Internet Leben im NetzSeite 3/3

Die damit einhergehende Bereitschaft, die Privatsphäre preiszugeben, macht erschrecken. Ihr liegt Unwissenheit und manchmal auch naive Unbekümmertheit zugrunde. Der Ruf nach mehr Datenschutz allein reicht nicht. Der grassierende Narzissmus und seine Ausbeutung müssen Gegenstand der Kritik werden. Eine schöne Aufgabe für aufklärerische Geister, sich online einzumischen.

Wer sich im Netz mit Meinungen vorwagt, muss freilich mit allem rechnen. Schnell ballen sich Stimmungen, verbreiten sich Gerüchte, entflammen wechselseitige Beleidigungen. Dass jeder mitmachen darf, schreckt empfindliche Gemüter ab, ist aber erst recht ein Grund, in diese Sphäre einzugreifen. Doch siehe da, die Zahl der Journalisten oder anderen öffentlichen Individuen, die sich darin tummeln, ist gering. In Deutschland jedenfalls.

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Hierzulande ist das Netz nur nebenpolitisch. Das wird nicht so bleiben. Denn zweierlei steht fest: die wachsende Aktivität der Onlineteilnehmer und zugleich der Bürgerwunsch nach erweiterter politischer Befugnis. Wie fügt sich das zusammen? Und welche politische Strömung wird die erste sein, die das Potenzial des Internets nutzt? Es genügt jedenfalls nicht, Parteiprogramme oder einen Merkel-Podcast hineinzukippen. Nur wo die interaktiven Möglichkeiten ergriffen werden, entstehen Gruppierungen und findet Willensbildung statt.

Die Hürden, von einer »Community« in die nächste zu wechseln, liegen zwar niedrig, aber je öfter der Nutzer seine Wahl zugunsten einer Gemeinschaft trifft und je mehr er zu ihr beiträgt, desto stärker identifiziert er sich mit ihr. So wächst Bindung. Sie ist das knappe Gut, um das sich die Konkurrenz im Netz dreht, denn es lässt sich in Verbindlichkeit umsetzen, in Kaufverträge beispielsweise.

Im Internet geht es zu wie auf den Markt- und Versammlungsplätzen der Antike: schauen, bewerten, empfehlen, kommentieren, moderieren, feilschen, sich verpflichten. Etwas Elementares hat seine zeitgenössische Form gefunden. Das ist nicht Überbau, es ist Basis. Sie expandiert stoßweise. Gegenwärtig steigt die Betriebstemperatur wieder, und alte Hasen sagen: Erst Hype, dann Krach. Und danach Netz 3.0.

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Leser-Kommentare
    • klaeff
    • 22.01.2007 um 10:23 Uhr

    1986 bin ich mit meinem 300 Baud Akustikkoppler online gegangen und Mitglied beim RNIZ geworden, einer der ersten Mailboxen bei uns im Raum. Seit dem bin ich im Netz und habe einen zweiten Namen und ein zweites Leben. Weder meine Frau, noch meine Kinder wissen davon. Niemand weiß davon. Ich bin wie Superman, wenn ich die Kleider wechsle, dann kann ich fliegen. Ist doch cool, oder?

    • lejuge
    • 09.02.2007 um 9:57 Uhr

    Was wir erleben ist eine Leikulturevolution.
    Der Unwissende bestimmt selbst
    was Bild und was Wort ist.

    [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

  1. 3.

    Warum berichten sie nicht über das Telemediengesetz? Ist das nicht nur sämtlichen Massenmedien, sondern auch Ihnen vollkommen entgangen, was da gestern im Bundestag verabschiedet wurde?

  2. Da weiß es aber mal wieder jemand ganz genau! Zeug ist es, was die Leute ins Netz stellen, Mikroprominenz wollen sie damit erreichen, mit allem Bösen ist unbedingt zu rechnen. Unwissenheit, Narzissmus und naive Unbekümmertheit führen zu schlimmster Ausbeutung, eine erschreckende Bereitschaft, die Privatsphäre preiszugeben, muss dringend Gegenstand der Kritik werden. Gut nur, dass es aufgeklärte, nein: aufklärerische Geister wie Gero von Randow gibt. Ich wünschte bloß, er hätte ein ganz klein wenig konkreter beschrieben, welche schlimmen Folgen der Internettechnologie er bisher (am eigenen Leib?) erfahren hat. Sicher waren es Millionen, um die man ihn geprellt hat.

    In seiner Stil-Kolumne gibt Gero von R. seinen Lesern diverse Tipps, wie sie sich für den vermutlich recht seltenen eintretenden Fall zu verhalten habe, dass ihnen eine nackte Person die Wohnungstür öffnet. Ich schätze, heimlich ist er überzeugt: Jeder, der nicht seine eigenen untadeligen Moralvorstellungen hegt oder die ihm selbst zu Teil gewordene gute Erziehung genossen hat, würde in solch einer Situation ohne langes Nachdenken Amok laufen und mit der lästerlichsten aller Zielstellungen über den nackten Türöffner herfallen. Nein, in diesem Zusammenhang sagt er das nicht so deutlich. Aber Menschenbild ist Menschenbild.

