Einmal im Jahr wird Davos tatsächlich zum globalen Dorf. In diesen Tagen ist es wieder so weit. Zweitausend führende Manager, Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschafter versammeln sich in dem zehntausend Einwohner zählenden Wintersportort im Schweizer Kanton Graubünden zum wohl bekanntesten Runden Tisch der Welt, dem World Economic Forum. Das Familientreffen des globalen Kapitalismus in den Bündner Bergen hat ein Deutscher erfunden. Seit 1971 bittet der ehemalige Wirtschaftsprofessor, Konferenzveranstalter und Wahlschweizer Klaus Schwab nach Davos. Die Gästeliste liest sich wie ein Who’s Who der Zeitgeschichte: Bill Gates und Bill Clinton, Colin Powell, Jassir Arafat, Schimon Peres, Tony Blair… sie alle waren hier. Keiner sagte ab, als Professor Schwab ihn bat, Ideen zur Rettung der Welt – und die Skier mitzubringen. Werbeplakat, 1927Foto [M]: akg-images BILD

Klaus Schwab ist nicht der erste Deutsche von Bedeutung für Davos. Schon derjenige, der einst entscheidend dazu beitrug, aus der alten Bauernsiedlung im Landwassertal einen prosperierenden Kurort zu machen, stammte aus dem nördlichen Nachbarland. Es war der junge Arzt Alexander Spengler, ein Kämpfer der 48er-Revolution, der in der Schweiz Asyl fand (ZEIT Nr. 5/02). Nachdem er die heilende Wirkung des Höhenklimas auf Tuberkulosekranke entdeckt hatte, errichtete er zusammen mit dem Holländer Willem Jan Holsboer in Davos das erste Kurhaus.

Seit 1865 kamen immer mehr Deutsche in den rasch wachsenden Ort. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stellten sie konstant ein Drittel der bis zu 11.000 Gäste. Zu ihnen gehörte nicht zuletzt Thomas Mann, der die Davoser Atmosphäre in seinem Roman Der Zauberberg verewigt hat. Während des Krieges schickte das Rote Kreuz deutsche Internierte zur Kur. In den zwanziger Jahren kamen Berühmtheiten wie Albert Einstein und sprachen hier auf internationalen Tagungen; Erich Maria Remarque flanierte auf der Promenade, Ernst Ludwig Kirchner hatte ganz in der Nähe sein Atelier .

Doch auch ein finsteres Kapitel der Davoser und der Schweizer Geschichte verbindet sich mit einem deutschen Namen: Wilhelm Gustloff. Am 4. Februar 1936 wurde der damalige Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz im Empfangszimmer seiner Wohnung am Davoser Kurpark von dem jüdischen Medizinstudenten David Frankfurter erschossen. Zu diesem Zeitpunkt war der Weltkurort längst der wichtigste Vorposten des nationalsozialistischen Deutschlands in der Eidgenossenschaft geworden, so dass eine Graubündner Zeitung schon ironisch fragte: »Liegt Davos in der Schweiz?«

Der jugendliche Attentäter studierte in Bern Medizin. Unmittelbar nach der Tat stellte er sich der Polizei. In der ersten Vernehmung gab der Sohn eines Rabbiners aus Jugoslawien zu Protokoll: »Ich konnte nicht anders. Die Kugel hätte eigentlich Hitler treffen sollen, für den war es gemeint.« Umgehend warf die deutsche Presse linksgerichteten Schweizer Zeitungen vor, durch die Kritik am Nationalsozialismus zu diesem Mord angestiftet zu haben. Hitler bezichtigte das »Weltjudentum« der Tat, hielt sich mit weiteren lautstarken Kommentaren aber zurück, vermutlich wegen des bevorstehenden Einmarsches der Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland.

Ein Jahr später, im Januar 1937, schloss die Justiz nach einem weltweit beachteten Prozess die Akten des Falls. Das Kantonsgericht in Chur verurteilte den 28-jährigen David Frankfurter als gewöhnlichen Mörder zur Höchststrafe von 18 Jahren Zuchthaus, die Bundesanwaltschaft bestätigte das Urteil (1945 wurde er begnadigt und ausgewiesen; 1982 ist Frankfurter in Tel Aviv gestorben). Die politischen Motive, die der Täter dargelegt hatte, etwa Vergeltung für das den Juden in Deutschland zugefügte Leid, gestanden die furchtsamen Schweizer dem jungen Mann nicht zu. Der übermächtige deutsche Nachbar sollte nicht provoziert und die immer lauter auftretenden Nazis unter den eigenen Landsleuten möglichst ignoriert werden.

Das »Dritte Reich« verklärte derweil Wilhelm Gustloff zum Märtyrer. In Gustloffs Heimatstadt Schwerin ließ Hitler ihm eine pompöse Trauerfeier ausrichten. Dennoch fragte sich selbst manche Parteigröße, wer denn dieser neue »Blutzeuge des Auslandsdeutschtums« überhaupt gewesen sei. Auch heute noch ist das nach ihm benannte KdF-Schiff Wilhelm Gustloff , das, mit Tausenden ostpreußischen Flüchtlingen an Bord, in den letzten Kriegstagen von einem sowjetischen U-Boot in der Ostsee versenkt wurde, wohl bekannter als die Geschichte des Namensgebers.