Vor drei Jahren stand hier an dieser Stelle leichtsinnigerweise (in einer Polemik gegen das Unwort »erneut« zugunsten des guten alten »abermals«) der folgende Appell: »Auch Wörter sind Mitgeschöpfe. Zur Rettung des Wiesenschaumkrauts wird viel Nächstenliebe aufgeboten. Was ist mit schutzbedürftigen Wörtern? Bewahrt die denn niemand?«

Das war nicht halb so ernst gemeint, wie es offenbar genommen wurde. Mea culpa! Binnen Jahresfrist erschien Bodo Mrozeks Lexikon der bedrohten Wörter. Eine Tausende Seelen umfassende Schutztruppe hat sich daraufhin online formiert, um den Autor auf weitere am Wegrain der Geschichte verendende Wörter hinzuweisen, woraus der jetzt den zweiten Band seines Lexikons verfasste. Offenbar hat der Teil unseres Volkes, dessen Kräfte noch nicht im Naturschutz, im Wiederaufbau des Berliner respektive Potsdamer Schlosses, in der Frage des Reinheitsgebots des deutschen Bieres oder der Erhaltung des doppelten Genitivs gebunden sind, sich ganz der Rettung vom Aussterben bedrohter Wörter verschrieben.

Irgendjemand muss jetzt die Rolle des Advocatus Diaboli übernehmen. Ich teile die Ansicht mancher Fortschrittsfreunde, dass das Ausgestorbensein der Dinosaurier sowie mancher Wortungetüme durchaus ein Segen ist. Auch hat die Meinung einiges für sich, dass die »Aktion Artenschutz« als eine Form der Sprachpflege an Unfug grenzt oder, sagen wir, an gut gemeinten Humbug. Natürlich könnte man manchen Verlust bedauern. Der Abdecker, der Kuttelwäscher, Flecksieder, Hohlkipper und Zokelmacher sind nicht mehr, vom Pritschenmeister nicht zu reden. Die würden wir gern wieder eintauschen gegen den Dienstleister, den Consulter, Trainee, den Salesmanager und das Promotion-Girl, denen zweifellos dasselbe Schicksal dereinst blühen wird.

Zweifellos könnte man den »Schnäppchenmarkt« samt »Happy Digits« wieder Beutelschneiderei nennen, den Wirtschafts-Heuschreck einen Hundsfott oder Haderlumpen, und die Hoffart passt auch nicht schlecht zur Mamsell von heute mit ihrem Prada-Täschchen und hohen Stiefelchen. Aber was wäre damit gewonnen? Man kann die Geschichte nicht nach dem Eva-Prinzip stahlblauer Treuherzigkeit gewaltsam zurückdrehen. Sie lässt sich nur – mit Nietzsche – vorwärts zurückdrehen. Und wenn sie nicht (wirklich) gestorben sind, dann leben sie noch heut’, der Rittmeister und der Knicks, der Binder und die Krinoline.

Dieses ängstliche Festklammern an vergangenen »Habseligkeiten« – das unlängst gekürte »schönste deutsche Wort« – zeugt von einer schwächelnden, wenig zukunftsfrohen Konstitution. Sapperlot, das Kompott hat heute wieder kolossal gut geschmeckt, könnte, wenn es nach dem Lexikon ginge, einer der letzten Sätze sein, bevor er seine Angströhre abnimmt und sich zum Aussterben hinlegt, der deutsche Endverbraucher. Gabriele Killert