Entwicklungshilfe Wofür das Ganze?Seite 4/4

Die schwerwiegendste Folge fortgesetzter Zuwendungen aber ist, dass sie die Eigeninitiative lähmen, das gilt für die Mächtigen und die Ohnmächtigen gleichermaßen. Alle erwarten, dass ihre Probleme von externen Akteuren gelöst werden, dass die milden Gaben auf sie herabregnen. »Ich brauche fünf Lastwagen, eine Schubraupe und ein paar Tonnen Zement«, erklärte vor Jahren ein Bürgermeister in Mosambik und überreichte dem ZEIT - Reporter eine Bestellliste. Diese Bettlermentalität ist eine Folge des Samaritertums, sie wird allgemein gepflegt, vom Straßenkind bis hinauf zum Staatspräsidenten, und paradoxerweise verstärken erfolgreiche Maßnahmen diese Haltung. Eine typische Geschichte erzählt ein Pater in Mathare, einem Slum von Nairobi. Nachdem seine kirchliche Hilfsorganisation endlich eine Trinkwasserleitung mit öffentlichen Zapfhähnen verlegt hatte, beschwerte sich ein alter Mann bei ihm: »Wer bezahlt eigentlich mich, wenn ich den vollen Wassereimer zu meiner Hütte schleppe?«

Und trotz alledem jetzt also der Millenniumsplan von Jeffrey Sachs, eine Schocktherapie, angetrieben von den alten paternalistischen Weltrettungsfantasien. Auch Sachs, der mächtigste Entwicklungsingenieur unserer Zeit, betrachtet die Welt mit jenem ethnozentrischen Blick, der den Wohlstand des Westens zum Vorbild hat, der Armut mit Elend verwechselt und der nicht wahrhaben will, dass es sich auch in bescheidenen Verhältnissen menschenwürdig leben lässt. Er drückt sich um die Frage, ob die ressourcenfressenden und umweltvernichtenden Produktions- und Konsummuster des Nordens überhaupt noch zukunftsfähig sind. So wiederholt der Millenniumsplan Konstruktionsfehler aller Hilfsprogramme. Er verordnet externe Rezepte und ignoriert die realen Macht- und Besitzverhältnisse in den Empfängerländern. Die räuberischen Machteliten dort dürfen sich derweil auf doppelt so viel Hilfe freuen.

Entwicklungshilfe ist nicht nur eine moralische Selbstverpflichtung

Geht es nicht anders? Einen Masterplan, der überall menschenwürdige Verhältnisse herstellt, gibt es nicht. Aber es wird Zeit, Entwicklungshilfe nicht nur als moralische Selbstverpflichtung zu begreifen, sondern als globale Strukturpolitik. Die obszöne Ungleichheit gebiert Krieg und Terrorismus, verstärkt Flüchtlingsströme, zerstört die Lebensgrundlagen, und nur eine gerechtere Welt ist eine sichere Welt. Immerhin messen die Machtzentren des Nordens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Entwicklungsfragen eine sicherheitspolitische Relevanz bei. Zugleich spüren sie die Verschiebungen in der Hilfslandschaft: Ihre Interventionsmacht schwindet, weil neue, selbstbewusste Geber wie China, Indien oder Brasilien auftreten.

Jenseits der maximalen Wünschbarkeiten wäre schon viel erreicht, wenn die 107 Industrie- und Entwicklungsländer, die 2005 die sogenannte Paris Declaration on Aid Effectiveness beschlossen haben, die dort formulierten und gar nicht neuen Erkenntnisse konsequent umsetzen würden. Es geht darum, die überkommenen Institutionen, Instrumente und Methoden der Entwicklungszusammenarbeit radikal zu reformieren. Das wäre die primäre Aufgabe – und erst wenn sie gelöst ist, kann auch die Hilfe verstärkt werden.

Außerdem: Eine echte Wende beginnt bei uns im Norden – bei unserer kriminellen Wirtschafts- und Handelspolitik, bei unserer Almosenindustrie, bei der Geldvernichtungsmaschine der Vereinten Nationen. Alle Mühe wäre allerdings vergeblich, wenn die Eliten des Südens die Einsicht verweigerten, dass zuallererst sie selbst für das Wohl ihrer Nationen verantwortlich sind. Man muss den Druck auf die Mächtigen dort gewaltig erhöhen. Denn sie sind keine Opfer, sondern Mittäter, und sie sind nicht arm. Allein Afrikas Millionäre hocken auf rund 700 Milliarden Dollar, und noch einmal 400 Milliarden befinden sich in afrikanischen Privathänden außerhalb des Kontinents.

Trotz aller Kritik aber ist zu bedenken, dass die gesamten Transferleistungen des Nordens in einem halben Jahrhundert – jene Summe, die manche auf rund eine Billion Dollar schätzen – gerade einmal so hoch sind wie die globalen Rüstungsausgaben pro Jahr . Im Weltmaßstab geht es also um Peanuts. Und man sollte nicht vergessen, dass es Abertausende von engagierten Helfern und nützlichen Projekten gibt, ohne die es in mancher Krisenregion noch düsterer aussähe. Man könnte von ihnen ebenso lernen wie von der Kreativität der Armut, vom Unternehmergeist der informellen Ökonomie in den Slums zum Beispiel. Man könnte das bewährte System der Kleinkredite ausweiten oder für abgeworbene Spitzenkräfte des Südens wie bei Fußballern eine Transfergebühr einführen. Man könnte, wenn man nur wollte. Wenn man so viel schöpferische Energie aufwenden würde wie etwa bei der Erfindung von Haarwuchsmitteln oder Marssonden.

