch Denkmalbegriff sehr entgegen.
    Oft ist es nicht das Gebäude, sondern das Ensemble, das materialisierte Sozial-und Wirtschaftsgefüge einer vergangenen besseren Gesellschaft, mit dem die Identifikation
    gesucht wird. Das Objekt wird nur zum Platzhalter diffuser Wünsche.
    In vergangenen Wirtschaftsystemen hatte man ein sehr pragmatisches Verhältnis zu Althergebrachtem.
    In einer Zeit, in der Material teuer und rar, Arbeitskraft dagegen billig und reichlich vorhanden war, wurden 'historische' Strukturen meist deswegen gepflegt und erhalten, weil ihre Substanz einen Nutzwert darstellte und durch Überformungen an die kulturellen Bedürfnisse und wirtschaftlichen Notwendigkeiten angepasst werden konnte. Es fehlten die Mittel und oft auch die technischen Fähigkeiten zur totalen Beseitigung, obwohl der prinzipielle Wunsch sicher vorhanden war.
    Stadtbrände waren dabei immer wieder hilfreich.
    Aber auch dann wurden verwendbare Teile wieder eingebaut und vorhandene Gründungen erneut genutzt.
    Die heutige Situation hat sich ab Mitte des 19.Jh. entwickelt.
    Nun standen Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung, die totale Beseitigung zur
    Nutzungs-oder Geschmacksoptimierung durchzuführen.
    Was damals vorwiegend aus wirtschftlichen Erwägungen geschah und für unsere heutige Sehweise sogar 'denkmalwerte' Gebäude hervorgebracht hat, geschieht Heute noch viel rigoroser und zieht sich in die kleinsten Ortschaften hinein.
    Dabei helfen Baurecht, Ansprüche an diverse Primärtugenden, wie z.B. Gepflegtheit etc, und fehlende Verwurzelung mit dem Ort intensiv mit.
    Insbesondere hier im östlichen Brandenburg ist es nicht eine tragendes Bürgertum, das die historische Kontinuität des eigenen Schaffens dokumentieren will, sondern eine Geschichtsverliebtheit, die den Mangel an eigener Tradition überdecken möchte.
    Bei meinen Objekten habe ich die historische Substanz immer als Wert betrachtet.
    Einmal in ökonomischen Sinn als real nutzbare Mauern, Balken etc,
    dazu aber auch als wertsteigerndes Element, d.h. das Objekt erhält eine Identität durch die Spuren seiner Entwicklung durch die Zeit und im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ortes bis zur Gegenwart.
    Diese Identität stiftet auch Identifikation bei den Bewohnern.
    An der richtigen Stelle mit einer entsprechenden, eher gebildeteren Bevölkerung wirkt sich die auch auf die wirtschaftliche Verwertung sehr positiv aus.
    Bei gewerblichen objekten ist der Effekt ähnlich, die Anziehungskraft wird erhöht, es entsteht eine Unverwechselbarkeit jenseits technischer Eskapaden.
    Wesentlich dabei ist aber der pragmatische Sinn bei der Herangehensweise.
    Die Anbetung einzelner Dielenbretter oder Balken an orginaler Stelle tritt zurück gegenüber der Betrachtung des Objektes im Rahmen eines Transformationsprozesses.

  3. Ich möchte anmerken, dass alle denkmalgeschützten Gebäude auch einmal Neubauten waren, für die häufig alte Bauten weichen mussten.

    Ich bin dafür, herausragende alte Bauten oder auch Straßenzüge zu erhalten, aber man darf es nicht zu weit treiben. Ein abschreckendes Beispiel gab es in meiner Heimatstadt. Dort wollte ein Investor ein altes leerstehendes Palais am Marktplatz zu einer Ladengalerie umbauen. Das ganze scheiterte letztlich daran, dass der Investor verständlicherweise eine Tür zum Marktplatz haben wollte, nun hatte der Baumeister aus dem 18.Jhd es leider versäumt, einen direkten Zugang zum Marktplatz zu konstruieren, und so durfte laut Stadtratsbeschluss auch im ausgehenden 20.Jhd dort keine Tür hin. Kein Investor, keine Ladengalerie, das Palais durfte weiter vor sich hinrotten.

  4. Ich möchte anmerken, dass alle denkmalgeschützten Gebäude auch einmal Neubauten waren, für die häufig alte Bauten weichen mussten.

    Ich bin dafür, herausragende alte Bauten oder auch Straßenzüge zu erhalten, aber man darf es nicht zu weit treiben. Ein abschreckendes Beispiel gab es in meiner Heimatstadt. Dort wollte ein Investor ein altes leerstehendes Palais am Marktplatz zu einer Ladengalerie umbauen. Das ganze scheiterte letztlich daran, dass der Investor verständlicherweise eine Tür zum Marktplatz haben wollte, nun hatte der Baumeister aus dem 18.Jhd es leider versäumt, einen direkten Zugang zum Marktplatz zu konstruieren, und so durfte laut Stadtratsbeschluss auch im ausgehenden 20.Jhd dort keine Tür hin. Kein Investor, keine Ladengalerie, das Palais durfte weiter vor sich hinrotten.

  5. Mitten im historischen Stadtkern wurde ein altes Gebäude neben zwei denkmalgeschützten Häusern abgerissen; die Altstadtt wird durch einen für diesen historischen Kern riesiges Haus zugebaut.

