Davos Das Hitlerbad

Für einige Tage ist der Schweizer Wintersportort Davos jetzt wieder eine Hauptstadt der Welt. In den dreißiger Jahren hatten ihn die Deutschen zu einem wahren »Nazinest« gemacht.

Einmal im Jahr wird Davos tatsächlich zum globalen Dorf. In diesen Tagen ist es wieder so weit. Zweitausend führende Manager, Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschafter versammeln sich in dem zehntausend Einwohner zählenden Wintersportort im Schweizer Kanton Graubünden zum wohl bekanntesten Runden Tisch der Welt, dem World Economic Forum. Das Familientreffen des globalen Kapitalismus in den Bündner Bergen hat ein Deutscher erfunden. Seit 1971 bittet der ehemalige Wirtschaftsprofessor, Konferenzveranstalter und Wahlschweizer Klaus Schwab nach Davos. Die Gästeliste liest sich wie ein Who’s Who der Zeitgeschichte: Bill Gates und Bill Clinton, Colin Powell, Jassir Arafat, Schimon Peres, Tony Blair… sie alle waren hier. Keiner sagte ab, als Professor Schwab ihn bat, Ideen zur Rettung der Welt – und die Skier mitzubringen.

Klaus Schwab ist nicht der erste Deutsche von Bedeutung für Davos. Schon derjenige, der einst entscheidend dazu beitrug, aus der alten Bauernsiedlung im Landwassertal einen prosperierenden Kurort zu machen, stammte aus dem nördlichen Nachbarland. Es war der junge Arzt Alexander Spengler, ein Kämpfer der 48er-Revolution, der in der Schweiz Asyl fand (ZEIT Nr. 5/02). Nachdem er die heilende Wirkung des Höhenklimas auf Tuberkulosekranke entdeckt hatte, errichtete er zusammen mit dem Holländer Willem Jan Holsboer in Davos das erste Kurhaus.

Seit 1865 kamen immer mehr Deutsche in den rasch wachsenden Ort. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stellten sie konstant ein Drittel der bis zu 11.000 Gäste. Zu ihnen gehörte nicht zuletzt Thomas Mann, der die Davoser Atmosphäre in seinem Roman Der Zauberberg verewigt hat. Während des Krieges schickte das Rote Kreuz deutsche Internierte zur Kur. In den zwanziger Jahren kamen Berühmtheiten wie Albert Einstein und sprachen hier auf internationalen Tagungen; Erich Maria Remarque flanierte auf der Promenade, Ernst Ludwig Kirchner hatte ganz in der Nähe sein Atelier .

Doch auch ein finsteres Kapitel der Davoser und der Schweizer Geschichte verbindet sich mit einem deutschen Namen: Wilhelm Gustloff. Am 4. Februar 1936 wurde der damalige Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz im Empfangszimmer seiner Wohnung am Davoser Kurpark von dem jüdischen Medizinstudenten David Frankfurter erschossen. Zu diesem Zeitpunkt war der Weltkurort längst der wichtigste Vorposten des nationalsozialistischen Deutschlands in der Eidgenossenschaft geworden, so dass eine Graubündner Zeitung schon ironisch fragte: »Liegt Davos in der Schweiz?«

Der jugendliche Attentäter studierte in Bern Medizin. Unmittelbar nach der Tat stellte er sich der Polizei. In der ersten Vernehmung gab der Sohn eines Rabbiners aus Jugoslawien zu Protokoll: »Ich konnte nicht anders. Die Kugel hätte eigentlich Hitler treffen sollen, für den war es gemeint.« Umgehend warf die deutsche Presse linksgerichteten Schweizer Zeitungen vor, durch die Kritik am Nationalsozialismus zu diesem Mord angestiftet zu haben. Hitler bezichtigte das »Weltjudentum« der Tat, hielt sich mit weiteren lautstarken Kommentaren aber zurück, vermutlich wegen des bevorstehenden Einmarsches der Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland.

