Der Film The Queen zeigt die beste schauspielerische Leistung, die Sie in diesem Jahr auf der Leinwand zu sehen bekommen werden. Es sollte mich sehr wundern, wenn Helen Mirren dafür nicht den Oscar bekommt. Das Bemerkenswerteste an ihrer Darstellung des britischen Staatsoberhauptes ist, dass sie im eigentlichen Sinne überhaupt nicht dramatisch ist. Königin Elisabeth ist nicht für extravagante Gesten und Gefühlsausbrüche bekannt. Wenn die Queen in einer der ersten Filmszenen morgens im Bett liegt, von ihrem traditionellen Dudelsackspieler geweckt wird und auf ihrer Stirn ein kaum sichtbares, leicht genervtes Runzeln erscheint, dann ist das schon sehr viel. 

Der Job der Königin besteht darin, Understatement zu wahren. Also ist die Person, die wir in Stephen Frears’ The Queen sehen, eine Frau, die sichtbar fassungslos ist wegen der Massenhysterie, die ihr Land ergreift, als Prinzessin Diana bei jenem schrecklichen Autounfall in Paris umkommt. Massenhysterie ist ein Phänomen des Medienzeitalters, und Queen Elisabeth gehört einer vergangenen Ära an, in der die vorherrschenden Werte Pflicht, Loyalität, Stoizismus und die einfache Fähigkeit zum Erdulden hießen. Kein Wunder, dass sie im Film verwirrt aussieht, wenn sie im Fernsehen von ihrem geliebten Refugium in Schottland aus zusieht, wie sich Blumenberge vor dem königlichen Palast in London auftürmen. Der Tod Dianas löste die schwerste Krise der britischen Monarchie in der Nachkriegszeit aus. Aber sogar am absoluten Tiefpunkt ergaben Umfragen, dass immer noch vier von fünf Bürgern die Institution jeder möglichen Alternative vorzogen.

Für Republikaner (als solchen habe ich mich stolz den Großteil meines Erwachsenenlebens bezeichnet) ist das verwirrend und irritierend. Monarchie ist altmodisch, unlogisch (wir haben ja auch keine Erbfolge bei Gehirnchirurgen oder Straßenkehrern) und undemokratisch. Sie passt nicht ins 21. Jahrhundert. Die Ursprünge der Institution verlieren sich im Nebel der Jahrhunderte; das Einzige, was wir mit einiger Sicherheit sagen können, ist, dass es zu Beginn der Geschichte Götter und Könige gab. In The Queen wird dieses Traditionsgefühl sehr schön durch eine Szene illustriert, in der die Königin, ihr Gatte und die Königinmutter im Wald ein Grill-Picknick veranstalten. Sie unterhalten sich darüber, dass man trotz des öffentlichen Drucks die Flagge von Buckingham Palace nicht zum Zeichen der Trauer um Diana auf Halbmast setzen könne, da diese Flagge nur die Präsenz des Monarchen anzeige. Sie erinnern sich an andere, wichtigere Familientode, bei denen die Flagge hängen blieb. Die Royals haben ganz recht: In der Theologie des Königtums gibt es keinen Moment, in dem der König tot ist. Es gibt immer einen König. Erst viel später kamen die steifen Palastberater auf die Idee, nicht die königliche Flagge, sondern einfach die britische Flagge über Buckingham Palace auf Halbmast zu setzen.

Vier Jahre lang habe ich für mein Buch nach Gründen für das Überleben der Monarchie gesucht – und dabei meine eigene Haltung dazu verändert. Es ist eine Tatsache, dass viele der glücklichsten und am wenigsten korrupten Gesellschaften Europas Monarchien sind. Das liegt nicht daran, dass die Monarchie eine Konstante ist, die durch die Geschichte hindurch eine Verbindung zu unserer Vergangenheit darstellt und uns damit ein Bewusstsein dafür gibt, wer wir sind. Es liegt noch nicht einmal an der beleidigenden Hypothese, dass wir – wenn wir wählen könnten – nicht in der Lage wären, uns auf etwas Besseres zu einigen.

Im Grunde besteht ihre Stärke darin, dass einiges für ein Arrangement spricht, in welchem das höchste Amt außer Reichweite derer liegt, die danach streben. Alle Völker suchen nach einem Ausdruck für ihr Nationalgefühl, sei es durch Flaggen, Hymnen oder simple politische Phrasen über die Bestimmung einer Nation. Eine Präsidialdemokratie wie in den USA oder – in anderer Form – in Frankreich bietet dieses Amt einer Person an, die damit ihren politischen Ehrgeiz befriedigen will. In einer Monarchie liegt das Vorrecht, in einer vergoldeten Kutsche zu fahren, außerhalb des Zugriffs von Politikern. Gut so.

Natürlich wäre es für eine reife westeuropäische Demokratie – sei es Großbritannien, die Niederlande oder Norwegen, Schweden oder Dänemark – möglich, ein System zu erfinden, welches die Präsidentschaft einem würdigen Individuum ohne politische Ambitionen verleiht. Aber leider muss ich etwas anderes berichten. Als ich Ende vergangenen Jahres vor der Politischen Gesellschaft in Eton sprach – vor einer Zuhörerschaft von über einhundert der gebildetsten jungen Männer Großbritanniens (und einiger deutscher Studenten) –, konnte nicht ein Einziger den Namen des deutschen Präsidenten nennen. Wohingegen ein Königshaus – sogar das Königshaus eines Zwergenlandes – weltweit bekannt sein kann.