Eigentlich müssten sich die Präsidenten Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin einander nahe fühlen. Beide pflegen ein autoritäres Staatsverständnis, und Weißrussland dient seit Langem als Russlands Experimentierfeld dafür, wie sich die Unterdrückung der Opposition und das Ersticken der Medien mit Sowjetnostalgie verzieren lassen. Doch ausgerechnet am orthodoxen Weihnachtstag verkündete Lukaschenko, der sonst einer Vereinigung mit dem slawischen Brudervolk der Russen das Wort redete, er wisse sich gegen sie zu wehren. Russland hatte einen verdoppelten Gaspreis erzwungen, die Hälfte der Gastransitpipeline übernommen und Exportzölle auf Öl draufgelegt. Lukaschenko schlug zurück und zapfte Öl aus der Transitpipeline mit dem altertümlichen Namen »Freundschaft« ab. Daraufhin stellte Russland die Lieferung ein. Öl-Raffinerie in Weißrussland. Auch sie erhält nun kein Rohöl mehr BILD

Zwar gibt es für Panik vor einem Benzinmangel in Deutschland keinen Grund, da Ersatzöl kurzfristig auch per Schiff oder Eisenbahn angeliefert werden kann. Aber der Konflikt zeigt, dass Russland im aufgeblähten Selbstbewusstsein als Rohstofflager Europas seine Energie immer unverfrorener einsetzt. Im vergangenen Jahr klemmte der Staatskonzern Transneft bereits einen Abzweig der »Freundschaftsleitung« zur litauischen Raffinerie Mazeikiu Nafta ab, nachdem sie nicht an eine russische, sondern eine polnische Firma verkauft worden war. Offiziell beschönigte Moskau das mit »technischen Gründen«. Heute sorgt sich der Kreml nicht einmal mehr um seinen Imageschaden.

Russlands neue Außenpolitik soll das Verhältnis zu den früheren Sowjetrepubliken auf die kommerzielle Grundlage europäischer Energietarife stellen. Im vergangenen Jahr traf es die Ukraine, nun das fast völlig von Russland abhängige Weißrussland. Die Realisten in Moskau haben verstanden, dass die Vereinigung der beiden Länder nur noch ein Mythos ist, mit dessen Hilfe Lukaschenko die russische Quersubventionierung seiner staatsdirigierten Wirtschaft erschwindelte.

In Weißrussland versucht der Kreml, Gewinnmaximierung mit strategischen Eroberungen wie der Gastransitpipeline zu verbinden. So kann er das Nachbarland künftig über wirtschaftlichen Druck kontrollieren. Für Deutschland bietet die Aussicht auf ein direktes Rohr aus Russland nicht zwangsläufig größere Energiesicherheit, wie das Schicksal der Ukraine und Weißrusslands zeigen.

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