Ein Jahr später, im Januar 1937, schloss die Justiz nach einem weltweit beachteten Prozess die Akten des Falls. Das Kantonsgericht in Chur verurteilte den 28-jährigen David Frankfurter als gewöhnlichen Mörder zur Höchststrafe von 18 Jahren Zuchthaus, die Bundesanwaltschaft bestätigte das Urteil (1945 wurde er begnadigt und ausgewiesen; 1982 ist Frankfurter in Tel Aviv gestorben). Die politischen Motive, die der Täter dargelegt hatte, etwa Vergeltung für das den Juden in Deutschland zugefügte Leid, gestanden die furchtsamen Schweizer dem jungen Mann nicht zu. Der übermächtige deutsche Nachbar sollte nicht provoziert und die immer lauter auftretenden Nazis unter den eigenen Landsleuten möglichst ignoriert werden.

Das »Dritte Reich« verklärte derweil Wilhelm Gustloff zum Märtyrer. In Gustloffs Heimatstadt Schwerin ließ Hitler ihm eine pompöse Trauerfeier ausrichten. Dennoch fragte sich selbst manche Parteigröße, wer denn dieser neue »Blutzeuge des Auslandsdeutschtums« überhaupt gewesen sei. Auch heute noch ist das nach ihm benannte KdF-Schiff Wilhelm Gustloff , das, mit Tausenden ostpreußischen Flüchtlingen an Bord, in den letzten Kriegstagen von einem sowjetischen U-Boot in der Ostsee versenkt wurde, wohl bekannter als die Geschichte des Namensgebers.

Den Schweizer Behörden hingegen war Gustloff bereits 1932 als emsiger Organisator aufgefallen. Er lebte schon lange in der Schweiz. 1917, während des Ersten Weltkriegs, war der 22-jährige Bankangestellte aus Mecklenburg lungenkrank nach Davos gekommen und wegen des wohltuenden Klimas dort geblieben. Neben seiner Tätigkeit bei einem meteorologischen Instituts hatte er bienenfleißig und mit fanatischer Begeisterung für Adolf Hitler am Aufbau einer nationalsozialistischen deutschen Gemeinde in der neuen Heimat gewirkt. 1931 wurde Gustloff zum Leiter der Ortsgruppe Davos der NSDAP ernannt, 1932 trat er bereits als Landesgruppenleiter der Partei in der Schweiz auf.

In Davos bildeten die dauerhaft niedergelassenen deutschen Ärzte, Pfleger, Schwestern und Gewerbetreibenden eine veritable, bis zu 1500 Menschen zählende Kolonie. In Einrichtungen wie der Deutschen Heilstätte, dem Deutschen Kriegerkurhaus und im 1878 gegründeten Alpinen Pädagogium Fridericianum, einem Internat für lungenkranke Kinder aus dem Reich, fanden viele von ihnen einen Arbeitsplatz und nach 1933 auch die der neuen Zeit entsprechende ideologische Grundversorgung. »Gesund und stark werden für’s Vaterland, tüchtiger werden für’s Vaterland« lautete die Devise des Fridericianums.

Und Gustloffs Bemühungen fielen auf fruchtbaren Boden. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Der Reichsdeutsche erteilte der »Diktator von Davos«, wie er gegen Ende des Krieges in Schweizer Medien genannt wurde, Weisungen an seine Gefolgschaft. Im Sinne des »Führerprinzips« setzte Gustloff weniger auf Werbung als vielmehr auf Zwang: Von kooperationswilligen Kantonsbehörden und vom Davoser Kurverein besorgte er sich Adressen neu zugezogener Deutscher, die er aufforderte, an den Schulungsabenden der Partei teilzunehmen. Wer nicht erschien oder sich weigerte, Mitglied einer NS-Organisation zu werden, musste mit Meldung ins Reich und Repressalien bei der Heimkehr rechnen.