    Das Denkmalschutzamt in Mainz hielt sich bedeckt (antwortete weder auf mail noch auf Einschreiben). Die Stadt konstatierte:...die Neubebauung 'liegt noch in den erlaubten Grenzen'....
    Der Bauhherr, eine lokal ansässiger Großunternehmer, wollte laut seinem Architekten eine 'Optimierung der Grundstücksnutzung'...

    Man glaubt es kaum, selbst in einer vom Tourismus abhängigen Stadt wird so mit historischem Altstadtgut umgegangen.

    Es wird einem speiübel.

    • Colon
    • 14.01.2007 um 2:27 Uhr

    Ungefähr alle 10 Jahre beachtet die mediale Öffentlichkeit Denkmalschutz und Denkmalpflege stärker. Dann wird der Katzenjammer lauter und die nationale Identität steht wieder einmal in Frage. Herrn Rauterbergs Feststellungen sind leider allesamt leicht durch harte Fakten belegbar. Ein grösseres Umdenken findet trotzdem nicht statt. Geld und private Interessen gehen grundsätzlich im Range vor, weil diese beiden Pfeiler unserer Gesellschaft angeblich erst die Basis schaffen, einige alte Schmuckstücke zu erhalten.

    Was bei solcher Denke herauskam und immer wieder
    herauskommt, das zeigt sich z.B. exemplarisch an der Umbauung des Eisenturms zu Mainz, mit Einkaufzentrum, neuer Rathausplatte und vierspuriger Durchfahrt davor, darüber und drumherum. Verloren steht ein Stadtturm inmitten teuer verkleideten Betons und umgeben von der sprichwörtlichen Verbundpflasterwüste.

    Eher wendet sich eine vergangenheitsseelige Bürgerschaft fragwürdigen neugebauten Nachempfindungen im großen Stile (z.B. 'neue Altstadt' Frankfurt), symbolträchtigen
    Komplettruinen (Frauenkirche in Dresden) oder gar
    verschwundenen Stadtschlössern (Berlin) zu, als den Schutz des 'unscheinbaren' Denkmals, heruntergekommen gilt ja als 'schmutzig', wesentlich voran zu treiben.

    Dazu kommt bei vielen Bürgern eine Haltung, die
    'Matemagicos' Beitrag geradezu idealtypisch wiederspiegelt. Kreative, produktive und notwendige Zerstörung des Alten, daher müsse 'man auch einmal etwas wegwerfen'. - Allerdings kündet diese Meinung auch von aussergewöhnlicher Unkenntnis über das Ausmaß und die Qualität der Vernichtung alter Bausubstanz, ja von Unkenntnis bezüglich des Zahlenverhältnisses alter zu neuen Bauten überhaupt.

    Seit 1945 folgten wir, weitestgehend unbewusst, 'Matemagicos' Rat und bauten etwa so viel neu, wie in der ganzen geschichtlichen Zeit davor. Ein Vergleich möge dies illustrieren: Gingen wir privat so vor, müssten wir alle 3-5 Jahre unsere derzeitige Wohnsituation von Grund auf neu bauen, samt der Inneneinrichtung.

    Kein individueller Mensch kann das, will er seelisch gesund bleiben, tun. Mit der nun wieder besser laufenden Bauwirtschaft halten wir es aber gemeinschaftlich gerade so.

    Trotzdem, Herr Rauterberg, weiter so, und wären es
    auch wiederum nur Windmühlen die entgegen stehen.

  6. 7. ...

    der Autor giftet gegen alles Neue, was leider die ganze Argumentation disqualifiziert ...

    dann werden Bürger der DDR benutzt wíe es gebraucht wird - erst wohnen sie lieber im Plattenbau (eine soziale Errungenschaft, die die nicht vergessen inkl. moderner Einrichtungen), andere Hintergründe fallen gleich ganz unter den Tisch, --- dann werden dieselben Bürger gefeiert i Z des Mauerfalls

    der Artikel ist dumm, undifferenziert und einseitig - wie der Algorithmus der Zeitung, der hier auf das ZVAB werbend verweist - die gegenseitige Referenz läuft durch die Art und Weise ins Leere, zu Schaden des ZVAB ... das nämlich de facto wertfrei ist ...

    ... der Artikel verdient im Prinzip keinen Kommentar ...

    in San Francisco wurde die Kulthippiemeile in ein Yuppieviertel verwandelt inkl Erhalt der Bauten ... als würden Bauten die Zeit aufhalten ...

    ... jede Zeit entwickelt ihr passendes Vokabular ... auch im Bauen ... Bauherren können nicht das Leben anderer Generationen und für Generationen bestimmen wollen ...

    ja noch mehr, warum soll der kleine neue gut in der Hand liegende Kugelschreiber nicht das Haus beeinflussen, in dem er u a benutzt wird ...

    wer nicht los lassen kann, verliert, was er nicht los lassen kann - altes chinesisches Sprichwort ...

  7. 8.

    bevor man über etwas schreibt, sollte man sich doch zunächst mit einem thema auseinandersetzen. da kann man dem autor zunächst die grundlagenliteratur empfehlen: rossi, die architektur der stadt, Koolhaas, Generic CIty....vielleicht als anregung noch Beijing Preservation, nur um die geschichte der erhaltung vor augen zu behalten.

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