DIE ZEIT: In der Schulstudie Lau haben Sie über neun Jahre hinweg die Mathe- und Englischkenntnisse aller Hamburger Schüler eines Jahrgangs getestet. Sie begannen Mitte der neunziger Jahre mit den Fünftklässlern und überprüften dieselben Schüler alle zwei Jahre erneut, zuletzt 2004 kurz vor ihrem Abitur. So entstand eine Längsschnittstudie mit großer Kontinuität – worin lagen die wichtigsten Erkenntnisse? Rainer Lehmann, 62, ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin BILD

Rainer Lehmann: Eine wesentliche Erkenntnis der Studie lag gerade in der Diskontinuität vieler individueller Bildungsbiografien. Etliche Jugendliche bleiben zwischendurch sitzen oder – noch schlimmer – verlassen die Hauptschule ohne ordentlichen Abschluss, verschwinden spurlos aus dem Schulsystem. Ob sie irgendwo inoffiziell einen Job annehmen oder in ihre Herkunftsländer zurückgehen, wir wissen es nicht. Das war das erste alarmierende Ergebnis. Umgekehrt gibt es nach dem Übergang in die Berufsschulen einen erheblichen Zustrom aus anderen Bundesländern. Nur ein kleiner Anteil der Schüler ist von Anfang bis Ende in der Untersuchung verblieben.

ZEIT: Eine solche Längsschnittstudie kostet extrem viel Geld. Ist es das wirklich wert?

Lehmann: Auf jeden Fall! Man muss doch wissen, was aus den jungen Menschen wird, ihre Bildungskarrieren verfolgen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich anfangs eine Längsschnittstudie selbst für illusorisch gehalten habe. Empirische Bildungsforschung war doch Mitte der Neunziger etwas Exotisches. Ich war daher positiv überrascht, dass Hamburg sich derart konsequent und mutig auf die Systembeobachtung eingelassen hat. Ursprünglich hatte ich Lau nur als einmalige Untersuchung angelegt. Das wäre ja auch schon was gewesen. Dass da noch mehr drin war, habe ich gemerkt, als ich die damalige Senatorin, Rosemarie Raab, davon überzeugen konnte, nicht nur eine Stichprobe zu machen, sondern alle Schüler zu untersuchen. Das war eine mutige Entscheidung – und die entscheidende Voraussetzung für einen Längsschnitt. Allerdings musste ich am Anfang jede Studie neu aushandeln. Erst bei der Lau-9 war vorher klar, dass es auch eine Lau-11 geben würde.

ZEIT: Welche Ergebnisse haben Sie in all den Jahren am meisten überrascht?

Lehmann: Ich finde besonders bemerkenswert, dass es im Hamburger Schulsystem eine Reihe von Benachteiligungen, die man immer erwartet, so nicht gegeben hat. Das gilt für die Kinder aus eingewanderten Familien, das gilt für die Mädchen. Das gilt gerade auch für die Mädchen aus eingewanderten Familien, die weit weniger mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, als man vielleicht denken würde.

ZEIT: Den Schulen wird also zu Unrecht vorgeworfen, nicht genug für sozialen Ausgleich und Integration zu tun?