Deutsche Studierende an Schweizer Hochschulen sollten auf Gustloffs Weisung Fragebögen ausfüllen und Auskunft über ihre Einstellung zum »Dritten Reich« geben. In Davos bespitzelte er NS-resistente deutsche Gäste, legte ihnen nahe, ein von Juden geführtes Hotel zu meiden, und agitierte gegen Emigranten und jüdische Kurgäste. Schweizer Geschäfte, die sich weigerten, deutsche Waren anzubieten, wurden mit Boykottaufrufen überzogen. Der kleine Alpenführer ließ Formationen der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel aufmarschieren und weihte öffentlich Hakenkreuzfahnen, wozu das Horst-Wessel-Lied erklang. Zwischen 1932 und 1937 traten 189 Erwachsene der NSDAP, Dutzende Jugendliche der Hitlerjugend und der Sportgruppe der Davoser Ortsgruppe bei. Darüber hinaus waren schon 1934 von den 134000 in der Schweiz lebenden Deutschen rund 5000 Erwachsene und Jugendliche in 41 NSDAP-Ortsgruppen und Standorten von HJ und BDM organisiert und Wilhelm Gustloff unterstellt.

Trotz dieser Erfolge bleibt Gustloffs Persönlichkeit in allen zeitgenössischen Beschreibungen merkwürdig blass: Groß und schwer war er, dabei unsicher, ja gehemmt. Sein Hausarzt nannte ihn später einen »etwas beschränkten, teils gutmütigen, aber sehr fanatischen Menschen«. Der »Führer« war der Gott seines Lebens. »Wenn mir Hitler befiehlt«, soll Gustloff gesagt haben, »heute abend um 6 Uhr meine Frau zu erschießen, so mache ich 5 Minuten vor 6 meinen Revolver parat, und 5 Minuten nach 6 ist meine Frau eine Leiche.«

Viele deutsche Gäste indes schätzten die Nazipräsenz in der schönen Schweiz nicht. Sie verließen »Hitlerbad«, wie sie Davos nannten, denn dort war auf der Straße unter Deutschen der Hitlergruß üblich geworden, und suchten andernorts Erholung von Hakenkreuz, Propagandareden und dem tagtäglichen Terror in ihrer Heimat.

Das Davoser Gewerbe und das einheimische Establishment zeigten da weniger Berührungsängste. Die Weltwirtschaftskrise hatte den florierenden Kurort hart getroffen, die Zahl der deutschen Kurgäste halbierte sich innerhalb von drei Jahren. Nach 1933 waren die Deutschen wieder verlässliche Stützen des Aufschwungs. Aus den daniederliegenden Luxussanatorien machten sie »Volksheilstätten« und brachten neue Patienten ins Landwassertal. Während des Zweiten Weltkriegs schickte das Regime Tausende verlässliche Volksgenossen und kriegsverletzte Soldaten zur Erholung in die Davoser Sanatorien.

Während die politische Polizei und die eidgenössische Bundesanwaltschaft, durch sozialdemokratische Kommunalpolitiker gedrängt, Gustloffs Umtriebe früh beobachteten, legten sich etliche politische Mandatsträger des Kurorts eine geschmeidige Neutralitätsstrategie zu. Gustloff und seine machtvollen Helfer in der Ärzteschaft der deutschen Sanatorien erpressten im Ort offen Spenden zum Winterhilfswerk, und der Landesgruppenleiter nutzte das deutsche Gesetz zur »Sicherung der Einheit von Partei und Staat«, um das deutsche Vereinsleben gleichzuschalten. Das kümmerte den Davoser Landammann nicht sonderlich. »Durch Neutralität«, erklärte er 1935 mit Blick auf die deutsche Kolonie, »wird auch unsere Kurortsgemeinde sich ihre Lebenskraft zu erhalten und eine bessere Zukunft zu sichern wissen.« Zur Davoser Neutralitätspolitik gehörte dann auch, Erika Manns bekanntem Kabarett Pfeffermühle die Auftrittsgenehmigung zu verweigern – aus Sorge, das Gastspiel könnte die Beziehungen zur deutschen Einwohnerschaft trüben.

Nach dem Attentat auf Gustloff und den Reaktionen der Presse im Reich schreckte man für einen Augenblick auf. Noch im Februar 1936 verbot der Berner Bundesrat die Landesleitung und die Kreisleitungen der NSDAP in der Schweiz. Hohe ausländische Parteifunktionäre, die in ihrer Heimat »den Charakter von Hoheitsträgern« hätten, sollten in der Eidgenossenschaft keine politische Tätigkeit mehr ausüben können.

