Im Jahre 2001 stieß die Gerichtsreporterin der ZEIT, Sabine Rückert, auf die Schicksale zweier Männer, die wegen Vergewaltigung zu langen Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Eine junge Frau, sie soll hier Amelie heißen, hatte ihren Vater Adolf S. und ihren Onkel Bernhard M. beschuldigt, sie mehrfach brutal vergewaltigt zu haben. Die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück folgte ihren Darstellungen und verurteilte die Männer zu sieben und viereinhalb Jahren Gefängnis.

Zwei Fehlurteile, wie unsere Reporterin herausfand: Aufgrund ihrer Recherchen wurde der Fall neu aufgerollt, beide Männer wurden nach mehrjähriger Haft nachträglich freigesprochen.

In ihrem in diesen Tagen erscheinenden Buch »Unrecht im Namen des Volkes« ( Verlag Hoffmann & Campe), aus dem wir hier einen Auszug veröffentlichen, erzählt Sabine Rückert die Geschichte der Entstehung und Aufklärung dieses Justizirrtums. Sie berichtet von Richtern, die an zahlreiche Vergewaltigungen und einen gewaltsamem Abtreibungsversuch glaubten, obwohl die angeblich derart Misshandelte noch Jungfrau war. Und sie schildert die Aktivitäten eines Unterstützerkreises, der das Mädchen auf seinem Irrweg vorantrieb. Zu diesem Kreis gehörte das Personal jener Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der Amelie behandelt wurde. Auf der Station schenkte man noch den bizarrsten Schilderungen der Patientin Glauben und verschaffte ihr gegenüber den Ermittlern den Nimbus der Glaubwürdigkeit. Die Rücksicht ging so weit, dass der Chefarzt als Zeuge in den Prozessen die psychiatrische Diagnose einer »Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus« bestritt, die er selbst zuvor gestellt hatte. Die Jugendkammer des Landgerichts setzte sich mit dem gynäkologischen Befund der Jungfernschaft nicht ernsthaft auseinander und verzichtete auf eine psychiatrische Begutachtung der verhaltensauffälligen jungen Frau. Tatsachen aus der Hauptverhandlung gegen den Onkel Bernhard M., die gegen eine Verurteilung sprachen, wurden im Urteil verschwiegen. Dies verhinderte eine spätere Aufhebung des Urteils durch den Bundesgerichtshof, der sich nur aus dem schriftlichen Urteil über das Hauptverhandlungsgeschehen informieren darf.

Sabine Rückerts Buch handelt also von der Lüge, zu der immer zwei gehören: Einer, der lügt, und einer, der glaubt – und sich nach und nach zum Koalitionär der Lüge macht. Je präziser die Lüge mit den Erwartungen des Belogenen übereinstimmt, desto erfolgreicher entfaltet sie ihre Wirkung. Das Mädchen Amelie das in anderer Hinsicht durchaus ein Opfer war – präsentierte sich als Vergewaltigungsopfer und wählte damit eine Methode, die bis heute zu funktionieren verspricht: Sie instrumentalisierte ein heikles Thema, dem sich jeder nur mit Scheu nähert. Die Political Correctness der Angesprochenen gebietet es, dem vermeintlichen Opfer zu glauben, Zweifler laufen Gefahr, selbst im Reich des Bösen verortet zu werden. Der »Erfolg«, den Amelie errang, ist auch der ideologischen Großwetterlage der neunziger Jahre geschuldet. Mit dieser Ideologie, die sich bis heute in Justiz und Gesellschaft bemerkbar macht, beschäftigt sich der folgende Text, ein Auszug aus dem Buch.

Zum Buchauszug
Inquisitoren des guten Willens - Warum zwei Männer wegen eines erfundenen Missbrauchvorwurfs jahrelang unschuldig im Gefängnis saßen »

Zum Thema
Erwiesene Unschuld - Viereinhalb Jahre saß Bernhard M. als vermeintlicher Vergewaltiger im Gefängnis. ZEIT-Recherchen enthüllten einen Justizirrtum (DIE ZEIT 52/2005) »

Unrecht im Namen des Volkes - Lehrstück über Richter, die im blinden Glauben an die Behauptungen eines Opfers die Fakten verkennen (DIE ZEIT 19/2002) »