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Leser-Kommentare
    • hknuth
    • 15.01.2007 um 18:36 Uhr

    Den Menschen, die die beabsichtigten Empfaenger der sogenannten 'Entwicklungshilfe', die nur Mittel zur Verfuegung stellt, aber nicht wirklich etwas tut, sind, rauben wir eigentlich nur die Perspektive. Waehrend die Haelfte des Geldes auch noch versickert, ist die andere Haelfte alles andere als ein Ansporn fuer die aermsten dieser Welt. Wenn wir eines gelernt haben sollten, dann, dass Bildung der eigentliche Schluessel zum Wohlstand ist. Natuerlich muessen auch die Rahmenbedingungen veraendert werden. Die EU muss aufhoeren durch Subventionen den Agrarmarkt in Afrika kaputt zu machen. Selbst die Altkleiderlieferungen fuehren nur dazu, dass der Markt fuer Textilien in Afrika stark geschwaecht wird. Die Grenzen muessen offener werden, da die Einmauerung Europas nur den Zorn in anderen Staaten schuert. Der Neid ist nur vorhanden, wenn man wirklich nicht hier hin kann. Die meisten Menschen, die vor die Wahl gestellt werden, ob sie ihre Heimat dann tatsaechlich verlassen sollen, wenn sie es koennen, bleiben doch bei ihren Lieben. Unsere Gesellschaft kann ein vielfaches an kurzzeitigen Zuwanderern verkraften, die hier arbeiten und lernen. Besonders sollten Menschen gehohlt werden, die hier know-how in Ausbildung und Studium sammeln, Handwerker, Ingineure, Landwirte, Lehrer, die dann das Wissen in ihr Land tragen. Vor Ort sollten Schulprojekte und Kleinkredite den hoechsten Stellenwert in der Entwicklungshilfepolitik haben. Sie bilden die Grundlage fuer kuenftige Eigenstaendigkeit.

  1. Wie sollte das denn auch gehen nach 400 Jahren brutalster Kolonialherrschaft, der Ausbeutung, Versklavung und der Millionen Opfer, die der Bevoelkerung das Rueckgrat brach und jede Art von Eigeninitiative nahm. Zurueck blieben korrupte Regierungen, die die Kolonialherren an Grausamkeit noch uebertrafen. Beispiel:
    Ecuatorial Guinea, wo Teodore Obiang die Einkuenfte aus den Oelverkaeufen auf
    die Privatkonten seiner Familie fliessen laesst und die Bevoelkerung in Mega-Slums dahindaemmert. Den Oelfirmen ist's egal. Auf der anderen Seite ist es auch den USA und den Europaern egal, dass die Baumwolle aus Mali, qualitaetsmaessig eine der besten, gegen die hoch subventionierte US-Baumwolle keine Chance auf den Weltmaerkten hat.

    Das kann man in 50 Jahren durch das Bohren von ein paar Brunnen, durch das Verlegen einiger Rohre oder des Aufstellens einer kleinen Druckmaschine nicht wieder gutmachen, wenn's denn ueberhaupt noch gut zu machen geht. Da hilft es auch nichts, talentierte Afrikaner in Europa studieren zu lassen, in der Hoffnung, dass sie zurueckgehen. Das tun sie naemlich nicht, sondern lassen ihre Familien nachkommen, weil sie in ihren Heimtlaendern keinerlei Sicherheit fuer ihre Existenz beim naechsten Regierungwechsel haben.

    Die Europaer sollten sich darauf einstellen, dass im Raum Nordwestafrika- Golf von Guinea ein Potenzial von ca. 200 Millionen auf gepackten Koffern sitzt und auf eine Moeglichkeit wartet, nach Europa zu kommen.

  2. Mit Geld-Almosen ist's nicht getan. Der Geber fühlt sich zwar wohler, weil er etwas 'getan' hat, aber dem Empfänger ist damit noch nicht geholfen.
    Gibt man jemandem Lebensmittel, so verspeist er sie und ist dann gleich wieder hungrig. Gibt man ihm aber einen Pflug, so kann er selbst Lebensmittel erzeugen.

    Es ist also notwenig, sich zuerst mit den Sorgen und Nöten des Entwicklungslands vertraut zu machen, um sicher zu gehen, dass die Entwicklungshilfe wirklich der Entwicklung hilft und nicht irgendwo versickert.

  3. Entfernt. Die Redaktion/sh

  4. Weltweit entfesselter Kapitalismus???????? Markt?????

    Rundum Oligarchien! Nix Kapitalismus! Oligarchien, Protektionismus, Korruption, Ecobürokratien!

    Venezuela, Iran, USA, EU, China, Indien, Afrika? Wo gibts denn da einen freien Markt? NIRGENDWO!

    • plural
    • 15.01.2007 um 21:44 Uhr

    Ersteimal ein Lob an den Autoren des Artikels. Er stellt die Eindrücke, die man von der Entwicklungshilfe über Jahre erworben hat in klaren Sätzen dar.
    Wahrscheinlich sollten sich die Geberländer besser entwickeln um die Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf sie (uns) zukommen besser bewältigen zu können. Wird der Wohlstand bei uns sinnvoll eingesetzt so werden alle profitieren. Vermindern die vermeintlich entwickelten Länder ihre positive Leistungsfähigkeit so hat keiner was davon. Vermutlich ist Entwicklungshilfe nur was für Entwicklungshelfer, die sich dann auch sehr gut bei ihrer Tätigkeit entwickeln können.
    Ich denke die Menschen in den Exkolonien sollte man irgendwann mal einfach in Ruhe lassen.

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