Ein Jahr später allerdings knickten die furchtsamen Nachfahren Wilhelm Tells wieder ein und gestatteten dem Mitglied der deutschen Gesandtschaft in Bern, Hans Sigismund Freiherr von Bibra, die Geschäfte der vormaligen Landesleitung zu übernehmen. Bibra vollendete im Schutz seiner diplomatischen Immunität Gustloffs Arbeit, gründete weitere NS-Organisationen und steigerte die Parteieintritte von Auslandsdeutschen, indem er sie mit der Aberkennung der Staatsbürgerschaft bedrohte.

Auch Gustloffs früherer Kollege am meteorologischen Institut und Nachfolger als Ortsgruppenleiter in Davos, Vizekonsul Georg Böhme, war ein Eiferer. Er veranstaltete für die Davoser Deutschen Schießübungen und betrieb mit Hilfe eines Gefolgsmanns drei Jahre lang einen nachrichtendienstlichen Sender, der bis 1943 unter anderem Informationen über deutsche Emigranten ins Reich funkte. Unter Spionageverdacht geraten, nutzte Böhme das diplomatische Zögern der Schweizer Behörden und floh. Sein Funker wurde zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Nach dem Frankreichfeldzug im Frühjahr 1940 nahm die Angst der Schweiz vor einem deutschen Überfall zu. Umso schärfer ging das Land nun gegen landesverräterische Umtriebe vor. Der Feind im eigenen Land – das war neben den misstrauisch beäugten deutschen Nationalsozialisten die eidgenössische »Frontenbewegung«. Seit dem Frühjahr 1933 waren in etlichen Orten der Schweiz rechtsextreme Fronten, Bünde und Wehren entstanden. Männer wie der Zürcher Rechtsanwalt, Gemeinde- und Nationalrat Robert Tobler, der wilde Antisemit und Redakteur des rechtsextremen Kampfblatts Eiserner Besen, Alfred Zander, oder der Schaffhauser Rechtsanwalt und Landesführer der Nationalen Front, Rolf Henne, erregten mit brutaler Umsturz- und Erneuerungsrhetorik öffentliche Aufmerksamkeit und füllten die Säle.

Der deutsche Nationalsozialismus bot diesen oft von jungen Akademikern geführten Gruppen das ideologische Vorbild: Absage an die Demokratie, Führerprinzip statt Schweizer Kollegialregierung, Rassentheorie und Antisemitismus waren die geistigen Fundamente der »Fronten«. Bis zum Verbot der Gruppen im Juli 1943, dem sogar Todesurteile gegen Frontisten wegen Spionage und Landesverrat vorausgegangen waren, belastete der Rechtsextremismus das innenpolitische Klima schwer. Wahlsiege konnten die Schweizer Faschisten nicht feiern, doch im Kanton Zürich, im grenznahen Schaffhausen und in St. Gallen errangen die »Fröntler«-Gruppen während der dreißiger Jahre immerhin Erfolge bis knapp unterhalb der 10-Prozent-Marke und stellten lokale und kantonale Abgeordnete.

Wie ihre großen Vorbilder jenseits von Bodensee und Rhein setzten einzelne Gruppen und Splittergruppen der Nationalen Front auch die Gewalt als Kampfmittel ein: Es kam zu kleineren Sprengstoffanschlägen, bedrohliche Fackelzüge fanden statt, und in Zürich rief die aus der liberalen Freisinnigen Partei hervorgegangene Front zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Am 1. Mai 1937 wurden in Bern die Synagoge und öffentliche Gebäude mit »Juda verrecke«-Parolen beschmiert.

Eine der SA nachempfundene, Harst genannte Schlägertruppe terrorisierte politische Gegner, eine Gruppe namens Säntis sabotierte 1935 eine Aufführung von Bertolt Brechts Dreigroschenoper im Zürcher Schauspielhaus und provozierte Saalschlachten mit demokratischen Parteivertretern und Kommunisten. Nach dem Krieg wurde die Erinnerung an den Frontismus in der Schweiz erfolgreich beschwiegen. Dass eine erregte Volksmenge, wie im Juni 1945 in Schaffhausen, nach einer Kundgebung vor die Geschäfte ehemaliger »Fröntler« zog und Schaufenster demolierte, blieb eine Episode am Rande.

