Mein allererster Film Du mich auch beginnt mit einem Traum. Ich fliege als Romeo über Berlin und finde heraus, warum ich im Gegensatz zu allen anderen Menschen fliegen kann: weil ich die Arme nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben bewege. Mit einem billigen Kran ließen wir uns damals, 1986, an dicken Seilen durchs geteilte Berlin fliegen. Der Grund, das auch im Film unretuschiert zu zeigen, war Geldmangel, aber es war auch meine Lust an der anarchischen Kraft der Desillusionierung. Menschen-die-an- Stricken-hängen hat meine Haltung zu Filmen schon früh widergespiegelt.

Film heißt für mich nicht Traumfabrik, sondern Betrug. Film, zumindest Spielfilm, kann keine Wahrheit abbilden, sondern schafft eine inszenierte Realität und bedient sich mit Hilfe von Tricks der Fantasie der Zuschauer. Bis heute bin ich der Überzeugung, dass Film ein antiautoritäres, löchriges Unterfangen sein soll, das den Zuschauer anstachelt, durch die Ritzen ins Innere eines Films zu schlüpfen und mündig zu werden. Mitzudenken, mitzufühlen, mitzukreieren, anstatt eine hermetische Wahrheit zu schlucken, die Autorität heischt.

Kurz bevor wir Du mich auch drehten, war ich gerade frisch nach Berlin gekommen. Ich hatte diese Marotte, meine Wohnung zu verlassen, nächtelang durch die Stadt zu streifen und auf irgendwelchen Kinderspielplätzen zu schlafen. Der Gedanke hat mich lange aufgewühlt, mich irgendwo hinzulegen und die Realität anzunehmen, die dort existiert. Der Wunsch, tief in eine andere Wirklichkeit einzutauchen, hat seine Wurzeln wahrscheinlich noch 20 Jahre früher. Ich hatte einen ganz großen Kindheitstraum: den Zirkus. Ich wollte als Teil einer fahrenden Großfamilie durch die Welt ziehen. Mit zwölf probierte ich mich zwei Jahre lang als Clown beim Zirkus aus und machte dabei manchmal die schmerzhafte Erfahrung, wie es sich anfühlt, in einer Manege zu stehen, und keiner schaut zu. Diese Angst verfolgt mich bis heute. Bei jedem neuen Film habe ich wieder diesen Albtraum: Große Premiere, roter Teppich, Blitzlichtgewitter, und keiner sitzt drinnen – außer meiner Mutter. Der Zirkus war mein Vorzelt fürs Filmemachen, bei dem man aus einem geschützten Raum auf die Welt draußen schaut und sich gleichzeitig im Inneren eine eigene schafft. Inzwischen bin ich zum Zirkusdirektor avanciert, aber vielleicht bin ich immer noch der Clown, der ich als Kind war.

Das wirklich Traumhafte am Filmemachen ist die existenzielle Kraft der Idee. Ich sitze irgendwo und entwerfe in 30 Sekunden einen Satz, der später Hunderte von Menschen über Monate beschäftigt. Das Schreiben eines Drehbuchs ist für mich absolute Freiheit. Schreiben bedeutet Anarchie, grenzenlose Fantasie. Danach geht’s ja eigentlich nur noch bergab. Die Verantwortung für diese Kraft zu tragen ist die eigentliche Herausforderung. Nicht nur, dass der riesige Apparat Film, der in Gang gesetzt wurde, tatsächlich funktioniert; sondern vor allem die moralische, die politische Verantwortung dafür zu tragen, was diese ganz persönliche Urzelle der Idee auslöst.

Der Film Mein Führer ist Ausdruck meines Traums, ich könnte für dieses eine Mal die Regeln des Nationalsozialismus bestimmen, ich könnte mit subversiver Fantasie in die Geschichte eingreifen, ich schriebe den Nazis die Texte und lieferte sie ans Messer. In meinem Film bin ich Gott und stehe über Hitler. Ich weiß, dass das an der Katastrophe nichts mehr ändern wird, aber ich habe die Kraft, neue Bilder zu schaffen.

Ich will groß und klein verkehren, den großen Nationalsozialismus auf ein kleineres Maß herunterbrechen, um ihn zu durchdringen und fassbar zu machen. Es ist paradox, dass ausgerechnet ich, ein Jude, dem Obernazi Hitler mit wachsamem Interesse und analytischer Empathie begegne, dass ich das denkbar mitleidloseste System mit Sehnsucht nach Aufklärung betrachte. Ich kann nicht anders. Ich will ja nicht, dass Zynismus die Trauerarbeit über den Nationalsozialismus ersetzt, sondern ich wünsche mir, dass die Empathie für dieses Thema erhalten bleibt.