Jede Woche ein Millionendeal. Konzerne kaufen frisch entwickelte Websites für verblüffende Summen. Das gab es schon einmal, doch dann kam der Winter 2001, und die Krise verhagelte das Geschäft. Vielleicht kam damals der Zusammenbruch sogar gerade recht, denn die Spekulation hatte überhandgenommen. Nach einer Phase der Erholung ist das Geld jetzt wieder da. Der Neustart wird »Web 2.0« genannt, ein missverständlicher Begriff; man denkt an eine neue Technik, doch was sich abrupt verändert hat, ist etwas anderes. Und zwar das Leben. BILD

Mehr als eine Milliarde Menschen nutzen das Internet. Was immer sie dort tun, sie verändern die Welt. Einfach dadurch, dass sie online sind. Zu hoch gegriffen? Dass Medien nicht durch ihren Inhalt, sondern durch ihre Form die Gesellschaft gestalten, ist eine bewährte These des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan. Vor 40 Jahren erklärte er sie einem Journalisten so: »Wenn Sie dieses Mikrofon ausschalten, ändert sich unsere Beziehung sofort.«

Fast 40 Millionen Deutsche sind online, die 14- bis 19-Jährigen unter ihnen beinahe allesamt. Sie kaufen und verkaufen, klatschen und tratschen, es verabreden sich Nachbarn oder Sportsfreunde, man sucht Lebens- und andere Partner, Verkehrsverbindungen, Kochrezepte.

Ja, es ist der alte Adam, der immer dasselbe will und tut. Jedoch auf andere Weise als bisher. Die Akteure gehen eine neue »Figuration« ein, um mit Norbert Elias zu sprechen. In ihr können sie als Konsumenten und Produzenten auftreten, wie es ihnen gefällt. Kinderleicht ist es geworden, Seiten nicht nur abzurufen, sondern sie auch zu gestalten, zu kommentieren, anderen zu empfehlen, zu neuen Produkten zu kombinieren.

Ein Verhalten, das als Massenphänomen auftritt. Das ist das Neue an »2.0«. Skeptiker wenden ein, dass von 1000 Besuchern einer interaktiven Website womöglich nur ein einziger zu ihrem Inhalt beiträgt. Aber wenn sie Millionen Leser zählt, dann immerhin auch Tausende Autoren. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Das Web 2.0 ist ein Medium der Beteiligung. Eltern beobachten, dass ihre Sprösslinge viel Zeit damit verbringen, und sorgen sich, ihnen entglitte das »reale Leben«. Eine Befürchtung, die freilich noch jedem neuen Medium entgegenschlug. Sokrates hielt es für möglich, dass die Schrift den lebendigen Austausch von Ideen beiseiteschöbe. Als in englischen Kaffeehäusern des 17. Jahrhunderts Stille einkehrte, weil nur mehr Zeitungsrascheln statt Geschnatters zu hören war, ging die Sorge um das »Wirkliche« ein weiteres Mal um. Ebenso, als das Telefon aufkam.