Die deutschen Nationalsozialisten in der Schweiz hielten sich von ihren eidgenössischen Gesinnungsbrüdern fern. Zu Beginn der Frontenbewegung hatte Wilhelm Gustloff von Davos aus noch versucht, eine Zusammenarbeit zu vermitteln. Doch selbst er scheint später aus diplomatischen Rücksichten die direkte Einmischung in innerhelvetische Parteikämpfe vermieden zu haben.

Den Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, General Henri Guisan, und die Heerespolizei beschäftigte indessen die Frage, ob mit den deutschen Sportgruppen und NS-Organisationen eine militärisch gefährliche fünfte Kolonne für den Fall eines deutschen Einmarsches bereitstehe. Aus diesem Grund kontrollierte der Geheimdienst im Sommer 1940 jede ein- und ausgehende deutsche Post.

Nach der Affäre um Böhme 1943 wurde es stiller um die Davoser Kolonie. Die Deutschen dort wussten aus der Schweizer Presse zuverlässiger über die wahre Lage an den Kriegsfronten Bescheid als ihre Landsleute im Reich. Aber noch am 2. Februar 1945 lud die Ortsgruppe zu einer Feierstunde »anläßlich des Tages der Machtübernahme« ein.

Am 8. Mai 1945 zog eine etwa 1000 Köpfe zählende Volksmenge vor das deutsche Konsulat in Davos und forderte die Entfernung des Hakenkreuzschilds; eine Woche zuvor hatte der zuletzt noch mutig gewordene Bundesrat in Bern die sofortige erneute Auflösung der NSDAP-Landesgruppe verfügt. In Davos wurde, wie der junge Schweizer Historiker Urs Gredig 2002 in seinem Buch Gastfeindschaft dargestellt hat, schon während der ersten Nachkriegstage der Ruf nach einer umfassenden Säuberung laut. Damit sollte das Ansehen des »Nazinests« wiederhergestellt werden. »Es heißt nun Farbe bekennen und diese Elemente von Davos wegweisen«, appellierte ein Leserbriefschreiber an die Mitbürger. Volksversammlungen forderten, alle Deutschen, gleichgültig ob Patienten oder NS-Funktionäre, auszuweisen und Kollaborateure zu bestrafen.

Wie viele Deutsche tatsächlich des Landes verwiesen wurden, ist kaum zu rekonstruieren. Von den tausend deutschen Patienten in Sanatorien waren viele gar nicht reisefähig. Nur ein gutes Dutzend NS-Aktivisten musste die Koffer packen; einige wenige wählten den Freitod. Die geforderte Säuberung unter den kollaborierenden Schweizern verlief dagegen völlig im Sande. Schon schickten die Amerikaner erholungsbedürftige GIs nach Davos, rund 19000 waren es Ende 1945. Bald darauf kehrte die internationale Kundschaft zurück. Im beginnenden wirtschaftlichen Wiederaufstieg hätte das öffentliche Waschen der eigenen braunen Wäsche das Geschäft empfindlich gestört.

Als ein Schweizer Hilfswerk im Sommer 1946 das ehemals stramm nationalsozialistisch geführte Konsul-Burchard-Haus übernehmen und mit jüdischen Flüchtlingskindern belegen wollte, regte sich allerdings Widerstand im frisch gewendeten Davos. »Die Juden haben heute schon mindestens fünf Häuser mit zirka 250 Betten«, beschwerten sich Vertreter der örtlichen Geschäftswelt, »und man behauptet hartnäckig, dass Verhandlungen mit weiteren im Gange sind. Will man hier für sie eine Reservation schaffen? Warum dürfen nicht andere Orte auch das Ihrige zur Linderung der grossen Not der Juden tun?«

Das Hilfswerk setzte sich durch, die Kinder durften kommen. Davos war wieder für alle geöffnet.

Der Autor ist Direktor der Städtischen Museen Konstanz

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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