Jung zu sein und weiblich ist im literarischen Betrieb nicht immer nur ein Vorteil. Silke Scheuermann jedenfalls, die 2001 mit 27 Jahren den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik erhielt, erntete so lange ungeteilten Beifall, als sie Gedichte schrieb. Jung zu sein und Gedichte zu schreiben sind Fehler, die gern verziehen werden. Für ihre Erzählungen jedoch, die 2005 unter dem Titel Reiche Mädchen erschienen, erntete sie neben manch schönem Lob herbe Verrisse. Es wurde klar, dass sie vom Judith-Hermann-Syndrom eingeholt worden war. Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt in Frankfurt am Main BILD

Judith Hermanns Erzählungsband Sommerhaus, später (1998) hätte ebenfalls Reiche Mädchen heißen können, denn auch er handelte von jungen Frauen, die voller Anmut und Schwermut durch ein ereignisloses Leben schreiten, und das war so gut, so schön geschrieben, dass man selber ganz schön melancholisch dabei wurde. Ein bislang ungehörter Akkord war da intoniert, der die Leser in Scharen hinriss.

Als aber die ersten fortschrittlichen Deutschlehrer Judith-Hermann-Erzählungen zur Pflichtlektüre machten, als immer mehr junge Frauen immer Judith-Hermann-mäßiger schrieben, schwang der Pendelschlag des Zeitgeschmacks zurück: Nun kamen die hochmotorisierten und geländegängigen Sport Utility Vehicles (SUV) in Mode, etwa die Korrekturen (2002) von Jonathan Franzen oder Middlesex (2003) von Jeffrey Eugenides.

Ach, keine Hure ist treuloser als der Zeitgeist. Wer ein wirklicher Autor ist, richtet sich nicht nach solchen Konjunkturen, und der wirkliche Leser weiß nichts davon. Silke Scheuermann ist zwar ein Kind dieser Jahre, was bedeutet, dass die Probleme ihrer Helden luxuriös-alltäglich sind, und das hat sie mit Judith Hermann und den meisten ihrer Leser gemein. Aber ihr Ton ist lakonischer, ironischer, und hier, mit ihrem ersten Roman, haben wir eine Geschichte vor uns, die weit hinausgeht über die Befindlichkeitsstörungen junger Frauen, eine Geschichte, die ein großes altes Thema anrührend entfaltet: die Liebe.

Liebe heißt hier zunächst Geschwisterliebe oder genauer Geschwisterhass. Die Erzählerin, eine junge alleinstehende Journalistin, pflegt morgens schwimmen zu gehen, und dort im Schwimmbad trifft sie eines Tages ihre Schwester Ines. Die beiden hatten seit vielen Jahren keinerlei Kontakt miteinander. »Sie saß in der Eingangshalle, auf einem der Plastikstühle, leicht zusammengesunken, eine rotblaue Sporttasche auf dem Schoß. Ihr Gesicht war ungeschminkt und fleckig, sie hatte Tränen in den Augen, es war das Gesicht, mit dem sie bekam, was sie wollte, ich kannte es, ihr Verhandlungsgesicht.«

Nur in Andeutungen erfahren wir den Grund dieser herzlichen Abneigung. Ines ist vier Jahre älter, sie ist schöner, erfolgreicher, sie war das Lieblingskind des Vaters. In der Küche der namenlosen Erzählerin trinkt man ziemlich schweigsam einen Kaffee. Beim Abschied schenkt ihr Ines überraschend ihren Parka, und damit beginnt eine Geschichte der Verstrickungen, der Verkleidungen und Überschneidungen. Ines ist Alkoholikerin, und ihr Leben beschäftigt die Erzählerin mehr und mehr, zumal sie widerstrebend bemerkt, dass sie im Begriff ist, sich in Kai zu verlieben, den Freund der Schwester.

»Ich spürte den durchdringenden, ausdruckslosen Blick der Wände«

Als die Erzählerin ihre Schwester im Krankenhaus besucht (man hat sie wegen eines Zusammenbruchs eingewiesen), bringt sie eine Flasche Whisky mit. Das ist der erste Beweis einer allmählich erwachenden Liebe, deren Stärke mit der Schwäche der Schwester zunimmt. Wenig später wird die Erzählerin mit Kai schlafen. »Ich nahm nicht mehr wahr, wo wir uns befanden, und der Raum hatte keine Meinung, was uns betraf; ich spürte den durchdringenden, ausdruckslosen, starren Blick der Wände, die niemandes Wohnung mehr umfassten, sondern nur noch Schauplatz eines uralten Ritus waren. Wir wurden nicht müde, oder vielleicht mochten wir nicht aufhören, um nicht nachdenken zu müssen.«

