Bei fast jedem Telefonat starrt Wolfgang Hainer auf seinen bunten Wandkalender. »Das ist das Einzige, was ich hier aufgehängt habe«, sagt er. Rote Streifen kennzeichnen manche Felder, es sind die Sitzungswochen im Deutschen Bundestag. Von seinem Schreibtisch aus könnte Hainer direkt auf die Reichstagskuppel blicken, doch er will nicht hinschauen, er will hinein. Als Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Cigarettenindustrie (VDC) zählt er zu den mächtigsten und umstrittensten Lobbyisten des Landes. Wolfgang Hainer , Tabakmanager und Lobbyist in Berlin BILD

Hainer vertritt die Interessen von Philip Morris (Marlboro), British American Tobacco (Gauloises), Reemtsma (West) und vier anderen Tabakfirmen. Er ist ihr Verbindungsmann in die Berliner Politik und soll dafür sorgen, dass in Deutschland auch künftig noch geraucht wird. Aus Hainers Mund klingt das etwas banaler: »Wir fassen Informationen zusammen, bündeln die Meinung unserer Mitglieder und stellen die Fakten Politikern zur Verfügung.« Drei, vier Abende pro Woche ist er abends auf Lobbyveranstaltungen, oft ist er selbst der Gastgeber; etwa wenn der VDC zur Blauen Stunde in den Salon im achten Stock des Verbandsgebäudes einlädt.

Das Verhältnis zwischen Staat und Tabakindustrie ist traditionell gut, weil die Unternehmen jährlich für rund 14 Milliarden Euro Einnahmen aus der Tabaksteuer sorgen. Und trotzdem: »Das gesellschaftliche Grundrauschen hat sich geändert«, sagt Hainer und meint damit die Stimmung im Land. Vor einem Jahr wies das Deutsche Krebsforschungszentrum in einer Studie nach, dass Passivrauchen jedes Jahr rund 3300 Nichtraucher tötet. Das konnten weder Hainer noch die Bundestagsabgeordneten ignorieren. »Die Politik reagiert wie ein Seismograf auf das Grundrauschen und damit auf die raucherfeindliche Stimmung«, sagt er. Und weil die Politik bis heute über Rauchverbote in Gaststätten lediglich diskutiert und somit noch alles offen ist, versucht Hainer, den möglichen Schaden für seine Branche so gering wie möglich zu halten.

Hainer kennt sich damit aus, von Berufs wegen der Böse zu sein. Zu Beginn seiner Laufbahn hat er mal für den Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel gearbeitet, ein Schwerpunkt: Tierversuche. »Die Emotionalität und Aggressivität der Gegner waren durchaus vergleichbar mit heutigen Nichtraucheraktivisten«, sagt er. »Die geben einem dann vor Streitgesprächen nicht einmal die Hand, und das erlebe ich auch heute wieder.« Aggressivität ist etwas, das er sich nicht leisten kann. Hört er die Argumente seiner Gegner, antwortet Hainer auffällig ruhig, reibt seine Hände allerdings nervös aneinander oder überspielt Kritik mit einem kräftigen »Ha!«. Er schwimmt gegen den Common Sense und sieht sich gestärkt durch die verbliebenen 21 Millionen Raucher im Land, deren »Entscheidungsfreiheit alle akzeptieren sollten«. Dafür kämpft Hainer.

Im September hat er Lothar Binding in dessen Büro besucht. Der SPD-Bundestagsabgeordnete hat seine letzte Zigarette vor Jahren ausgedrückt und zählt zu Hainers größten Gegnern. Binding kämpft für ein gesetzliches Rauchverbot in Gaststätten. Trotzdem gibt er dem Tabaklobbyisten noch die Hand, warum auch nicht? »Sanftmütig und freundlich ist Herr Hainer gewesen«, sagt Binding und glaubt auch zu wissen, warum: »Wer solch ein gefährliches Produkt verkauft, muss nett sein, sonst hört ihm niemand zu.« Menschen wie Hainer hätten es verstanden, die Wahrnehmung und das Bewusstsein der Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg zu manipulieren. Raucher gelten noch immer als freiheitsliebend, gesellig und entspannt – nicht etwa als Selbstmörder auf Raten.

Hainer versucht derweil Fakten zu schaffen. Ein Positionspapier des VDC vom 13. September wurde neun Tage später Tischvorlage für ein Koalitionsgespräch der Fraktionsgeschäftsführer von CDU und SPD – Gliederung, Wortwahl, Schrifttyp und Layout im Vorgespräch zum Nichtrauchergesetz glichen nahezu vollständig der Ursprungsfassung aus dem Verband. Das Ziel: Ein totales Rauchverbot, zum Beispiel in öffentlichen Behörden oder Kneipen, sollte verhindert werden. »Die Abgeordneten kriegen doch genauso Papiere vom Deutschen Krebsforschungszentrum«, sagt Hainer. »Ich weiß nicht, wo das Problem ist, wenn alle Betroffenen zu Wort kommen.«

»Ehrlich gesagt, ich habe Hainer noch nie rauchen sehen«