    Dem Türken Murat Kurnaz wäre ein derartiges Menschenbild beinahe zum Verhängnis geworden. Mehr als 25.000 Stunden lang hat er für die Furcht der verantwortlichen Sorgenträger büßen müssen. Die Unterstellung, er könne gefährlich sein, hat ihn vier Jahre seines Lebens, schlimme körperliche Schmerzen und womöglich ein Restvertrauen in die Menschlichkeit des Westens gekostet. Einige andere haben offenbar ihre letzten Illusionen über die Belastbarkeit politischer Postulate selbst der angeblichen Linken (Guantánamo verletzt die Menschenrechte und ist zu ächten!) eingebüßt. Wer gutwillig ist, nennt das einen Kollateralschaden.

    Die These, der Mensch sei grundsätzlich und in seiner Mehrheit ein gar fürchterliches Wesen, dem man nur mit Misstrauen und Vor-Sorge begegnen darf, ist leider immer noch weit verbreitet. Sie wird ergänzt von der Unterstellung, der nicht kriminelle Rest der Menschheit sei vollkommen hilf- und wehrlos. Man fragt sich, warum das so ist. Kennt nicht jeder Mensch sich selbst am allerbesten?

    Glücklicherweise leiden eher die Männern der alten Schule unter derartigen sozialen Phobie. Die jungen pflegen einen etwas lässigeren Umgang mit dem Gegensatzpaar Chance/Risiko. Bleibt zu hoffen, dass sich nicht nur die Technik in die eingeschlagene Richtung weiterentwickelt, sondern auch ihre Nutzer. Für Herrn von Randow wünsche ich mir, dass er neben seiner technischen auch seine soziale Unwissenheit nach besten Kräften abzubauen bemüht ist. Soziale Unwissenheit kann nämlich unversehens zu einer erschreckend naiven Unbekümmertheit führen – im Umgang mit den eigenen Schutzinstinkten. Achtung, Pitbull! Aber wie war das noch? Wer sich im Netz bewegt, der muss mit allem rechnen.

  3. @ZockelA: Ich bin erstaunt über Ihre heftige Reaktion. Das, was Sie da an dem Artikel Herrn von Randows kritisieren kann ich gar nicht finden. Ich lese da gar nicht 'das Internet ist schlecht' sondern vielmehr 'das Internet ist heute anders'. Das mag man tivial finden. In jedem Fall deckt sich die Beschreibung weitgehend mit den Tatsachen. Ob und was durch das Internet an Überwachung möglich ist, ist sicher noch nicht abschließend geklärt. Das die einmal in einer Karikatur geprägte Aussagen 'on the internet nobody knows you are a dog' nicht mehr so ganz zutrifft ist eigentlich heute klar.

    Etwas überlegtere Kritik wäre angemessener.

    • Anonym
    • 20.01.2007 um 8:20 Uhr

    In einer Phase meines Lebens, beruflich eingespannt mit drei Kindern im Alter zwischen 1 -3 Jahren, habe ich am Web 2.0 Leben intensiv teilgenommen: ich konnte abends ja nicht weg, brauchte aber etwas zum 'abschalten'.

    Ich habe bei open-source Projekten und Musik-Mailinglisten mitgemacht. Ich habe jede Sekunde davon genossen, und dabei übrigens auch viel für die Projekte (openoffice.org), aber auch für mich selbst erreicht (einige Freundschaften, die ins 'wirkliche' Leben nachhaltig übergegangen sind).

    Irgendwann ist beim Leben im Web 2.0 ein GRad der Interaktion erreicht, der genauso intensiv und wirklich ist, wie in der sog. 'wirklichen' Welt.
    Interessant wird es, wenn man eine Pause einlegt - die Inbox bleibt dann i.d.R. bemerkenswert schnell leer.

    Und verschiebt sich das ZEntrum des Lebensinteresses, dann ist es schnell, als wäre nie etwas gewesen bzw. die Oberfläclichkeit der Kontakte tritt schnell zutage.

    Das ist wiederum im wirklichen Leben im Grunde genauso, dennoch haftet im Vergleich der Web 2.0 Welt im Unterschied zur 'wirklichen' etwas virtuelles an, das ist ja klar.

    Irgendwie bin ich froh, dass diese Phase vorüber ist und die Verhältnisse wieder zurecht gerückt sind.

    Letztlich wird es darauf ankommen, dass die Leute die Wirklichkeit des Webs als Teil - aber eben nur einen Teil - der vielen anderen Wirklichkeiten des Lebens erleben.

  4. cool, ich war damals bei zerberus. und fühle mich immer noch als fernmeldewesen.

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