Als es dann vorbei ist, bricht die Frau haltlos in Tränen aus. Den Grund versteht man nicht sofort, weil sie ihn selber nicht versteht. Aber dann wird klar, dass sie den Mann liebt, dass sie ihre Schwester liebt und dass somit ein unlösbarer Konflikt geschaffen ist. In diesem Moment richtet sich unser Augenmerk auf die Erzählerin selber. Wir sehen nun, dass sich hinter ihrer scheinbaren Herzlosigkeit eine untröstliche Empfindsamkeit verbirgt. Mit hellwachen Augen wandert sie durch Frankfurt wie weiland Malte Laurids Brigge durch Paris. Der Vogel, der tot auf dem Balkon liegt; der Bademeister, der wie ein fetter Konditor aussieht; die sadistischen Spiele zweier Knaben im Hinterhof; die Frau am Getränkekiosk, die wie ein Tier im Terrarium wirkt – all dies registriert die Erzählerin ebenso kalt wie aufmerksam.

Natürlich hinkt der Vergleich mit Rilke. Es scheint aber, dass der Ennui, diese einst dem bürgerlichen Mann vorbehaltene Mischung aus Verdruss und Überdruss, nunmehr unter intelligenten jungen Frauen grassiert. Er ist die andere Seite der Emanzipation. Unsere Erzählerin jedenfalls verspürt ihn, als sie zu einem Essen von Kolleginnen eingeladen wird. Wir lernen aus dieser mit aphoristischer Schärfe beschriebenen Szene: Niemand kann Frauen gegenüber auf subtilere Weise bösartig sein als Frauen.

Die Beobachtungskälte der Erzählerin ist auch eine lebensrettende Haltung. Nach der erschütternden Begegnung mit Kai besucht sie einen Kollegen und Freund, der kürzlich von seiner Frau verlassen wurde, dies aber mit Gleichmut hinzunehmen scheint. Er hat seinen kleinen Sohn bei sich. »Er begrüßte mich, die fremde Frau, mit der Gelassenheit des Scheidungskindes.« Sie liest dem Kleinen vor, und als er endlich schläft, setzt man sich aufs Sofa, trinkt Kognak und schmust ein bisschen. »Trotz unserer ungeheuren Müdigkeit hielten wir es für angebracht, miteinander zu schlafen, und ich verlor mich gerne in den vertrauten Bewegungen.« Später jedoch steht sie auf und verlässt den zufälligen Gefährten der Nacht: »Es war, als hätten wir gemeinsam auf einer Parkbank gesessen und die schöne Aussicht genossen und ich wäre nur zufällig die erste gewesen, die aufgestanden und gegangen war.«

Alle Personen dieses Romans haben etwas Streunendes, Heimatloses. Gefühle sind ihnen nicht fremd, aber verdächtig. Helmut Schelskys Rede von der »skeptischen Generation« (1957) lässt sich wohl auf viele Generationen anwenden, erst recht aber auf diese, die jedes Gefühl und jede sinnliche Erfahrung tausendmal abgebildet, vorexerziert gesehen hat, bevor sie selber je die Chance hatte, Gefühle zu erfahren.

»Ich gab mich der Hoffnung hin, der Wald könnte alles Unheil abwenden«

Silke Scheuermann reagiert darauf ebenso intelligent wie subtil. Einerseits bleibt ihre Sprache eine Spur hinter der Dramatik der Vorgänge zurück, so, als spielten sie sich oberhalb der Wasserlinie ab, die Sprache aber wäre eine kühlere, langsamere Unterwasserbewegung. Also empfindet auch der Leser mit winziger Verzögerung, er muss den kleinen Spalt durch eigene Vorstellungskraft schließen, wodurch ihm die Schicksale besonders nahekommen.

All dies wäre bloß Technik, wenn Silke Scheuermann nicht andererseits unerschrocken zum großen Pathos imstande wäre. Die Versöhnung der beiden Schwestern, die bizarrerweise damit beginnt, dass beide denselben Mann lieben, gipfelt in einem letzten gemeinsamen Spaziergang – die Erzählerin wird danach ihre Schwester in einer Entziehungsklinik abliefern. Und hier, auf einer Waldlichtung, gelangt die Erzählerin zur Utopie des gelingenden Lebens (Handke würde es ein »Gebet« nennen): »Ich gab mich der Hoffnung hin, dieser Wald könnte alles Unheil von uns abwenden, indem er uns Seelen schenkte, in denen Zartheit und Geduld herrschten.« Dieses Schlussbild wird mit solcher Inbrunst ausgemalt, dass es in jeder anderen Sprache zum Kitsch verkäme. Manches Gefühl taugt nur, wenn es aus der Kälte kommt.

Autoren, Bücher, Rezensionen - Literatur auf ZEIT online »

Weitere Besprechungen finden Sie in unserer Rezensionsdatenbank »